1. Startseite
  2. Hintergrund

Kleines Land, große Wirkung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Kristina Dunz

Kommentare

Die Erwartungen ihrer Bundesparteien an CDU-Ministerpräsident Tobias Hans (l.) und Sozialdemokratin Anke Rehlinger sind groß.
Die Erwartungen ihrer Bundesparteien an CDU-Ministerpräsident Tobias Hans (l.) und Sozialdemokratin Anke Rehlinger sind groß. © dpa

Am Sonntag wird im Saarland gewählt: CDU-Mann Tobias Hans und SPD-Kandidatin Anke Rehlinger kämpfen fair – die Sozialdemokratische Partei hat aber noch eine Rechnung offen.

Anke Rehlinger streckt die Faust zum Corona-Gruß aus. Die DGB-Landesvorsitzende ist da, der Bosch-Betriebsratschef und der Geschäftsführer der IG Metall Völklingen auch. Er stürmt auf die saarländische Wirtschaftsministerin und SPD-Bundesvizevorsitzende zu. Für sie habe er sich etwas Besonderes aufgehoben, wenn sie wieder da sei, ruft er. „Corona-Queen“, schallt es durch den Raum. Man kennt sich, man duzt sich. Rehlinger ist eine von ihnen.

Die SPD-Politikerin lacht. Sie setzt mit ihrer Rechten an, man könnte meinen, dass sie Gewerkschafter Ralf Cavelius gleich eine scheuert. Ist natürlich nur Spaß – aber beeindruckend, wenn die Landesrekordhalterin im Kugelstoßen so einen Ausfallschritt macht. Die 45-Jährige ist einfach froh, zurück zu sein nach ihrer Corona-Infektion, während Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sich sorgt, es auf den letzten Metern vor der Landtagswahl am Sonntag noch zu bekommen. Was er an diesem Abend in der Runde mit den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten bei der Arbeitskammer in Saarbrücken nicht weiß: In kaum 24 Stunden wird er positiv getestet werden.

Pandemie-Wahlkampf geht nur unter erschwerten Bedingungen. Keine Großveranstaltungen, keine Nähe zu den Menschen, die man doch überzeugen will. Und das bei diesen weltbewegenden Themen: Putins Krieg gegen die Ukraine und die energiepolitischen Auswirkungen bis in den letzten Winkel auch des kleinen Saarlands. Spritpreise schießen in die Höhe, was Hans zu einem Wutausbruch auf Twitter verleitet. Spott erntet er dafür, aber das Video wird zwei Millionen Mal geklickt.

Auch die Strompreise klettern in die Höhe, für das Land mit seiner Stahlindustrie ein Problem. Und Corona ist auch nicht überwunden. Inzidenzen sind hoch, Krankenhäuser stöhnen – und Schutzmaßnahmen fallen, weil es die FDP im Bund durchgedrückt hat.

Hans und Rehlinger stehen unter Druck. Die Erwartungen ihrer Bundesparteien sind hoch. Rehlinger hat Chancen, die Macht der seit 23 Jahren im Saarland regierenden CDU zu brechen. Die SPD im Bund wünscht sich aber eine rot-grün-gelbe Koalition, um eigene Projekte besser durch den Bundesrat zu bringen. Dann sei zu befürchten, dass die Ampel von Berlin bis Saarbrücken durchregiere, warnt Hans. Rehlinger bekundet aber Sympathien für die große Koalition.

Die Bundes-CDU mit ihrem neuen und familiär im Saarland verwurzelten Vorsitzenden Friedrich Merz gibt vor, dass es sich klar um eine Landtagswahl mit Saar-Themen handele. Soll heißen: Merz ist nicht mit schuld, wenn Hans verliert. Die größere Sorge der CDU ist aber, dass das kleine Saarland wieder einen großen Trend für die nächsten Landtagswahlen setzt. Im Mai wird in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen gewählt. Das Wahljahr 2017, als das Saarland zum Vorboten wurde, haben alle in Erinnerung.

Damals stoppte CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer an der Saar die Euphorie für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Ihre Aussichten waren nicht rosig, dann startete sie ein Manöver: Entweder bleibe sie Ministerpräsidentin oder sie steige aus der Landespolitik aus. Sie gewann – der Anfang vom Ende für Schulz. Die CDU mit Daniel Günther kippte die SPD in Kiel, CDU-Mann Armin Laschet gewann gegen Hannelore Kraft in Düsseldorf, schließlich verlor die SPD die Bundestagswahl. Nun möchte sie sich auf ganzer Linie revanchieren.

Hans und Rehlinger selbst haben ein gutes Verhältnis. Es wirkt, als möchten sie als Koalitionäre zusammenbleiben. Hans sagt, „eine Dreier-Koalition wäre für das Saarland in der jetzigen Umbruchszeit keine Lösung“. Rehlinger erklärt, sie sei keine Freundin von Experimenten. Nur will sie jetzt selbst auf den Chefsessel. Und Hans, der das Amt von „AKK“ in der laufenden Wahlperiode übernommen hatte, will sich erstmals als Spitzenkandidat beweisen.

Der 44-Jährige kann den Saarländern aber nicht wie Kramp-Karrenbauer mit dem Ausstieg aus der Landespolitik drohen. Er ist nicht so verhaftet wie es Kramp-Karrenbauer war. Bevor sie Ministerpräsidentin wurde, war sie elf Jahre als Ministerin in so gut wie allen Ressorts. Eine solche Karriere hat wiederum Rehlinger vorzuweisen: Sie war Ressortchefin für Justiz, Umwelt und Verbraucherschutz und führt seit Jahren das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr. Hans ist seit 2009 Landtagsabgeordneter, war von 2015 bis 2018 Fraktionschef, einen Ministerposten hatte er nie.

Hans sagt über Rehlinger, er schätze an ihr, dass sie immer eine verbindliche Form der Zusammenarbeit gefunden hätten. Rehlinger sagt über Hans: „Tobias ist ein sehr freundlicher, aufgeschlossener und fast immer gut gelaunter Mensch.“ So geht er auch durch die Fußgängerzone von Saarbrücken, macht Straßen-Wahlkampf. Eine Frau beklagt sich, sie habe ihm vor einem Jahr einen Brief geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Eine Cafébetreiberin klagt, dass die Stadt ihr keine Dachterrasse genehmige, andere freuen sich über ein Gespräch, wieder andere grüßen, ein Pärchen bittet um ein Selfie. Immer freundlich, immer lächeln. Ringen um jede Stimme.

Die Grünen sind mit ihrem Stand in Sichtweite. José Rodriguez vom Bezirksrat Mitte beobachtet genau, dass die CDU auch Waffeln verteilt. Er hat sonst vegane Gummibärchen dabei, aber heute muss der geistige Inhalt reichen. Er sagt, vielleicht komme es ja zu Rot-Grün, wenn FDP und Linke nicht in den Landtag einzögen. Schwarz-Grün sei zahlenmäßig unwahrscheinlich. Dafür, dass sich die Landesgrünen ziemlich zerlegt haben und erst auf den letzten Drücker Juristin Lisa Becker zur Spitzenkandidatin gemacht haben, tritt er ganz schön selbstbewusst auf. Keine Probleme bei den Grünen? „Nee!“ Alles bestens. Wahlkampf-Wahrheit.

Zurück zur Arbeitskammer. Hans ist der einzige Mann in der Runde – sozusagen in einer „Elefantinnen“-Runde. Man geht pfleglich miteinander um. Hans, Rehlinger, Becker, die Unternehmerin Angelika Hießerich-Peter von der FDP und die Linken-Landesvize Barbara Spaniol lassen sich ausreden, ergänzen sich, pflichten sich auch bei. Wann kommt das E-Auto? Woher kommt der Strom für die E-Mobilität? Wann wird Wasserstoff die Energie der Zukunft? Was regelt der Markt? Wie grün kann die Stahlindustrie im Saarland werden? Werden wir frieren müssen für Frieden in der Ukraine? In diesen Zeiten ist Weltpolitik auch Landespolitik im Saarland. Einspruch könnten die fünf brav mit einem Kärtchen einlegen, machen sie aber kaum. Die AfD ist nicht dabei, sie hat keine Landesliste und daher keinen Spitzenkandidaten.

Nach jüngsten Umfragen können FDP und Grüne nicht sicher sein, den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde zu schaffen. Die Linke könnte nach dem gezielten Austritt ihres Frontmannes Oskar Lafontaine kurz vor der Wahl rausgewählt werden. Am stärksten von den kleinen Parteien wird die AfD mit sechs Prozent eingeschätzt. So ist am Sonntag auch noch die ganz große Überraschung möglich: SPD-Alleinregierung? Drei-Parteien-Parlament? Groko gegen AfD? Oder doch ein Dreierbündnis?

Ob das gutgehen könnte in einer Regierung mit einem so instabilen Grünen-Verband? Oder mit Jamaika unter Hans? Da wäre allerdings eher die FDP das Problem. Sie hat der CDU nie verziehen, dass Kramp-Karrenbauer 2012 ohne Vorwarnung das Jamaika-Bündnis krachen ließ und eine große Koalition einging. Das Verhältnis zur CDU sei nachhaltig gestört, heißt es.

Hans oder Rehlinger – die Entscheidung über die nahe politische Zukunft im Saarland mit Ausstrahlung auf das ganze Land fällt am Sonntag zwischen ihnen beiden. Hans sagt: „Gewonnen wird auf den letzten Metern. Das kenne ich vom Ausdauersport“. CDU-Anhänger kennen aber auch Rehlinger vom Sport – aus ihrer Zeit als Spitzensportlerin der Leichtathletik. Eine Einzelkämpferin sei sie, hart gegen sich selbst. Rehlinger will aber lieber als Teamplayerin dastehen. „Man trainiert gemeinsam und hält zusammen“, betont sie. Doch dann sind da noch diese Sätze: „Entweder liefere ich oder nicht.“ Und: „Am Startblock steht man allein“.

Was machen sie eigentlich, wenn sie verlieren, wenn etwas schiefläuft im Leben? Rehlinger, Mutter eines Sohnes, sucht Ablenkung auf ihrer Obstwiese, Schäferhündin Mücke ist dabei. Hans geht in den Stall. „In schwierigen Lebensphasen – Abschied, Krankheit, Tod – zieht es mich zum Pferd“, sagt er. Vier Araberpferde hat er. Sie erdeten, sie trösteten, sie gehörten zur Familie, erklärt der dreifache Familienvater. Und sie geben ihm das Gefühl von Freiheit.

Auch interessant

Kommentare