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Neuer Präsident: Kolumbien probiert es mit Links

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Von: Klaus Ehringfeld

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Der just gewählte Präsident sagt Armut, Kriminalität und fossilen Energien den Kampf an.

Bogotá – An diesem Wahlabend in Kolumbien, der so überraschend eindeutig endete, dominierte ein Wort: historisch. Es wurde fast inflationär gebraucht für dieses Wahlergebnis, das das südamerikanische Land verändern wird. Historisch, denn die Linke kommt nach 200 Jahren erstmals an die Macht, historisch auch, weil mit Gustavo Petro ein ehemaliger Guerillero in einem Land regieren wird, das über ein halbes Jahrhundert unter einem Bürgerkrieg litt. Petro, der frühere Bürgermeister von Bogota, holte 50,5 Prozent der Stimmen, der unterlegene Unternehmer Rodolfo Hernandez 47,3 Prozent.

Eine Premiere ist auch, dass mit Francia Márquez eine Frau und dazu noch eine Schwarze und frühere Hausangestellte Vizepräsidentin wird. Die 40-Jährige wurde zur Stimmenbringerin für Petro. Sie brachte die Menschen an die Urne, die sonst dem System den Rücken zuwenden: die Afrokolumbianerinnen und -kolumbianer, die Menschen der verarmten Regionen, die von Gewalt erschüttert werden. Sie mobilisierte diejenigen, die sie „die Nadies“ nennt, die „Niemands“, die 40 Prozent Armen der 50 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer. „Wir werden diese Nation versöhnen, wir werden uns entschlossen für den Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen“, verspricht sie.

Jubel und Konfettiregen für Gustavo Petro und seine Vize Francia Marquez in Bogota.
Jubel und Konfettiregen für Gustavo Petro und seine Vize Francia Marquez in Bogota. © dpa

Kolumbien-Präsident Petro: „Sieg des Volkes“

„Das ist der Sieg des Volkes“, sagte Petro in seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg in Bogotá. Eine knappe Dreiviertelstunde dauerte diese erste Ansprache als gewählter Präsident. Als erstes forderte er den Generalstaatsanwalt auf, alle Jugendlichen freizulassen, die infolge der sozialen Proteste von 2021 festgenommen wurden. Ein deutlicher Hinweis auf seinen politischen Kurs und an diejenigen, denen er seinen Wahlsieg in großen Teilen zu verdanken hat.

Petro gelang es in der Stichwahl, Nichtwähler zu mobilisieren, vor allem junge Menschen, die traditionell dem politischen Establishment skeptisch gegenüber stehen. 58 Prozent betrug die Wahlbeteiligung – ein Rekordwert. Und so ist Petro der Präsident, der mit der höchsten Stimmenzahl ins Amt gehievt wurde, 11,3 Millionen Wählerinnen und Wähler stimmten für ihn.

„Jetzt kehrt endlich auch in Kolumbien demokratische Normalität ein. Hier haben die Linken noch nie regiert. Es war nun mal an der Zeit“, sagt Yann Basset, Politologe an der Universidad del Rosario in Bogotá. Petro will fast alles anders machen als seine Vorgänger. Das herausforderndste Ziel dabei ist, sein Land zum Vorreiter einer modernen Klimapolitik in Lateinamerika zu machen. Aber das beinhaltet, Hand an die ökonomischen Fundamente Kolumbiens zu legen, den Öl- und Kohleexport.

Kolumbiens Präsident Petro möchte Reichtum fairer verteilen

„Wir werden den Kapitalismus entwickeln“, versprach Petro. Er sagte Feudalismus und Sklaverei den Kampf an und versprach, den sozialen Ausgleich voranzutreiben. Das südamerikanische Land ist eines der reichsten des Kontinents, aber nirgendwo ist der Reichtum so ungleich verteilt wie hier. Und so wird Petro vor allem die großen Hoffnungen moderieren müssen, die jetzt seine Unterstützer und die „Nadies“ an ihn herantragen.

Sein Sieg schürt auf der anderen Seite ebenso massive Ängste bei Unternehmern, die fürchten, dass er aus Kolumbien ein zweites Venezuela machen will. In Chile, wo der Linke Gabriel Boric seit 100 Tagen regiert, kann Petro sehen, wie schwer es ist, die Ansprüche der Menschen zu erfüllen, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Eliten gegen sich hat.

Petro genießt Vertrauensvorschuss in Kolumbien

Petro müsse nun beweisen, dass er „Sozial- und Wirtschaftspolitik zusammen denken“ könne, sagt Florian Huber von der Heinrich-Böll-Stiftung in Bogotá. „Kolumbien wagt den Wandel und hat den künftigen Präsidenten mit einem großen Vertrauensvorschuss ausgestattet“, betont Huber. Die Aufgabe sei es nun, diesem in Zeiten komplexer nationaler und internationaler Herausforderungen gerecht zu werden, sagt Huber.

Auf viel Zustimmung wird allerdings Petros Plan stoßen, das bereits 2016 geschlossene Friedensabkommen mit der Linksguerilla FARC endlich umzusetzen. Sein Vorgänger Iván Duque hatte das Abkommen beharrlich boykottiert. Petro will zudem die Friedensverhandlungen mit der kleineren ELN-Guerilla aufleben lassen. (Klaus Ehringfeld)

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