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China: Kohleland mit grüner Perspektive

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Von: Fabian Kretschmer

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Mehr Investitionen in Erneuerbare als die EU: schwimmende Photovoltaik in der Provinz Anhui im Osten Chinas.
Mehr Investitionen in Erneuerbare als die EU: schwimmende Photovoltaik in der Provinz Anhui im Osten Chinas. © Imago/Xinhua

China ist für ein Drittel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Präsident Xi will das ändern.

Als Xi Jinping am 16. Oktober den historischen 20. Parteitag eröffnete, sparte er in seiner zweistündigen Rede das Thema Klimawandel keineswegs aus. Ganz im Gegenteil: Der 69-jährige Staatschef versprach, die Emissionen des Landes „grundsätzlich eliminieren“ zu wollen. Zudem sagte er vor den Parteidelegierten in der Großen Halle des Volkes: „Wir müssen danach handeln, dass unsere klaren Gewässer und üppige Berglandschaft von unschätzbarem Wert sind“.

Nun, nachdem Xi seine neue Führungsmannschaft vorgestellt hat, ist es an der Zeit, der Volksrepublik einer klimapolitischen Bilanz zu unterziehen. Angesichts der bevorstehenden UN-Klimakonferenz im ägyptischen Scharm el Scheich steht der weltweit größte CO2-Verschmutzer schließlich zunehmend unter Druck, weitere Resultate zu liefern.

Fest steht: Xi Jinping wird als derjenige chinesische Staatschef in die Geschichtsbücher eingehen, unter dem der Umweltschutz erstmals zur Chefsache erklärt wurde. Und dafür war es auch höchste Zeit, denn die massiven Probleme in der Volksrepublik drohten längst, die gesellschaftliche Stabilität des Landes zu gefährden: Der rasante Wirtschaftswachstum hatte zu apokalyptischen Feinstaubwerten in den Städten geführt, der Verschmutzung von unzähligen Gewässern sowie der Zerstörung von jahrtausendealten Landwirtschaften.

Dabei ist China vom Klimawandel auch im internationalen Vergleich überproportional bedroht. Diesen Sommer litt das Land unter der schlimmsten Hitzewelle seit Beginn der modernen Wetteraufzeichnungen vor sechzig Jahren. Die Flüsse trockneten aus, während sie in anderen Landesteilen sintflutartig überliefen. Fabriken mussten schließen, ganze Städte waren von Stromausfällen betroffen und der wirtschaftliche Schaden ging in die Milliarden. Wie Fachleute in den Staatsmedien warnten, müssen sich die 1,4 Milliarden Chines:innen künftig an solche Extremwetter als neuen Normalzustand gewöhnen.

Den Ernst der Lage hat Chinas Staatschef zweifelsohne erkannt. 2020 verkündete Xi erstmals die langfristigen Klimaziele des Landes: Noch innerhalb des laufenden Jahrzehnts will man den Höhepunkt der nationalen CO2-Emissionen erreichen, bis 2060 schließlich vollkommen klimaneutral werden.

Es wäre die größte Schadstoffreduktion in der Geschichte der Menschheit. Wie viel diese kosten würde, hat aktuell die Weltbank in einer Schätzung erhoben: Allein für die Klimaneutralität der zentralen Bereiche Strom und Verkehr müsste Peking insgesamt 14 Billionen US-Dollar investieren.

Viel Kohle, viel Erneuerbare

Im Oktober vergangenen Jahres versprach China im Rahmen des Pariser Klimaabkommens, das Maximum seiner Emissionen vor dem Jahr 2030 zu erreichen und bis 2060 klimaneutral zu werden. Dennoch bewertet das Projekt „Climate Action Tracker“ die chinesischen Bemühungen als „höchst unzureichend“. Wenn alle Länder der Welt ähnliche Anstrengungen zeigten, würde sich die Welt demnach um drei Grad erhitzen.

Rund 55 Prozent des Energiebedarfs im Land wurden im vergangenen Jahr mit Kohle gedeckt, 19 Prozent mit Öl, neun Prozent mit Gas und zwei mit Atomenergie. Aus erneuerbaren Energien kamen knapp 15 Prozent der Energie.

Die Pro-Kopf-Emissionen lagen in China laut Daten der Weltbank im Jahr 2019 bei 7,6 Tonnen Kohlendioxid pro Person und Jahr. In Deutschland lagen sie demnach bei 7,9, in den USA bei 14,7 Tonnen. Indien steht etwa bei 1,8 Tonnen pro Kopf, in vielen afrikanischen Ländern liegen sie unter einer Tonne. fme

Derzeit ist man von Klimaneutralität freilich noch weit entfernt: Wenn man die sogenannte CO2-Emissionsintensität des Bruttoinlandsprodukts anschaut – also wie viel Schadstoffe gemessen am Wachstum produziert werden –, dann ist die Volkswirtschaft in China im Vergleich zur europäischen Union dreieinhalb mal so schmutzig. Vor allem aber, und darauf schauen ebenfalls viele Beobachter:innen, ist die Volksrepublik China absolut gesehen mit Abstand der größte Schadstoffemittent weltweit. Fast ein Drittel der globalen CO2-Emissionen werden im Reich der Mitte ausgestoßen.

Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. China verfügt nämlich gleichzeitig über ein Drittel der weltweit installierten Windenergie und ein Viertel der Solarkapazität. Im Bereich erneuerbarer Energien investiert das Reich der Mitte zudem mehr als die europäische Union und die Vereinigten Staaten zusammen. Nicht zuletzt hat die chinesische Regierung im Vorjahr versprochen, dass man keine Kohlekraftwerke im Ausland mehr bauen werde. Von sämtlichen über 100 bereits geplanten Projekten wurden bereits ein Viertel suspendiert, was laut dem „Center for Research on Energy and Clean Air“ jährlich 85 Millionen Tonnen Kohlendioxid verhindern wird.

Doch natürlich bleiben bei Chinas Klimazielen viele Fragen offen. Wenn sich die derzeit angeschlagene Wirtschaft nicht allmählich erholt, könnte die Regierung versucht sein, ihre Priorisierung des Klimaschutzes für ein höheres Wachstum zu opfern.

Zudem wird der globale Kampf gegen den Klimawandel massiv vom eskalierenden Konflikt zwischen Peking und Washington gelähmt. China hat schließlich seine Klimagespräche mit den USA prompt suspendiert, nachdem im August die Demokratin Nancy Pelosi Taiwan besucht hat.

Trotz aller Hindernisse scheint Chinas Staatsführung nach wie vor an ihren Zielen festhalten zu wollen. Und wenn man genauer hinschaut, kann man auch in der neuen Parteiführung einige Lichtblicke beobachten: So hat es Ende Oktober der Bürgermeister Pekings ins mächtige Politbüro geschafft. Chen Jining hat an der berühmten Tsinghua-Universität Umwelttechnik studiert und die Hauptstadt grün gestaltet. Je mehr Kader wie Chen es an die Spitze des Machtapparats schaffen, desto tiefer wird die Klimapolitik des Landes in der Agenda des Landes verankert.

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