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Käse ohne Kuh

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Von: Christoph Höland

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Sie pupsen zu viel.
Sie pupsen zu viel. © imago images/KS-Images.de

Das Berliner Start-up Formo erzeugt mit Hefebakterien naturidentische Milchproteine.

Dass Kühe pupsen, ist für das Klima ein Problem: Die Milchwirtschaft ist für etwa vier Prozent des Ausstoßes an Klimagasen in Deutschland verantwortlich, weltweit sieht es wegen der methanhaltigen Flatulenzen kaum besser aus. Das Berliner Start-up Formo setzt deshalb auf Hefebakterien, die an Stelle der Vierbeiner Milchproteine erzeugen. Seit Montag hält das Unternehmen einen Rekord, was Finanzierungsrunden in der europäischen Foodtech-Branche anbelangt.

Dabei steht das erst 2019 als „Legendairy“ gegründete Unternehmen noch ganz am Anfang. Eine Massenfertigung gibt es bislang nicht, frühestens 2023 könnte etwa Formo-Mozzarella auf den Tellern von Verbraucherinnen und Verbrauchern landen. Das vollmundige Versprechen: Käse von Formo werde den gleichen Geschmack, die gleiche Textur und die gleichen Eigenschaften wie tierischer Käse haben.

Möglich machen soll das die weiterentwickelte sogenannte Präzisionsfermentation: Mithilfe von Kuh-Genen umprogrammierte Hefe wird mit Kohlenstoff und Stickstoff gefüttert, sie produziert naturidentisches Milchprotein. Später kommen noch pflanzliche Fette hinzu, so dass eine Masse entsteht, aus der Käse reifen kann. 20 Mal effizienter als die Milcherzeugung durch Kühe sei das – was sowohl niedrigere Kosten als auch deutlich weniger CO2-Emissionen garantiere, sagt das Unternehmen.

Bei Investoren, die sich spätestens seit dem Beyond-Meat-Erfolg vermehrt für Foodtechs interessieren, kommt das gut an: 50 Millionen Euro hat Formo jüngst eingesammelt, laut Fachportal Crunchbase mehr als jedes andere europäische Foodtech in einer vergleichbaren Finanzierungsrunde.

Die Geldgeber EQT Ventures, Agronomics und Elevat3-Capital sind geradezu euphorisch: „Das ist erst der Anfang der Milchprodukt-Revolution“, jubelte Elevat3-Gründungspartner Christian Angermayer am Montag. Tatsächlich steht der Milchwirtschaft ein Umbruch bevor: Drinks aus Soja, Hafer oder Erbsen boomen ohnehin, sind aber letztendlich Ersatzprodukte, die weder nach Milch schmecken noch deren Eigenschaften haben. Umso größer war die Aufregung unter Landwirten, als die Hochland-Molkerei Anfang 2021 beim israelischen Start-up Remilk einstieg. Das setzt wie Formo auf Fermentationsprozesse, will echt schmeckende und dennoch künstliche Milch herstellen.

76 Prozent der Deutschen würden solche tierfreien Milcherzeugnisse gern ausprobieren, fanden kürzlich Wissenschaftler der US-Universität Bath in einer – auch von Formo unterstützten – Studie heraus. Verbraucherinnen und Verbraucher in anderen Ländern halten es demnach ähnlich.

Weltweiter Milliardenmarkt

Und so bedient Formo einen Trend, den jüngst auch die Boston Consulting Group (BCG) bestätigt hat: Von derzeit zwei Prozent könnte der Anteil alternativer Proteinquellen am weltweiten Proteinmarkt bis 2035 steigen auf bis zu elf Prozent steigen, heißt es im jüngst erschienen „The Protein Transformation“ genannten Bericht der BCG. Weltweit würden dann etwa 290 Milliarden Dollar mit künstlich erzeugten Proteinen umgesetzt, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Finnland entspreche.

Auf ein Stück dieses ziemlich großen Käselaibs schielt nun Formo – und könnte aus Sicht von Barbara Siegert durchaus Erfolg haben: Bislang böten pflanzliche Ersatzprodukte nicht den gleichen Geschmack wie das Original. Die Milch zu ersetzen erinnere Verbraucher:innen an den unbeliebten Analogkäse, meint die Nahrungsmittelexpertin von Munich Strategy.

„Käse aus Mikroorganismen dagegen ist näher am traditionellen Prozess der Käseherstellung und kann den Wunsch der Konsument:innen nach Ursprünglichkeit und Natürlichkeit möglicherweise besser erfüllen,“ sagt Siegert, die selber jahrelang in der Milchwirtschaft tätig war.

Ob Formo das gelingt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Doch die Berliner sind optimistisch, auch mit Blick auf die Konkurrenz. „Die exzellente Zusammensetzung unserer Investoren zusammen mit unserem interdisziplinär aufgestellten Team bringen uns in eine einzigartige Position, den neuen Goldstandard bei Käse zu definieren“, erklärte Co-Gründer Raffael Wohlgensinger am Montag.

Vorerst will Formo indes kleine Schritte gehen: Mit dem nun eingesammelten Geld werde das Team von 20 auf 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wachsen und eine erste Pilotanlage für die Massenfertigung gebaut. Auch sollen neben Mozzarella weitere tierfreie Käsesorten entwickelt werden, laut Handelsblatt unter anderem Emmentaler, Gruyère und Appenzeller.

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