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Im Ausnahmezustand

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Von: Susanne Ebner

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Die Prachtstraße „The Mall“ kurz vor Beginn der Prozession. Victoria Jones / POOL / AFP
Die Prachtstraße „The Mall“ kurz vor Beginn der Prozession. Victoria Jones / POOL / AFP © Victoria Jones/afp

Millionen erweisen der Queen die letzte Ehre. Derweil ruht die Politik, wer gegen die Monarchie protestiert, wird verhaftet. Und doch bleiben die Menschen zuversichtlich

Kurz bevor Königin Elizabeth II. gestern das letzte Mal den Buckingham-Palast verließ, war es still, der Himmel blau. Man konnte Vögel zwitschern hören, so ruhig war es. Beobachter deuteten dies als Ausdruck für den großen Respekt der Menschen für die Queen. Eine Persönlichkeit, die selbst eher zurückhaltend und naturverbunden war.

Hunderttausende Trauernde und Gäste aus aller Welt säumten den Vorplatz des Palastes sowie die Prachtstraße The Mall. Dann gegen 14.30 Uhr verließ der Wagen mit dem Sarg der Queen, gezogen von Pferden, das Königshaus. Angeführt wurde der Zug durch König Charles III. und seine Söhne Prinz William und Prinz Harry. Um Punkt 15 Uhr englischer Zeit erreichten sie schließlich Westminster Hall, den ältesten Teil des Parlaments. Dort wird die Monarchin bis Montag aufgebahrt, damit sich die Menschen von ihr verabschieden können.

In den kommenden Tagen bis zur Trauerfeier am Montag in Westminster Abbey werden laut Schätzungen rund zwei Millionen Menschen in London erwartet. Das Aufgebot an Sicherheitskräften ist gigantisch, die Anschlagsgefahr hoch. Schon in der Nacht zum Mittwoch harrten viele in der Nähe des britischen Parlaments aus, um einen Platz in der Schlange Richtung Westminster Hall zu erlangen, wo sie den Sarg der Queen passieren können. Hilfsorganisationen versorgten sie mit heißen Getränken und Snacks. Die Wartezeit könne bis zu 20 Stunden betragen, warnte das Königshaus im Vorfeld.

Eine der Wartenden war Lisa Simms. Die 54-Jährige, ausgestattet mit Vorräten und einem Klappstuhl, kam aus dem 45 Minuten entfernten Ort Reading nach London, um Abschied von Königin Elizabeth II. zu nehmen. „Ich liebe die Queen“, sagte sie, immer noch sichtlich gerührt und eingehüllt in einen Union Jack. „Sie war weise, gnädig und stand zu ihren Prinzipien.“ Die Nachricht vom Tod der Monarchin sei für sie ein Schock gewesen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov hat fast jeder zweite Erwachsene wegen des Todes der Queen geweint.

Es war ein kollektiver Schock, den sie sich die sonst nicht zu Gefühlsausbrüchen neigenden Briten in den Tagen danach zu erklären versuchten. Der bekannte Radiomoderator Andrew Marr erzählte im Fernsehen, dass er bei der Nachricht von seinen Gefühlen überwältigt wurde, weil sie ihn an den Tod seines Vaters erinnert habe. Es war ein Moment der Trauer, des Verlustes auf vielen Ebenen. Jetzt, einige Tage später, ist die Stimmung eher andächtig.

Seit dem Tod der Queen vor einer Woche bis zum Tag ihrer Beerdigung befindet sich Großbritannien offiziell in Staatstrauer. Damit steht das berühmte Riesenrad an der Themse „The London Eye“ still, Theater und Museen bleiben geschlossen, Konzerte fallen aus, die Regierungsarbeit ruht. „Die Beamten wurden dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben“, bestätigte Jill Rutter von der Denkfabrik „UK in a Changing Europe“ gegenüber der FR. Fast alle hielten sich daran. Und so waren am Dienstag, üblicherweise einer der wichtigsten Tage in der parlamentarischen Woche, nur wenige Regierungsbeamte in Westminster zu sehen.

Die Nachricht zum Gesundheitszustand von Königin Elizabeth II. erreichte die neu ernannte Premierministerin Liz Truss zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt; in jenem Moment nämlich, als sie am vergangenen Donnerstag dem Land nach einem zähen Wahlkampf endlich neue Hoffnung geben wollte. Doch noch während sie im Parlament das neue Hilfspaket ankündigte, warfen sich die Abgeordneten plötzlich nervöse Blicke zu. Denn zum selben Zeitpunkt verbreitete sich in den sozialen Medien eine offizielle Mitteilung des Palastes, dass die Ärzte sich um Königin Elizabeth II. sorgen würden. Um 18.30 Uhr gab es traurige Gewissheit. Kurz darauf wurde die nationale Trauerphase ausgerufen.

Truss hatte zwar angekündigt, dass jährliche Energierechnungen für alle Haushalte ab Oktober über einen Zeitraum von zwei Jahren bei einer Summe von umgerechnet rund 2800 Euro eingefroren werden und Unternehmen sechs Monate lang eine „gleichwertige Unterstützung“ erhalten sollen.Bedingt durch die Staatstrauer verschiebt sich die Ankündigung des Notfallbudgets nun immer weiter und damit auch die konkrete Hilfe.

Wie die britische Tageszeitung „Financial Times“ gestern berichtete, warnten britische Regierungsmitarbeiter Unternehmen, dass sie wohl länger als die Haushalte auf Hilfe aus dem Energiepaket warten müssen. Ein Beamter sagte, es sei noch nicht erledigt, aber man arbeite mit Tempo daran. Die Hilfsleistungen auf den Weg zu bringen, sei schwieriger, weil es hier anders als im Fall von privaten Haushalten noch keine gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt. Anand Menon, Professor am King’s College in London, bezeichnete die Lage im Gespräch mit dieser Zeitung als höchst bedenklich. „Ich fürchte, dass viele Betriebe schließen müssen.“

Während die Mehrheit der Menschen der Queen gedenkt, nutzen manche die Trauerphase, um gegen die Monarchie zu demonstrieren. So zeigt ein Video, welches in den letzten Tagen auf Twitter tausendfach geteilt wurde, wie ein junger Mann Prinz Andrew während einer Veranstaltung zu Ehren der Queen in Edinburgh verbal anging. Andrew sollte dieses Jahr wegen Missbrauchs-Vorwürfen durch die US-Amerikanerin Virginia Roberts Giuffre vor einem Gericht in New York aussagen. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, nachdem der Herzog von York eine Spende an eine Hilfsorganisation bezahlt hat, die Rede war von 14 Millionen Euro. Für den jungen Mann in Edinburgh war das Anlass, ihn als „kranken alten Mann“ zu beschimpfen.

Dies blieb nicht ohne Folgen. Zwei Männer warfen ihn auf den Boden. Die Polizei nahm ihn fest und er wurde wegen Landfriedensbruches angeklagt. In London drängten Beamte einen jungen Mann zu gehen, weil er ein Schild in der Hand hielt. Darauf stand „Not my King“, „Nicht mein König“. Die „Metropolitan Police“ betonte gestern, auf die Vorkommnisse angesprochen, dass die Menschen ein Recht darauf hätten, zu demonstrieren.

Bei Anwält:innen und Aktivist:innen schrillten dennoch die Alarmglocken – und zwar laut. Ruth Smeeth von der Organisation „Index on Censorship“ bezeichnete die Verhaftungen als „zutiefst besorgniserregend“. Es dürfe nicht dazu kommen, dass die Trauerveranstaltungen versehentlich oder absichtlich dazu genutzt werden, die Meinungsfreiheit der Bürger:innen dieses Landes zu untergraben.

Diese Meinung teilt auch der 26-jährige Rufus, der sich diese Woche seinerseits mit einem braunen Pappschild vor das Parlament in London stellte. Darauf geschrieben stand: „Gegen die Monarchie zu demonstrieren ist kein Verbrechen.“ Er bezeichnete die Festnahmen als einen extremen Verstoß gegen die Redefreiheit. „Wenn Menschen verhaftet werden, weil sie ein Papier hochhalten, dann muss man kein Genie sein, um zu wissen, dass das falsch ist.“ Er mache sich Sorgen um die Macht der Polizei, aber auch darüber, dass während der zehntägigen Trauerphase das ganze Land stillstehe: „Ich glaube nicht, dass die Queen das gewollt hätte.“

Bei all der Trauer über den Tod der Queen, was sich Britinnen und Briten in diesen Tagen nicht nehmen ließen, ist ihr Optimismus und ihre Fähigkeit, Veränderungen pragmatisch zu begegnen, betonte Ulrich Hoppe von der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer. Der Wille, aus der Krise eine Chance zu machen, in solchen Situationen die Ruhe zu bewahren, gehöre zweifelsohne zu den beeindruckenden Fähigkeiten der Briten.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov ist mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass Charles III. ein guter König sein wird, obwohl die meisten das vor wenigen Wochen noch völlig anders sahen. „Wir sind traurig. Denn wir haben unsere Königin verloren. Aber jetzt haben wir einen König“, sagte Lindsay Hoyle, der Sprecher des britischen Parlaments gegenüber Medien. „Er ist hier, um zu bleiben, und wir werden gut repräsentiert.“

Protest muss erlaubt sein, sagt Rufus. susanne ebner
Protest muss erlaubt sein, sagt Rufus. susanne ebner © Susanne Ebner
Lisa Simms (li.) will die Queen noch einmal sehen. susanne ebner
Lisa Simms (li.) will die Queen noch einmal sehen. susanne ebner © Susanne Ebner

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