1. Startseite
  2. Hintergrund

Keine Rubel, kein Gas

Erstellt:

Von: Frank-Thomas Wenzel

Kommentare

Die Zentrale von Gazprom in St. Petersburg.
Die Zentrale von Gazprom in St. Petersburg. © dpa

Moskaus Embargo gegen Warschau und Sofia schürt Sorgen in Brüssel. Ein kompletter Lieferstopp scheint aber nicht bevorzustehen.

In Deutschland wird der Stopp russischer Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien mit Sorge gesehen. „Die Versorgungslage bei uns ist stabil und wir tun alles, damit dies weiter so bleibt. Europa wird solidarisch zusammenstehen und die Gasversorgung weiter diversifizieren. Ziel in der Europäischen Union ist es, sich so schnell wie möglich unabhängig von russischen Energieimporten zu machen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Mittwoch.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Leyen sprach von einem weiteren Versuch Russlands, Gas als Erpressungsinstrument einzusetzen. „Wir sind auf dieses Szenario vorbereitet“, betonte von der Leyen. Es werde daran gearbeitet, alternative Lieferungen und die bestmöglichen Lagerbestände in der EU sicherzustellen.

„Das Damoklesschwert eines Gasembargos von russischer Seite ist seit gestern deutlich und sichtbar realer geworden“, sagte Markus Jerger, Chef des Mittelstandsverbandes BVMW, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die heimische Wirtschaft könne beim Ausbau der erneuerbaren Energien oder bei Lösungen für mehr Energieeffizienz unterstützen. Dafür bräuchten die Unternehmen aber „jetzt und sofort mehr Unterstützung und ein deutliches Mehr an Planbarkeit“.

Hintergrund des Lieferstopps durch den Staatskonzern Gazprom ist die Forderung Moskaus, Gas in Rubel zu bezahlen. Fast alle Lieferverträge mit den europäischen Kunden sind jedoch in Euro oder Dollar abgefasst. Daran halten Polen und Bulgarien wie auch Deutschland bislang fest – auch um Sanktionen gegen Russland nicht zu unterlaufen.

Nach der Ankündigung des Lieferstopps schossen die Preise für europäisches Erdgas an den Energiebörsen am Mittwochmorgen zunächst um rund 25 Prozent in die Höhe. Die Notierungen gaben aber deutlich nach, als sich herumsprach, dass offenbar eine Reihe von Gaskunden bereits in Rubel zahlt. Ferner hätten zehn Unternehmen mittlerweile die vom Kreml geforderten Konten bei der Gazprombank eingerichtet, um Euro und Dollar für die Begleichung der Rechnungen in Rubel umzutauschen, so der Finanzdienst Bloomberg.

Polen gibt sich ungerührt

Bereits vorige Woche hatte der hiesige Energiekonzern Uniper erklärt, einen Weg für Gaskäufe gefunden zu haben, der nicht gegen die EU-Sanktionen verstoße. Insider vermuten, dass es zumindest keinen kompletten Lieferstoff in die EU geben wird. Die nächste Serie von Überweisungen soll laut Bloomberg Mitte Mai erfolgen.

Wjatscheslaw Wolodin, Sprecher des russischen Parlaments Duma, forderte indes, das Gas-Embargo nun auf andere „unfreundliche Länder“ auszuweiten. Damit dürfte er neben Italien auch Deutschland meinen. Beide Staaten sind massiv vom Pipelinegas aus Sibirien abhängig. Nach Berechnungen der unabhängigen Forschungsorganisation Crea wurden seit Kriegsbeginn von deutschen Unternehmen 6,4 Milliarden Euro für den leicht flüchtigen Brennstoff überwiesen. Das dürfte der größte Einzelposten der Energieeinnahmen Russlands sein.

Die Geschäfte mit Polen und Bulgarien machen im Vergleich nur einen Bruchteil aus. Die Versorgung wichtiger Abnehmer sei für mindestens einen Monat gesichert, sagte Bulgariens Energieminister Aleksandar Nikolow. Er betonte: „Bulgarien wird keine Verhandlungen unter Druck führen.“ Das ärmste EU-Mitgliedsland hängt fast zu 100 Prozent von russischem Gas ab. Jedoch betrage der Gasanteil am bulgarischen Energiemix nur 14 Prozent, sagte Thorsten Geißler, Leiter der Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia. Aber einzelne Unternehmen müssten vielleicht ihre Produktion drosseln.

Polens Premier Mateusz Morawiecki erklärte, sein Land lasse sich durch den Lieferstopp nicht abschrecken. Offenbar wolle Moskau Vergeltung üben: Polen hatte am Dienstag Sanktionen gegen 50 russische Oligarchen und Unternehmen bekanntgegeben, darunter auch Gazprom.

Dank jahrelanger Bemühungen Polens, sich Gas aus anderen Ländern zu sichern, werde sich die russische „Gaserpressung“ nicht auswirken, erklärte Morawiecki. Russische Lieferungen deckten zuletzt etwa 45 Prozent des Gesamt-Gasverbrauchs ab. Insgesamt kommt Gas nur auf einen Anteil von neun Prozent. Polen wollte sich sowieso Ende des Jahres vom russischen Gas unabhängig machen, hat Terminals zur Versorgung mit Flüssiggas (LNG) per Schiff aufgebaut. Ab Herbst will man per neuer Ostsee-Pipeline Gas aus Norwegen beziehen.

Auch interessant

Kommentare