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Abertausende Opfer: Die Installation „Naming the Lost“ in New York erinnert an die Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind.
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Abertausende Opfer: Die Installation „Naming the Lost“ in New York erinnert an die Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind.

Coronavirus

Impfmüde USA

  • Karl Doemens
    VonKarl Doemens
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Nach einem furiosen Start mit zeitweise vier Millionen Spritzen pro Tag stagniert die Immunisierung. Präsident Biden wird in seinen Appellen immer drastischer.

Die Gäste hatten ihre Fährtickets und die Unterkünfte auf der pittoresken Urlaubsinsel Martha’s Vineyard vor der Küste von Massachusetts längst gebucht, als sie am Dienstagabend einen überraschenden Anruf erhielten. Wenn sie noch nicht unterwegs seien, mögen sie bitte zu Hause bleiben, wurde ihnen mitgeteilt: Die Party sei abgesagt.

Tagelang hatten sich die amerikanischen Medien mit Berichten über das gesellschaftliche Ereignis dieses Sommers überschlagen: Angeblich 700 Prominente aus Film und Fernsehen, Spitzenpolitikerinnen und -politiker der Demokraten und Top-Parteispender:innen waren zur Feier des 60. Geburtstags von Ex-Präsident Barack Obama am morgigen Samstag erwartet worden.

Unter ihnen Stars wie Oprah Winfrey, Steven Spielberg und George Clooney. Mit dem Jubilar anstoßen wollten sie auf dessen 11,8 Millionen Dollar teurem Anwesen mit riesiger Villa und kilometerweitem Atlantikblick im exklusiven Südosten der Insel.

Doch daraus wird nichts. „Aufgrund der neuen Ausbreitung der Delta-Variante haben der Präsident und Frau Obama beschlossen, das Ereignis wesentlich zu verkleinern“, teilte eine Obama-Sprecherin am Mittwoch kurz mit. Nun sind nur die Familie und engste Freunde eingeladen. Einen Monat nach dem Nationalfeiertag am 4. Juli, als Präsident Joe Biden bei einem großen Barbecue im Garten des Weißen Hauses freudestrahlend das Ende eines „dunklen Jahres der Pandemie und Isolation“ verkündete, scheinen die USA in einer verhängnisvollen Zeitschleife festzuhängen: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist binnen eines Monats von rund 10 000 auf mehr als 90 000 hochgeschnellt. Mit derzeit 50 000 Corona-Kranken im Krankenhaus ist das Land auf das März-Niveau zurückgeworfen. Und vielerorts müssen die längst eingemotteten Masken schnell wieder aufgesetzt werden.

„Es geht nicht um Politik. Es geht um Leben und Tod“, schlug Biden im East Room des Weißen Hauses nun einen sehr ernsten Ton an: „Ich weiß, dass das frustrierend ist. Ich weiß, dass wir gehofft hatten, es wäre eine einfache, gerade Linie ohne Probleme oder neue Herausforderungen. Aber so ist das wirkliche Leben nicht.“ Nach einem furiosen Start mit zeitweise vier Millionen Impfungen pro Tag und drastisch sinkenden Infektionszahlen im Frühjahr muss die Biden-Regierung nun einen zähen Zwei-Fronten-Krieg führen.

Wie ein Buschbrand breitet sich die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus aus. Gleichzeitig stockt die Impfkampagne. Jeder zweite Amerikaner und jede zweite Amerikanerin ist inzwischen voll geimpft. Beim Rest gibt es massive Widerstände, die von Republikanern, Verschwörungsideolog:innen und rechten Fox-Propagandist:innen mit Falschmeldungen über schlimme Nebenwirkungen oder geheime Chip-Implantate befeuert werden.

So ist der Corona-Schutz im Land höchst ungleich verteilt. Nach einer aktuellen Studie der Kaiser Family Foundation sind Wählerinnen und Wähler der Demokraten, ältere Amerikaner:innen und Hochschulabsolventen ganz überwiegend geimpft. Hingegen liegen die Landbevölkerung und Anhängerinnen und Anhänger der Republikaner deutlich zurück. Geographisch gibt es ein krasses Gefälle zwischen der Ostküste mit Impfquoten weit über 65 Prozent und den konservativen Südstaaten Mississippi, Alabama, Arkansas und Louisiana, wo sich nur jede dritte Einwohnerin und jeder dritte Einwohner hat impfen lassen.

„Die nächsten Wochen sehen gar nicht gut aus“, fürchtet Murtaza Akhter, ein Notarzt am Kendall Regional Medical Center im Westen von Miami. Akhters Hospital wird von einer Welle von Corona-Patient:innen überrollt: „Die Patienten werden immer jünger, und praktisch alle sind ungeimpft“, berichtete der Mediziner dem Sender PBS.

Was ihn am meisten schockiere, sei die Verbohrtheit vieler Impfgegner:innen: „Die liegen im Krankenhaus und leugnen immer noch die Gefahr.“ Berichte über Impfdurchbrüche, bei denen sich Geimpfte wie jüngst der republikanische Senator Lindsey Graham trotzdem anstecken, erschweren den Kampf gegen die Pandemie zusätzlich. Zwar verlaufen derartige Infektionen fast immer harmlos oder mild. Sie werden gleichwohl von den Impfgegnerinnen und -gegnern propagandistisch ausgenutzt. Vor allem macht ihre Möglichkeit nach Einschätzung der Seuchenbehörde CDC das Tragen von Masken auch für Geimpfte wieder erforderlich.

Das aber befeuert den fanatischen Kulturkampf der Rechten. Dass die republikanische Abgeordnete und Trump-Verehrerin Marjorie Taylor Greene den Mund-Nase-Schutz mit dem Judenstern im Dritten Reich verglich, ist kein Ausreißer. Überall dämonisieren Republikaner Masken als Angriff auf ihre Grundrechte. „Wir werden Joe Biden und seinen bürokratischen Lakaien nicht erlauben, herzukommen und die Rechte und Freiheiten der Menschen in Florida zu beschlagnahmen“, poltert Floridas Gouverneur Ron DeSantis.

Demonstrativ hat er wie sein texanischer Kollege Greg Abbott sämtliche Masken-Vorschriften untersagt. Damit läuft die Washingtoner Pandemie-Bekämpfung im zweit- und drittgrößten Bundesstaat der USA faktisch ins Leere.

Entsprechend aufgebracht ist der Präsident. „Wenn ihr schon nicht helfen wollt“, schimpfte Biden am Dienstag ungewohnt harsch in Richtung der beiden republikanischen Gouverneure, „dann geht zumindest den Leuten aus dem Weg, die versuchen, das Richtige zu tun. Gebraucht eure Macht, um Leben zu retten!“

Angesichts der massiven Gefahr einer neuen Corona-Welle, die zu Beginn des Schuljahres auch die Kinder erfassen könnte, ist Biden nun entschlossen, seine eigene Macht auszutesten und den Druck für eine schnellere Immunisierung deutlich zu erhöhen. Immer noch sind trotz aller Anreize vom Einkaufsgutschein über kostenlose Metro-Tickets bis zu spektakulären Millionen-Lotterien rund 30 Prozent der erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner nicht geimpft. Laut der Erhebung der Kaiser Family Foundation warten zehn Prozent ab.

Drei Prozent wollen nur bei Zwang reagieren. Und 14 Prozent wollen die Spritze definitiv verweigern. Eine Herdenimmunisierung ist so nicht zu erreichen. Deshalb wirft Biden nun ein lange gehegtes politisches Tabu über Bord: die Freiwilligkeit der Impfung. Schon im Mai hatte die Krankenhauskette Houston Methodist Hospital von ihren 25 000 Beschäftigten eine Immunisierung verlangt und 153 Beschäftigte, die eine Impfung verweigerten, kurzerhand vor die Tür gesetzt. Eine Klage dagegen wurde vor Gericht abgewiesen. Damit war der Damm gebrochen.

Inzwischen verlangt auch das Veteranenministerium von seinem medizinischen Personal eine Impfung, und das Verteidigungsministerium bereitet eine ähnliche Regelung für das Militär vor, die Inkrafttreten dürfte, sobald das Biontech-Vakzin – wie allgemein erwartet – im kommenden Monat in den USA statt der bisherigen Notfallerlaubnis eine endgültige Zulassung erhält.

Auch Städte wie New York, Los Angeles oder San Francisco schreiben ihren Beschäftigten inzwischen entweder eine Impfung oder regelmäßige Tests vor. Größere Hoffnungen aber setzt man in Washington auf die Privatwirtschaft, seit auch außerhalb des Gesundheitswesens namhafte Unternehmen den Druck erhöhen. So fordert der weltgrößte Fleischvermarkter Tyson Foods ab November von seinen 120 000 US-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Impfnachweis als Voraussetzung für die Weiterbeschäftigung. Immerhin gibt es dafür einen 200-Dollar-Bonus. Der IT-Riese Microsoft verlangt einen entsprechenden Nachweis von allen 100 000 Beschäftigten und Händler:innen, die die Bürogebäude betreten.

Andere Unternehmen sind da noch vorsichtiger. So gilt das Impfgebot bei der Handelskette Walmart nur für die Konzernzentrale in Arkansas, nicht für die Supermärkte überall im Land. Der Versandriese Amazon, die Burger-Kette McDonald’s und die drei amerikanischen Autokonzerne halten sich zurück. Sie fürchten Konflikte mit den Gewerkschaften oder Personalengpässe angesichts des ohnehin bestehenden Mangels an Niedriglöhnern.

„Ich möchte Walmart, Google, Netflix, Disney und Tyson für ihre jüngsten Entscheidungen danken“, stellte sich Biden ausdrücklich auf die Seite der Unternehmen: „Ich weiß, es ist nicht einfach. Aber ich stehe hinter ihnen.“ Noch stärkere Wirkung könnte freilich eine neue Regelung aus New York haben: In der größten Stadt des Landes muss man ab Mitte diesen Monats einen Impfnachweis vorlegen, wenn man ein Innen-Restaurant, ein Fitnessstudio oder ein Kino besuchen will.

Tatsächlich sind die Impfzahlen in den vergangenen Tagen leicht gestiegen. „Das sind ermutigende Zeichen“, sagt Biden. Aber mehr ist es nicht.

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