Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Er sieht Laschet als Verhandlungsmasse“: Politpsychologe Moritz Kirchner zum Verhältnis von Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU).
+
„Er sieht Laschet als Verhandlungsmasse“: Politpsychologe Moritz Kirchner zum Verhältnis von Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU).

Bundestagswahl

„Laschets Selbstkonstruktion ist durch die Wahl implodiert“

  • VonKristina Dunz
    schließen

Politpsychologe Moritz Kirchner über das Rationale an Armin Laschets Kampf um das Kanzleramt, Markus Söders Intriganz und das Geltungsbedürfnis von Spitzenkräften.

Herr Kirchner, leidet Armin Laschet unter Realitätsverlust, wenn er als Wahlverlierer die Bildung einer Jamaika-Koalition unter seiner Führung als Bundeskanzler anstrengt?

Wenn seine politische Karriere nicht beendet sein soll, muss Armin Laschet jetzt Parteivorsitzender bleiben und Kanzler werden, weil die Union Machtverlust nicht verzeiht. Daher ist dieses Verhalten aus Sicht seiner individuellen Parteikarriere absolut rational.

Wie muss man aufgestellt sein, wenn man im Wahlkampf durch eine emotionale Hölle geht, unterliegt und trotzdem eine Machtoption verfolgt.

Es braucht ein enormes Maß an Widerstandsfähigkeit und ein enormes Selbstwertgefühl. Man muss mit sich selbst gut sein. Die Besonderheit bei Armin Laschet ist die, dass ihm von Anfang an signalisiert wurde, er sei nicht der Richtige. Er musste für sich selbst die Konstruktion aufrechterhalten, dass er trotzdem der Richtige ist – und zum Ziel kommen wird. Diese Selbstkonstruktion ist durch das Wahlergebnis implodiert. Wenn er Zeit hätte, würden die Selbstzweifel kommen. Er hat aber keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, weil er aus seiner Logik nach der Macht greifen muss. Machtverlust ist für einen machtbewussten Politiker wie Armin Laschet psychologisch die Höchststrafe.

Und wenn er nicht Kanzler wird und den Parteivorsitz abgeben muss?

Dann muss er von allem Abstand nehmen und ganz banal Urlaub machen. Sich mit guten Freunden und Familie umgeben und sich abschirmen. Wirklich rausgehen aus der Situation und sich vergegenwärtigen, was man alles geschafft hat. Das Aktuelle weniger gewichten und sich stärker auf die positiven Dinge besinnen. Es ist ja nicht so, dass Armin Laschet in seiner Gesamtlaufbahn erfolglos war. Er hat in Nordrhein-Westfalen die Herzkammer der Sozialdemokratie erobert.

Könnte Laschet denn einfach aufhören und in Rente gehen?

Nein. Er muss etwas Neues machen. In der Psychologie sprechen wir von einem Machtmotiv, das Politikerinnen und Politiker wie Armin Laschet, Angela Merkel, Markus Söder oder Olaf Scholz haben. Ein Machtmotiv hat die stärkste Aufwallung in uns Menschen. Wenn das weg ist, fehlt Spitzenkräften etwas ganz Gravierendes. Nach einem politischen Karriereende brauchen sie ein neues Betätigungsfeld, wo sie ihr Geltungsbedürfnis ausleben können. In der Union ist das oft die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Was löst es in der Bevölkerung aus, wenn der Zweitplatzierte Chef vom Ganzen werden will?

Was für Politiker die Machtlogik ist, ist für die Bürgerinnen und Bürger eine Akzeptanz- und Demutslogik. Das Wahlergebnis ist eindeutig. Die Nachwahlbefragung sagt, dass die Menschen Olaf Scholz als Kanzler wollen. Viele hatten bereits ein schlechtes Bild von Armin Laschet, das sich noch am Wahltag verschlechterte, weil er seinen Wahlzettel falsch herum – nämlich sichtbar – in die Urne geworfen hat. Das ist der Bestätigungsfilter: Er kann es nicht. Was jetzt abermals bestätigt wird durch den Eindruck der Starrhalsigkeit, sich an die Macht klammern zu wollen. Er tut der Union damit keinen Gefallen. Das Verhalten schlägt insgesamt auf CDU und CSU zurück.

Zur Person

Moritz Kirchner, Psychologe und Politologe, arbeitet als Kommunikationstrainer.

Tut CSU-Chef Markus Söder der Union ein Gefallen?

Markus Söder hat mal wieder seine größte Konstante gezeigt, nämlich die Intriganz. Das muss man ihm lassen: Was seine Fähigkeit zur Intrige und seinen Machtinstinkt angeht, ist er in Deutschland nahezu unerreicht. Er sieht Laschet als Verhandlungsmasse, um FDP und Grüne doch noch in eine Jamaika-Koalition zu bekommen. Er hat zwar ebenso ein schlechtes Ergebnis eingefahren, ist jetzt aber der starke Mann in der Union.

Trauen Sie Söder zu, dass er sich doch noch zur Kanzlerwahl stellt?

Ja. Wenn er eine Chance sieht, doch noch Kanzler zu werden, wird er sie ergreifen.

Gibt es noch Menschlichkeit im Wahlkampf, auch was die Wechselwirkung von Politik und Medien betrifft?

Die sozialen Medien haben die Lage massiv verschärft. Die Nutzer betreiben Selbstaufwertung durch Fremdabwertung über negative, gehässige, zum Teil ekelhafte Posts. Aber was alle Medien eint: Sie produzieren ein unrealistisches, ein übermenschliches Bild von Politikerinnen und Politikern. Die sollen allseits kompetent, integer, immer gut drauf sein. Da wird eine Erwartungshaltung erzeugt, der niemand entsprechen kann, was notwendigerweise zu Enttäuschung und Desillusionierung und einem Abwertungskreislauf führt. Politik ist deshalb deutlich härter geworden.

Ihre Empfehlung für Politikerinnen und Politiker von heute – wie hält man das aus?

Widerstandsfähigkeit, positives Selbstwertgefühl und ein paar Personen, die absolut diskret und ehrlich sind, bei denen man sich ausheulen kann, ohne dass das am nächsten Tag in der Zeitung steht. Es braucht diesen Schutzraum, in dem man sich verletzlich zeigen kann. Und mit dem unbedingten Willen zur Macht, wie ihn Nietzsche beschreibt, kann man vieles aushalten und sogar aus den Konflikten Kraft ziehen. Aber auch durch Unterstützung von Freunden und Familie und die Fähigkeit, Angriffe nicht als Angriffe auf sich als Person, sondern auf sich in der politischen Funktion zu beziehen. Darin war die Kanzlerin meisterhaft.

Interview: Kristina Dunz

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare