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Kein Gas mehr via Ost-Ukraine

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Eine Frau protestiert am vergangenen Sonntag in Frankfurt für ein Embargo für russisches Gas.
Eine Frau protestiert am vergangenen Sonntag in Frankfurt für ein Embargo für russisches Gas. © AFP

Die Durchleitung von Gas in Luhansk ist gestoppt. Die Energiemärkte reagieren nervös. Die Versorgungssicherheit sei weiter gewährleistet, sagt das Wirtschaftsministerium.

Jetzt ist eingetreten, was lange erwartet wurde: Der Transport von Erdgas durch die Ukraine ist bei einem Pipeline-Strang unterbrochen. Unmittelbare Gefahren für die Versorgung hierzulande bestehen zwar nicht. Aber Befürchtungen über mögliche weitere Beschränkungen kursieren.

„Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist aktuell weiter gewährleistet“, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Die Lage werde genau beobachtet. Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) kalkuliert die Bundesregierung gleichwohl auch mit einer abrupten Einstellung der russischen Gaslieferungen – als Vergeltung für Sanktionen und Waffenlieferungen an die Ukraine.

Im vorliegenden Fall hat der ukrainische Gasnetzbetreiber OGTSU am Mittwoch für die Übergabestation Sochraniwka keine Aufträge für das Durchleiten von Erdgas aus Sibirien mehr angenommen. Das Unternehmen berief sich dabei auf „höhere Gewalt“. Der Standort liegt in der Ost-Ukraine in der Region Luhansk, in der aktuell schwere Kämpfe toben. Besatzer hätten in den technischen Prozess eingegriffen und seien beteiligt an nicht-autorisierten Entnahmen des Brennstoffs. Dies mache es unmöglich, die Verpflichtungen an dem Übergabepunkt zu erfüllen, so der Netzbetreiber.

Der russische Gasmonopolist Gazprom betonte hingegen, man habe keine Anhaltspunkte für Einwirkungen durch höhere Gewalt. Die Ukrainer:innen hätten in den vergangenen Wochen ungestört in Sochraniwka arbeiten können. OGTSU teilte mit, man wolle die wegfallenden Liefermengen nun über den weiter nördlich gelegenen Übergabepunkt Sudscha umleiten. Gazprom widersprach: Das sei technisch nicht möglich. Der russische Energiekonzern ließ zunächst offen, ob der ausstehende Brennstoff über Leitungen jenseits der Ukraine geliefert werden kann. Yuriy Vitrenko, Vorstandschef des größten ukrainischen Öl- und Gasunternehmens Naftogaz, hatte bereits Anfang Mai gewarnt, dass Transitpipelines in Gefahr geraten könnten, wenn die russische Armee Angriffe auf die Infrastruktur seines Landes fortsetze.

Gazprom bestätigte, dass Mittwoch nur 72 Millionen Kubikmeter durch die Ukraine geliefert werden konnten. Am Vortag waren es noch knapp 96 Millionen Kubikmeter gewesen. Unklar ist, ob und wann der Transport über Sochraniwka wieder aufgenommen werden kann. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges vor zweieinhalb Monaten gab es zuvor keinerlei kriegsbedingte Einschränkungen beim Transit des Brennstoffs.

Beiderseits besteht ein Interesse am Gasfluss. Die Ukraine braucht ihn einerseits für die eigene Bevölkerung. Und sie erhält Durchleitungsgebühren von Russland. Gazprom erzielt mit dem Export des leicht flüchtigen Stoffs in die EU enorme Einnahmen. Nach Berechnungen der Brüsseler Denkfabrik Bruegel lagen sie im März bei 660 Millionen Euro pro Tag.

Nach Bruegel-Daten hat der Gaskonzern insbesondere über die Nord-Stream-Pipeline kontinuierlich geliefert. Durch die Ostsee wird der weitaus größte Anteil der Exporte gepumpt. Deutlich schwankender war bereits vor dem Sochraniwka-Vorfall die Belieferung über die Ukraine. Kleine Mengen werden überdies über die Jamal-Pipeline, die durch Polen und Belarus verläuft, und durch die südlich gelegene Turkstream-Leitung transportiert.

Wie nervös die Energiebranche derzeit ist, lässt sich an der Notierung für europäisches Gas am Mittwochmorgen ablesen. Der Kurs schoss in die Höhe und kostete zeitweise 103 Euro pro Megawattstunde - vor einem Jahr waren es knapp 20 Euro. Hintergrund ist die Vermutung, dass die Stilllegung der Übergabestation der Anfang von weiteren Einschränkungen sein könnte.

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