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Kommt die Atomkraft zurück?

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Von: Steven Geyer, Kristina Dunz

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Seit Anfang Januar vom Netz: das AKW Gundremmingen in Bayern.
Seit Anfang Januar vom Netz: das AKW Gundremmingen in Bayern. © AFP

Erste Politiker fordern längere Laufzeiten, weil sie Engpässe fürchten, sollte Russland kein Erdgas mehr liefern. Erste AKW-Betreiber zeigen sich offen für Gespräche.

Die Furcht vor einem Stopp der russischen Gaslieferungen im Zuge des Ukraine-Krieges hat eine Debatte über die Verlängerung der Atomkraftlaufzeit entfacht. Nachdem CDU-Chef Friedrich Merz in der Sondersitzung des Bundestages am Sonntag gefordert hatte, „dass wir jetzt endgültig auf keine weiteren Optionen der Energieerzeugung mehr verzichten dürfen“, werden andere Unionspolitiker nun konkret: So fordert der Hamburger Bundestagsabgeordnete und CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß für die nächsten Jahre die Nutzung von Atomkraft zur Sicherung einer Grundlast in der Energieversorgung.

Er begrüße die wachsende Zahl an Stimmen aus SPD und Grünen, „die die Energiepolitik Deutschlands neu aufstellen wollen“, sagte Ploß dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Angesichts des immer brutaleren Angriffskriegs von Putin-Russland gegen die Ukraine wäre es unverantwortlich, nicht auch die Kernenergie in die energiepolitischen Konzepte der nächsten Jahre einzubeziehen“, so der CDU-Politiker.

Der Strom- und Energiebedarf in Deutschland werde in den nächsten Jahren massiv steigen, auch damit wir die Klimaziele erreichen können, betonte Ploß. „Um Arbeitsplätze und warme Wohnungen zu sichern, brauchen wir neben dem Ausbau der Erneuerbaren auch grundlastfähige Optionen jenseits von russischem Gas.“

Planmäßig laufen in Deutschland bis Ende dieses Jahres noch die drei Atomkraftwerke Isar des Energiekonzerns Eon in Bayern, Neckarwestheim 2 von EnBW in Baden-Württemberg sowie das AKW Emsland von RWE in Niedersachsen. Mit Beginn dieses Jahres waren drei weitere vom Netz gegangen: der RWE-Reaktor Gundremmingen C in Bayern sowie die Eon-Kraftwerke Grohnde in Niedersachsen und Brokdorf in Schleswig-Holstein.

Vor dem Hintergrund des Krieges kommen nun auch aus der schwarz-grün-gelben Regierungskoalition in Schleswig-Holstein erste Rufe, eine zeitweise Rückkehr zur Atomkraft zu prüfen: „Eine temporäre Aussetzung des Atomausstiegs sollte geprüft werden“, sagte der FDP-Energiepolitiker Oliver Kumbartzky am Dienstag. „Das betrifft zum einen die noch laufenden Kernkraftwerke, aber auch die erst vor wenigen Wochen vom Netz gegangenen Meiler wie beispielsweise Brokdorf.“ Länger auf Kohle zu setzen schade dagegen dem Klima und verringere die Abhängigkeit von Russland nicht, da Deutschland große Mengen an Steinkohle von dort importiere, so der Liberale.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte am Montag nach einem Treffen der EU-Energieminister gesagt, dass für Deutschland „Kohle und Atom keine Alternative sind, sondern die Situation gerade in der Ukraine zeigt uns, dass es die falschen Energien sind“. Nötig sei die Diversifizierung von Gas und der Ausbau von Ökostrom. Doch galt da noch die Aussage aller drei Betreiber, ihre AKW könnten nicht länger am Netz bleiben. „Kurzfristig wäre es gar nicht möglich, die Kernkraftwerke wieder hochzufahren“, hieß es etwa von RWE.

Das relativierten zwei der Versorger am Dienstag. Angesichts möglicher Versorgungsrisiken sei man „bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, sagte ein Eon-Sprecher dem „Handelsblatt“. EnBW erklärte, falls es „für die Versorgungssicherheit unumgänglich“ sei, werde man helfen, alle Möglichkeiten „technologieoffen auszuloten“. RWE blieb bei seiner Ablehnung.

Habeck, der für politische Gespräche in Washington weilt, konnte sich zunächst nicht äußern. Er hatte aber am Sonntag in der ARD seiner Absage noch die Einschätzung vorangestellt, die Frage sei relevant, und er würde sie „nicht ideologisch abwehren“. Darauf bezieht sich nun CDU-Bundesvize Carsten Linnemann und spielt damit auf die Prüfung längerer AKW-Laufzeiten an: „Ich finde die Einstellung des Bundeswirtschaftsministers richtig“, sagte er dem RND, „dass jetzt alle Optionen geprüft werden müssen, und zwar ohne Denkverbote.“

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