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Londons Schulterklopfer

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Von: Susanne Ebner

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Nazanin Zaghari-Ratcliffe, die aus dem Iran freigelassen wurde, trifft auf der RAF Brize Norton ein.
Nazanin Zaghari-Ratcliffe (Bild), die zusammen mit Anoosheh Ashoori inhaftiert war, trifft auf der RAF Brize Norton ein. © Leon Neal/dpa

Nach der Rückkehr zweier im Iran Inhaftierter feiert sich Boris Johnsons Regierung selbst.

Als Nazanin Zaghari-Ratcliffe in der Nacht zum Donnerstag lächelnd die Stufen der Flugzeug-Treppe hinabstieg, trug sie eine blaue Jacke und einen gelben Schal; als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine, wie manche vermuten. Ihre siebenjährige Tochter glaubte sie schon von weitem zu erkennen und fragte: „Ist das Mami?“. Wenige Minuten später konnte sich die Familie in der Empfangshalle eines Militärflughafens nahe Oxford nach Jahren der Trennung unter Tränen endlich wieder in Arme schließen. Der Ehemann der 44-Jährigen, Richard Ratcliffe, sagte: „Wir freuen uns auf ein neues Leben.“ Seine Schwester Rebecca postete ein Foto der drei auf Twitter und schrieb, ein kleines Mädchen habe seine Mama wieder. „Danke an alle, die das möglich gemacht haben.“

Die Mitarbeiterin einer gemeinnützigen Organisation und der pensionierte Bauingenieur Anoosheh Ashoori durften am Mittwoch aus Teheran ausreisen. Zuvor hatten sie mehrere Jahre im Iran im Gefängnis beziehungsweise im Hausarrest verbracht. Zaghari-Ratcliffe, die als Projektmanagerin bei einer Stiftung arbeitete, wurde im April 2016 nach einem Besuch mit ihrer Tochter bei ihren Eltern am Flughafen in Teheran verhaftet.

Die gebürtige Iranerin lebte seit 2007 in Großbritannien und arbeite unter anderem für Wohltätigkeitsorganisation, die Rechtsstaatlichkeit fördern. In diesem Zusammenhang kam der Vorwurf auf, sie habe als Spionin gearbeitet und solle versucht haben, die Regierung zu stürzen. Obwohl sie alle Anklagepunkte zurückwies, wurde sie von einem Gericht zunächst zu fünf und dann zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Pandemie verbrachte sie im Hausarrest.

Die Freilassung in dieser Woche wurde möglich, nachdem die britische Regierung unter anderem angekündigt hatte, alte Schulden in Höhe von rund 476 Millionen Euro aus der Zeit vor der Islamischen Revolution gegenüber dem Iran zu begleichen. Die Einzelheiten des Deals wurden offenbar im Februar bei Gesprächen mit Hilfe des Oman ausgehandelt, wie die britische Tageszeitung „The Guardian“ berichtete.

Vorwurf Richtung Premier

Der konservative britische Europaminister James Cleverly betonte am Donnerstag, dass man sich darauf geeinigt habe, dass das Geld für „sinnvolle“ humanitäre Zwecke ausgegeben werden müsse. Durch diese Übereinkunft sei es möglich gewesen, die Schulden zu begleichen – trotz der Sanktionen gegen Iran. „Wir mussten sicherstellen, dass das Geld nicht für terroristische Zwecke verwendet wird.“

Premierminister Boris Johnson bezeichnete den Deal zwischen den beiden Ländern und die Rückkehr der britisch-iranischen Doppelstaatsbürger:innen in das Vereinigte Königreich am Donnerstag als „Erfolg für die britische Diplomatie“. Die konservative Außenministerin Liz Truss schrieb kurz nach der Ankunft der beiden auf Twitter, die Freilassung sei das „Ergebnis der Bemühungen und des Engagements vieler Menschen im Außenministerium und der gesamten Regierung“.

Zaghari-Ratcliffes Mann Richard, der sich seit Jahren unter dem Slogan „Free Nazanin“ („Freiheit für Nazanin“) vehement für sie eingesetzt hatte, beklagte jedoch, dass insbesondere die Beamt:innen unter Boris Johnson nicht genug getan hätten, um die Freilassung seiner Frau zu erwirken. Im Oktober vergangenen Jahres trat er sogar in den Hungerstreik, um die Regierung dazu zwingen, Verantwortung für deren Schicksal zu übernehmen.

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