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In den Händen der Jury

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Von: Susanne Ebner

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Der frühere Tennisstar Boris Becker steht in London vor Gericht. Der 54-Jährige muss sich wegen verschiedener Vorwürfe im Zusammenhang mit seinem Insolvenzverfahren verantworten.
Der frühere Tennisstar Boris Becker steht in London vor Gericht. Der 54-Jährige muss sich wegen verschiedener Vorwürfe im Zusammenhang mit seinem Insolvenzverfahren verantworten. © James Manning/dpa

Elf Personen beraten über Boris Beckers Anklage – der Ausgang ist offen.

Wer eine unterhaltsame Abschlussrede von Richterin Deborah Taylor erwartet hatte, wurde am Mittwoch enttäuscht. Denn diese listete, ihrer Pflicht folgend, noch einmal betont nüchtern und mit sonorer Stimme auf, was Boris Becker, die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung seit dem Beginn des Prozesses Ende März im Verlauf der Verhandlung vorgebracht hatten. Sie erwähnte seine Jugend als Tennis-Profi, in welcher er gelernt haben soll, sich auf seine Berater zu verlassen. Konten und Anwesen, von deren Existenz Becker nichts gewusst haben will. Die Scham, die er verspürt haben soll, als es 2017 zur Bankrotterklärung kam. Taylor schloss ihre Rede damit, dass die Jury nun auf der Grundlage des Gehörten entscheien müsse. Nun liegt Beckers Schicksal in den Händen von elf Britinnen und Briten.

Der 54-jährige einstige Spitzensportler steht seit dem 21. März vor dem Southwark Crown Court vor Gericht, einer Institution, an welcher vornehmlich Betrugsfälle verhandelt werden. Ihm wird vorgeworfen, während eines Insolvenzverfahrens gegen ihn, das im Juni 2017 seinen Anfang nahm, Vermögenswerte nicht ordnungsgemäß angegeben zu haben, unter anderem Davis-Cup-Medaillen, eine olympische Goldmedaille, eine Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea sowie zwei Wohnungen in Deutschland. Becker wies die 24 Anklagepunkte im Verlauf des Verfahrens immer wieder zurück. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft. Doch wie sehen und beurteilen die Mitglieder der Jury den Angeklagten Becker?

Richterin Taylor wies schon am Anfang des Prozesses darauf hin, dass sich die Jury nicht von Beckers Prominenz beeindrucken lassen solle. Beckers Verteidiger Jonathan Laidlaw berichtete in seinem Plädoyer zudem erneut ausführlich von dessen Karriere, Erfolgen und davon, dass er in den 1980er- und 90er-Jahren „das Herz der Briten stahl“. Könnte sich die Jury also doch von der Vergangenheit Beckers als Tennis-Star beeinflussen lassen?

Absicht oder eher „messy“?

Womöglich übernimmt die Jury ein weiteres Bild, das die Verteidigung von Becker zeichnete. Das eines Mannes, der zwar ein großartiger Sportler gewesen sei, mit Geld jedoch schlicht nicht umgehen könne. Ein bisschen „messy“, also unorganisiert war und so den Überblick über seine Finanzen verloren habe. Demgegenüber steht die Linie der Staatsanwältin Rebecca Chalkley, die Becker vorwirft, dass er die Vermögenswerte absichtlich verschleiert habe, um sie vor der Insolvenzbehörde zu verbergen. Außerdem betonte sie, dass er „alle beschuldigt, außer sich selbst“. Ob es der Staatsanwaltschaft gelungen ist, ihm diesen Vorsatz nachzuweisen, ist Beobachterinnen und Beobachtern zufolge fraglich. Es gibt eher Indizien, keine handfesten Beweise.

Zudem müsse man den Fall laut Fachleuten dort verorten, wo er spielt: in Großbritannien. Einem Land, in dem viele Menschen das Vertrauen in die Eliten längst verloren und Premier Boris Johnson die Latte durch immer neue Skandale immer tiefer gehängt habe, wie es Tim Durrant von der Denkfabrik „The Institute of Government“ beschreibt. Ob die Jury Boris Beckers vermeintliche Vergehen in diesem Kontext hart bestraft oder eher mit den Achseln zuckt, wird sich noch zeigen.

Wie lange die Jury braucht, ist offen. Es könne Minuten oder Tage dauern, sagte Staatsanwältin Chalkley. Fachleute betonten, dass Jury-Mitglieder bei einem unklaren Fall wie diesem eher dazu tendierten, Angeklagte frei zu sprechen. Sollte Becker aber in einem der 24 Punkte schuldig gesprochen werden, stünden die Zeichen für ihn eher schlecht. Denn Richterin Taylor entscheidet am Ende über das Strafmaß und gilt als knallhart. Sie war es auch, die Wikileaks-Gründer Julian Assange einst zu 50 Wochen Haft verurteilte. Doch jetzt ist erst einmal die Jury dran – mit ihrem jeweiligen Blick auf Boris Becker, den Promi, den Angeklagten, den Menschen.

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