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Klimawende ohne Personal

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Von: Christoph Höland

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Heizungsbauerinnen und -bauer werden dringend gesucht.
Heizungsbauerinnen und -bauer werden dringend gesucht. © Imago

Vor allem junge Menschen wünschen sich mehr Umweltschutz. Doch viel zu wenige von ihnen wollen in Ausbildungsberufe gehen, die für den Wandel benötigt werden, klagen Fachleute.

Erst der Klimawandel, dann der Krieg in der Ukraine: Deutschlands Energieversorgung steht in den kommenden Jahren ein beispielloser Umbau bevor. Für Ausbildungsinteressenten birgt das große Chancen: „Die entsprechenden Fachkräfte waren wegen der Energiewende ohnehin gefragt, die Folgen des Kriegs in der Ukraine verschärfen das“, sagt Monika Hackel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Schon jetzt boomt die Nachfrage etwa nach Solaranlagen, effizienteren Heizungen und Dämmungen – und die Politik beschleunigt die Planungen: Millionen zusätzliche Wärmepumpen sind bereits beschlossene Sache, mit dem geplanten Osterpaket soll auch die Stromversorgung rasch grüner werden. Und doch mangelt es am Bauvolk für die neue, nachhaltigere Welt: 60 000 Monteurinnen und Monteure fehlen allein für die Installation der Wärmepumpen, warnte zuletzt der Zentralverband Sanitär, Heizung, Klima (SHK).

Insgesamt sieht es im Handwerk kaum besser aus, schildert der Zentralverband des Handwerks (ZDH): 250 000 qualifizierte Fachkräfte fehlten schon jetzt. „Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass all die zusätzlichen Vorhaben mit dem jetzigen Stamm an Beschäftigten kaum zu schaffen sind“, erklärte ein Sprecher. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das alles funktionieren soll“, sagt auch Hackel.

Ausschließlich auf die Energiewende bezogene Ausbildungsberufe gibt es ihr zufolge kaum – wohl aber viele, die wegen des Megathemas wichtiger werden: Hackel rechnet mit einem größer werdenden Fachkräftemangel vor allem in der Baubranche, bei Mechatroniker:innen und Anlagetechniker:innen sowie Handwerker:innen für energetische Gebäudesanierungen. „Wie bisher werden auch IT-Fachkräfte händeringend gesucht, weil vernetzte Anlagen einen Beitrag zur Energiewende leisten sollen“, erklärt Hackel.

Untersuchungen des IAB, einem zur Bundesagentur für Arbeit gehörenden Forschungsinstitut, zeigen, wie groß die Engpässe sind: Zwar fehlt auch im medizinischen Bereich und in der Pflege viel Personal. Doch die Top Ten der Mangelberufe werden vom Bau und vom Handwerk dominiert. „Bedarf besteht in allen Handwerksberufen, besonders hoch ist er im Bau und in den Ausbaugewerken“, bestätigt der ZDH.

Angst, dass für die Energiewende relevante Jobs bald wieder wegfallen könnten, müssen Bewerberinnen und Bewerber Hackel zufolge nicht haben: Die Energiewende dürfte schlussendlich bis 2050 dauern, auch danach gebe es sicher noch viel zu tun. „Wenn die Welt nicht völlig aus den Fugen gerät, bleiben das langfristig gefragte Jobs“, ist die Berufe-Expertin überzeugt.

Sie rührt deshalb die Werbetrommel für Ausbildungsberufe: „Im Handwerk muss man schon ordentlich reinhauen, aber die Aufstiegschancen sind gut, das geht ja bis zur Selbstständigkeit“, sagt Hackel. Mit regelmäßigen Weiterbildungen könne etwa ein Mechatroniker auf fast das gleiche Lebenszeiteinkommen wie ein durchschnittlicher Akademiker kommen, weiß die Expertin. „Viele sind glücklicher, wenn sie praktisch arbeiten können“, berichtet Hackel außerdem.

Tatsächlich übersteigen laut IAB 2019 die Spitzengehälter vieler Fachkräfte durchaus die Gehälter schlecht verdienender Akademikerinnen und Akademiker. Typische Fachkräfte mit Berufsabschluss verdienen hingegen deutlich weniger: 3140 Euro waren es bei ihnen im Monat, während ein Studium im Median zu 5566 Euro monatlichem Einkommen führte.

Glücklich sind denn auch nicht alle Menschen in den Berufen, denen nun eine glorreiche Zukunft vorhergesagt wird. Arbeitgeber und Gewerkschaften etwa haben sich zuletzt zerstritten, als es um den Mindestlohn auf dem Bau ging. Für Azubis mit fragwürdigen Arbeitsbedingungen birgt der Fachkräftemangel laut Hackel allerdings einen zentralen Vorteil: „Wegen des Personalmangels ist es derzeit einfacher denn je, zu einem besseren Ausbildungsbetrieb zu wechseln.“

Zudem: „Für ältere Bewerberinnen und Bewerber gibt es zahlreiche Fördermöglichkeiten“, sagt sie. Infrage kämen dann etwa Umschulungen, Teilzeitausbildungen oder das sogenannte Aufstiegs-Bafög. Doch jüngeren, mitunter in der Klimabewegung aktiven Menschen legt sie die Ausbildungsberufe besonders nahe: „Ohne ausreichenden Fachkräftenachwuchs können Handwerk und Industrie die Energiewende nicht umsetzen.“

So sagte Jens Pfafferott, Professor am Institut für nachhaltige Energiesysteme der Hochschule Offenburg, der dpa, sein Institut habe im Jahr nur zehn Absolventen. „Wir hätten Kapazitäten für 60.“ Ein Problem sieht er im Image mancher Berufe. „Die Faszination, die dahintersteckt, kommt nicht an.“ Robert Pomes vom Industrieverband Technische Gebäudeausrüstung Baden-Württemberg, schlägt in dieselbe Kerbe: Viele junge Menschen wollten etwas wie Umweltmanagement machen, aber nichts mit Lüftungen oder technischen Installationen. „Da, wo es konkret wird, wo man viel forschen und die Dinge umsetzen muss, bekommen wir keine Leute“, sagt der Geschäftsführer. „Wir kriegen die ‚Fridays for Future‘-Jugend nicht in unsere Berufe.“

Beim Thema Klimaschutz schauten die meisten auf Umwelt und Verkehr, aber nicht auf Gebäude, dabei sei hier der CO2-Ausstoß immens. Aber das sei nicht so „sexy“, vermutet Pomes. Zudem seien viele Berufe nicht so bekannt. „Dass man Medizin studieren kann, weiß man auch, wenn der Vater nicht Arzt ist.“ Mit „Technischer Systemplaner“ könnten die meisten Menschen dagegen erst einmal nichts anfangen.

Hilmar John vom Karlsruher Verein fokus.energie prognostiziert, die Jobmöglichkeiten würden nicht zuletzt wegen vieler Start-ups in klimarelevanten Sektoren immer größer. „Das ist eine ziemlich sichere Angelegenheit.“ (mit dpa)

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