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Lufthansa schafft Chaos

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Von: Johanna Apel

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Reisenden wird derzeit einiges abverlangt: Passagiere und Passagerinnen stehen am Flughafen Düsseldorf Schlange.
Reisenden wird derzeit einiges abverlangt: Passagiere und Passagerinnen stehen am Flughafen Düsseldorf Schlange. © dpa

Deutschlands größte Fluggesellschaft baut in der Pandemie zu viel Personal ab und kämpftjetzt mit einem hohen Krankenstand. Nun streicht die Airline mehr als 2000 Verbindungen –und das zum Beginn der Sommerferien.

Erneut hat Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa angekündigt, in den kommenden Wochen Flüge zu streichen. Diesmal sind es 2200 Verbindungen, die an den Drehkreuzen Frankfurt und München aus dem System genommen werden sollen. Für Reisende kommt das zur Unzeit: Am Wochenende startet mit Nordrhein-Westfalen das bevölkerungsreichste Bundesland in die Sommerferien – ein Stresstest für viele Flughäfen.

Das Unternehmen leidet unter Personalnot. Bereits vor Wochen hatte es angekündigt, etwa 900 Flüge im Juli zu streichen. Nach Lufthansa-Angaben leide die „gesamte Luftfahrtbranche insbesondere in Europa“ unter Engpässen und Personalmangel. Nun machen sich auch die gestiegenen Corona-Zahlen bemerkbar: „In den vergangenen Tagen kam es zu kurzfristigen Krankmeldungen unserer Crews“, teilt das Unternehmen mit. Es verweist auf „industrieweite Herausforderungen“. Die Lufthansa sei derzeit dabei, nach Möglichkeiten zusätzliches Personal zu rekrutieren.

Christine Behle vom Verdi-Bundesvorstand befürchtet jedoch, dass sich die Situation eher noch zuspitzen wird. „Wenn die Lufthansa jetzt nicht schnell handelt, suchen sich gerade jüngere Leute etwas anderes“, sagt sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Den Druck, beispielsweise am Schalter, halte man nicht unbegrenzt aus. Für sie ist es nicht verwunderlich, dass die Kranich-Airline nun vor so großen Stellenproblemen steht. „Lufthansa hat wie viele andere Airlines auch in der Pandemie Personal abgebaut“, so die stellvertretende Verdi-Vorsitzende. Natürlich sei die Luftfahrtbranche in den vergangenen Jahren auch in einer sehr schwierigen Situation gewesen. „Aber es wurde mit dem Abbau deutlich übertrieben“, so ihr Fazit.

Der Verkehrsminister soll’s richten

Angesichts des drohenden Chaos zur Sommerreisezeit wegen Personal-mangels hat der Verbraucherschutz Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) in die Pflicht genommen. Der Minister müsse „die Probleme in den Griff bekommen, wenn er nicht als Verkehrschaos-Minister in die Geschichte eingehen will“, sagte die Mobilitätsexpertin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), Marion Jungbluth, dem „Handelsblatt“. Airlines und Flughäfen bescherten Reisenden zur Urlaubssaison ein „unerträgliches Chaos“.

Der VZBV forderte eine Stärkung der Fluggastrechte – Reisende müssten bei Ausfällen oder Verspätungen automatisch entschädigt werden. afp

So habe es bei der Lufthansa beispielsweise „gute Abfindungsprogramme“ gegeben, die es den Leuten schmackhaft machten, sich woanders umzuschauen. „Da sind ganz viele gegangen“, sagt Behle, die auch im Aufsichtsrat der Lufthansa sitzt. Und genau diese Leute würden nun fehlen. Die Airline hätte allerdings auch in Krisen-Zeiten darauf achten müssen, einen bestimmten Schnitt an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu halten, um wieder hochfahren zu können.

Anders als bei anderen Fluggesellschaften sieht sie jedoch nicht das Problem in der mangelnden Aufstockung vom Kurzarbeitergeld. „Das ist nicht das Problem der Lufthansa, das ist eher bei anderen Unternehmen“, so Behle. Bei der Lufthansa habe es einen Tarifvertrag gegeben und Aufstockungen auf bis zu 90 Prozent.

Trotzdem haben die Beschäftigten die Lufthansa verlassen. „Ziemlich viele sind zur Bahn oder in den Logistikbereich gegangen“, sagt Behle. Auch der Einzelhandel sei für manche eine attraktive Alternative gewesen. „Es gibt viele Bereiche, wo teilweise besser bezahlt wird und sicherere Arbeitsbedingungen herrschen als bei der Lufthansa – gerade auf die Pandemie bezogen“.

Damit sich das zukünftig ändert, steht für die Gewerkschaftlerin fest: „Es braucht attraktive Arbeitsbedingungen.“ Viele Lufthansa-Mitarbeiter seien am Rande ihrer Kräfte. Dabei setzt Verdi auch auf die anstehende Tarifrunde in der kommenden Woche. „Wir haben zu deutlichen Lohnsteigerungen um 9,5 Prozent aufgefordert“, erklärt Behle. Insbesondere bei Beschäftigten im gewerblichen oder im Cargo-Bereich würden Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns gezahlt. „Die Lufthansa ist in einer schwierigen Situation, auch wirtschaftlich, das darf aber nicht auf Kosten der Beschäftigten gehen“, sagt sie. „Aber aus unserer Sicht ist es eine Überlebensfrage, in die Menschen zu investieren, die den Betrieb aufrechterhalten müssen.“

Denn die Reiselust der Deutschen nimmt wieder zu. Vielerorts sind die Einreisebeschränkungen gefallen und nach den harten Pandemie-Jahren zieht es viele raus, um Sonne zu tanken. Wie ein Lufthansa-Sprecher mitteilt, sollen die nun angekündigten Streichungen allerdings nicht „die in der Ferienzeit gut ausgelasteten klassischen Urlaubsziele“ betreffen. Besonders innerdeutsche und innereuropäische Flüge würden wegfallen. Allerdings könne es bei den Flügen auch zu „Zeitenänderungen“ kommen. Und der Sprecher kündigt direkt schon die nächsten Streichungen an: „Für die erste Septemberhälfte wird Lufthansa in der nächsten Woche weitere 600 Flüge von insgesamt rund 15 000 geplanten Flügen streichen.“

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