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Für immer ein Ort des Grauens: das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
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Für immer ein Ort des Grauens: das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Dialog zum Holocaust

Holocaust-Überlebende im Gespräch: „Wir sind jetzt stark genug, um darüber zu sprechen“

  • Steven Geyer
    VonSteven Geyer
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Sie teilen ein schreckliches Schicksal: Giselle Cycowicz (94) aus Jerusalem und Eva Szepesi (88) aus Frankfurt waren beide 1944 in Auschwitz-Birkenau interniert.

Am 8. Mai 1945 kamen durch das Kriegsende die letzten Überlebenden in den deutschen Konzentrationslagern frei. Eine davon war die Jüdin Giselle Cycowicz, damals 18 Jahre alt. Sie war gerade in ein Arbeitslager geschafft worden, nachdem sie 1944 für mehrere Monate im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau interniert war. Genau wie Eva Szepesi aus Ungarn.

Aber nach dem Krieg gingen die beiden Frauen völlig unterschiedliche Wege: Giselle floh nach New York, wurde Psychologin, therapierte später in Israel andere Shoa-Überlebende. Sie lebt heute in Jerusalem. Eva ging zurück nach Budapest, wurde Schneiderin und wanderte später mit ihrem Mann ausgerechnet nach Deutschland aus. Heute lebt sie mit ihren Töchtern in Frankfurt am Main.

Anlässlich des Tages der Befreiung am 8. Mai haben wir die beiden Frauen, die einander zuvor nicht kannten, zu einem Videogespräch zusammengebracht. Ohne Fragen zu stellen oder Vorgaben zu machen, damit nicht die Sicht der Nachgeborenen die Themen vorgibt.

Giselle Cycowicz: Hallo aus Jerusalem! Es freut mich sehr, Eva!

Eva Szepesi: Mich auch. Wie geht es Ihnen, sind Sie schon geimpft?

Cycowicz: Oh ja, zweimal! Wir alle hier. Hoffentlich sind wir nun auch, ähm, immun. Entschuldigung, Sie brauchen ein bisschen Geduld für mein Deutsch. Ich habe es schon als Kind gelernt und spreche es nur noch selten. Aber ich habe gelesen, Sie stammen aus Budapest? Eine schöne Stadt.

Szepesi: Ich bin da geboren, aber meine Familie hat in einem Vorort gewohnt, Pesterzsébet. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr. Mein Vater hatte ein Herrenausstattergeschäft, das gut lief. Als Kind habe ich ihn mit Mama im Laden besucht, die anderen Geschäftsleute kamen raus, begrüßten uns … Herrlich.

Cycowicz: Wo war das Geschäft?

Szepesi: Im Zentrum von Pesterzsébet, beste Lage. Es ging uns gut, bis zu den ungarischen Rassengesetzen von 1938. In der Schule setzte die Lehrerin uns sechs jüdischen Mädchen in die letzte Reihe. Als eine fragte, warum, schrie sie: Du stinkendes Judenmädchen hast gar nichts zu fragen! Als sich unsere Mütter beschwerten, wurde sie versetzt. Es war das letzte Mal, dass wir uns verteidigen konnten.

Cycowicz: In der Schule ging es bei uns auch los. Ich bin in der Tschechoslowakei geboren, aber im karpatorussischen Teil. Eine Vielvölkergegend, sehr demokratisch, keine Probleme, wir waren wohlhabend. Bis die Ungarn 1939 die Region besetzten. Am ersten Tag auf der ungarischen Schule warf mir jemand einen Zettel zu: „Tod den Juden!“

Szepesi: Wir Kinder spielten immer an der Wasserpumpe vor unserem Haus. Eines Tages sehe ich, wie meine Freunde da ein Stück blutiges Fleisch abspülten. Na, Eva, du Saujüdin, schrien sie: Das Blut von deinem Vater wird bald genauso fließen wie das Blut von diesem Fleisch! Ich lief schockiert weg. Mein Vater tröstete mich: Die wissen nicht, was sie reden, jemand hat sie aufgehetzt gegen uns.

Cycowicz: So war es, ja. Mein Vater war orthodox, trug Bart und Anzug. Die ukrainischen und ungarischen Nachbarskinder riefen ihm nach: stinkender Jude! Dabei hatte er sie im Winter immer zum Aufwärmen in sein Geschäft gelassen, weil sie aus armen Familien kamen und draußen froren. Seit ich zwölf war, durften jüdische Kinder nicht mehr zur Schule. Vater wurde das Geschäft weggenommen. Als 1944 die Deutschen einmarschierten, mussten wir ins Ghetto.

Szepesi: Dabei haben wir Kinder die Wahrheit ja nicht mal gekannt. Bei uns lebte schon seit 1942 meine Tante Piri aus der Slowakei, sie war vor den Pogromen dort geflohen. Oma, Opa und ein Onkel sind schon 1942 ins KZ deportiert worden. Meine Mutter verschwieg uns das. Sogar, dass mein Vater seit 1943 verschollen war. Er war ins Arbeitslager einberufen worden. Ich war zehn Jahre, als ich ihn zuletzt sah.

Cycowicz: Wie war es bei euch, als die Deutschen einmarschiert sind?

Szepesi: Ich habe nicht viel davon mitbekommen, denn als sie kamen, schickte mich meine Mutter mit Tante Piri und mit gefälschten Papieren in die Slowakei. Mein Bruder Tamàs war acht, er blieb bei ihr, sie wollten nachkommen. Am Bahnhof drückte sie mich so fest, dass ich kaum Luft bekam. Danach habe ich Mama und Tamàs nie wieder gesehen. Erst Jahrzehnte erfuhr ich, dass sie schon drei Monate später deportiert worden waren.

Cycowicz: Ja, im Mai fingen die Deportationen in Ungarn an, da war ich schon dabei. Unser ganzer Ort wurde aus dem Ghetto ins KZ gebracht.

Szepesi: Ich konnte noch bis zum Herbst bei verschiedenen jüdischen Familien in der Slowakei untertauchen. Ohne meine Tante. Aber im Oktober landete ich dann doch in einem Sammellager. Jeden Tag wurden die Namen derer verlesen, die weggeschafft wurden und nicht wiederkamen. Beim letzten Transport Anfang November war dann auch mein Name dabei.

Cycowicz: Wie alt waren Sie da?

Szepesi: Ich war zwölf Jahre alt.

Cycowicz: Ich war 17, als ich in Birkenau ankam, fünf Monate vor Ihnen. Meine Eltern, meine Schwester, eine Tante und ich, wir waren drei Tage im Viehwaggon eingepfercht, bei der Ankunft stand da „Auschwitz“ auf einem Schild. Mir sagte das nichts. Mein Vater kam in ein Arbeitslager, wir Frauen in Baracke 16 des C-Lagers. In welchem Lager waren Sie?

Szepesi: Ich kann es nicht sagen. Die Nummer, die in meinen Arm tätowiert wurde, beginnt mit einem A: „A 26.877“. Sie ist bis heute gut lesbar.

Cycowicz: Mussten Sie auch zweimal am Tag zum Zählappell?

Szepesi: Ja, immer morgens und abends.

Cycowicz: Das war für mich das Schrecklichste. Die Selektionen! Wer zu schwach aussah, kam in die Gaskammer. Wir bangten so um unsere Mutter: Sie war 47, zu alt und zu schwach für die Arbeit, die wir tun mussten. Jeder Tag, den sie überlebte, war ein Wunder. Es war so brutal. Jeden Tag diese Angst!

Szepesi: Und der Hunger!

Cycowicz: Ja, das kann sich kein Mensch vorstellen. Aber uns war es egal im Vergleich zur Angst um meine Mutter. Als sie im Oktober 200 junge Frauen für andere Arbeitslager suchten, meldeten wir uns mit ihr, damit sie aus Auschwitz rauskam. Aber nach dem Duschen hat die SS doch noch acht ältere Frauen abgeführt. Mutter war dabei. Sie konnte sich nicht einmal mehr verabschieden.

Szepesi: Wohin wurden Sie gebracht?

Cycowicz: Ins Arbeitslager Mittelsteine in Niederschlesien. Wir mussten in einer Fabrik für Flugzeugteile zwölf Stunden am Tag schuften, dazu eine Stunde Fußmarsch zur Fabrik und zurück. Es war härtere Arbeit, als wir uns je hätten vorstellen können, und wir waren junge Mädchen. Mutter hätte das keinen Tag ausgehalten!

Szepesi: Ich war auch sehr schnell sehr schwach. Ich habe Munition gesäubert, Steine aufgesammelt … Einmal hatte ich vereiterte Furunkel, die hat man mir ohne Betäubung abgeschnitten, ich wurde ohnmächtig. Ich war von Anfang an traumatisiert, weil sie mir gleich nach der Ankunft meine schönen Zöpfe abgeschnitten haben, die ich so geliebt hatte. Die Mutti hatte sie mir jeden Morgen geflochten. Sie warfen sie auf den Haufen zu anderen Haaren, schoren mich kahl.

zu den Personen

Eva Szepesi wurde am 29. September 1932 in Budapest als Eva Diamant geboren. Sie wuchs behütet auf in Pesterzsébet, einem Vorort von Budapest, wo ihre Eltern ein angesehenes Geschäft für Herrenmode betrieben.

1944 wurde ihr Vater zum Arbeitsdienst nach Weißrussland geschickt. Mit elf Jahren floh Eva Szepesi mit ihrer Tante in die Slowakei, ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder Tamàs sollten nachkommen. Nachdem sie bei mehreren Familien untergetaucht war, wurde Szepesi im Herbst 1944 schließlich von den Nazis in ein Sammellager gebracht und von dort in einem Viehwaggon ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht.

Am 18. Januar 1945 wurde sie bei der Räumung von Auschwitz von den Deutschen nicht mit auf den Todesmarsch genommen, da sie bereits für tot gehalten wurde. Bei der Befreiung des Lagers am 27. Januar wurde sie von einem russischen Soldaten gerettet, nachdem sie mehr als eine Woche lang ohne Essen in der Kälte zwischen Leichen ausgeharrt hatte.

Nach einer Zeit im Lazarett kehrte sie 1945 nach Budapest zurück. Sie holte den Schulabschluss nach und absolvierte eine Ausbildung zur Schneiderin. 1951 heiratete sie Andor Szepesi.

Heute lebt sie mit ihren Töchtern und Enkeln in Frankfurt.


Giselle Cycowicz wurde am 25. Februar 1927 als Gisela Friedmann in Chust geboren. Der Vater war Heilwasser- und Weinhändler, die Familie gehörte zur Mittelschicht.

Im März 1944 wurde Ungarn von Nazi-Deutschland besetzt. Die jüdischen Familien, die noch in eigenen Häusern gelebt hatten, wurden in Ghettos gesperrt. Zwei Monate später wurden die Juden aus Chust in Waggons gepfercht und nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Cycowicz war 17 Jahre alt.

Bis Oktober 1944 gelang es Giselle Cycowicz‘ Mutter, ihrer Schwester und ihr zusammenzubleiben, dann wurden die Töchter in das Arbeitslager Mittelsteine transportiert.

Am 8. Mai 1945 , eine Woche nachdem sie wegen der heranrückenden Roten Armee Richtung Westen ins Lager Mährisch Weißwasser gebracht worden waren, wurden Cycowicz und ihre Schwester freigelassen. 1948 gelang die Emigration nach New York.

Nach dem Tod ihres Ehemanns 1992 folgte Giselle Cycowicz ihren drei Kindern nach Israel. Dort arbeitete sie für die jüdische Hilfsorganisation Amcha, die seelische Unterstützung für Holocaustüberlebende anbietet. Amcha unterstützte im vergangenen Jahr 8623 Überlebende mit Therapien und sozialen Aktivitäten. Giselle hat 21 Enkel und neun Urenkel. sgey Foto:Helena Schätzle für AMCHA

Cycowicz: Bekamen Sie auch dauerhafte Probleme von Ihrer Zeit in Auschwitz?

Szepesi: Ja, ich kam ja im November an, und zum Appell wurden wir oft früh halb 5, 5 Uhr geweckt und mussten ewig in der Kälte stehen, oft zwei Stunden oder mehr. Mir sind Hände und Füße erfroren. Sie wurden erst weiß, dann rot, dann bluteten sie. Sie wurden nie wieder richtig gesund.

Cycowicz: Sie waren bis zum Schluss in Birkenau?

Szepesi: Ja. Als sie alle für den Todesmarsch zusammengetrieben wurden, dämmerte ich fiebernd auf der Pritsche, sie hielten mich für so gut wie tot und ließen mich zwischen den Leichen zurück. Irgendwie überlebte ich eine Woche. Ich erinnere mich, dass mich jemand ab und zu mit Schnee fütterte. Aber ich kam erst zu mir, als ein russischer Soldat mit einer großen Pelzmütze mich anlächelte. Es war der 27. Januar 1945, die Befreiung von Auschwitz. Wo wurden Sie befreit?

Cycowicz: Das war am 8. Mai in Polen, im Lager Weißwasser hinter der Oder. Man hatte uns gerade noch weiter von der Ostfront weggetrieben, die näher rückte, als Hitlers Armee vor den Russen floh. An einem strahlenden Sonntag hörten wir Pfiffe: Appell! Über Lautsprecher sagte die SS: Der Krieg ist beendet – ihr könnt gehen, wohin ihr wollt. Ich hatte vorher gedacht, wenn dieser Tag kommt, jubeln wir, rufen Halleluja, singen, lachen. Aber wir konnten nicht einmal lächeln. Wir standen nur da und schwiegen. Als ob wir ohne Seele dastehen.

Szepesi: Man war so erschöpft. Seelisch und körperlich.

Cycowicz: Meine Schwester und ich wussten nicht, wohin. Zurück nach Hause wollten wir nicht mehr, so feindselig wie die Nichtjuden uns die letzten Jahre behandelt hatten. Wir hörten aber, dass meine Mutter überlebt hatte und zurück nach Chust gefahren war. Wir trafen sie und meine älteste Schwester dann dort. Von meiner Mutter erfuhr ich, dass mein Vater am 7. Oktober 1944 in Auschwitz vergast worden war.

Szepesi: Ich wusste Jahrzehnte nicht, was aus meinen Eltern und meinem Bruder geworden war. Als ich zurück nach Budapest gebracht wurde, holte mich mein Onkel ab. Ich suchte meine Mutter. Er sagte: Sie kommen sicher bald zurück. Ich konnte bei ihm und seiner Frau wohnen und hielt mich an der Hoffnung fest, dass sie überlebt haben. Wir haben nie mehr richtig über alles gesprochen. Ich wollte nicht mehr an Auschwitz denken, und das gelang mir ein paar Jahre sogar. Aber nicht für immer.

Cycowicz: Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Szepesi: Ich habe in Ungarn die Schule abgeschlossen und Schneiderin gelernt, und dann lernte ich bald meinen Mann kennen. Er hat für den Staat gearbeitet und wurde in die ungarische Handelsvertretung nach Frankfurt am Main geschickt. Wir wollten ja ins Ausland – aber doch nicht Deutschland!

Cycowicz: Das hätte ich mir auch nie vorstellen können!

Szepesi: Er hat es mir zuerst nicht erzählt. Er lernte heimlich Deutsch und eines Tages hieß es: Im Januar 1954 sollte er nach Frankfurt. Als er es mir erzählte, sagte ich: Nach Deutschland? Ohne mich!

Cycowicz: Was wusste er über Ihre Zeit im KZ?

Szepesi: Er wusste, dass ich in Auschwitz war und meine Eltern verloren habe. Mehr habe ich nicht erzählen wollen. Er war auch Jude, hatte auch viel mitgemacht, in Weißrussland, dann im russischen Arbeitslager. Er kam halb verhungert zurück.

Cycowicz: Ja, mein Mann hatte als Jude in Deutschland auch Schlimmes erlebt. Ich lernte ihn erst Mitte der 1950er in New York kennen, da hatte ich schon ein neues Leben. Ich wollte sein Leid nicht schmälern, indem ich von Auschwitz spreche. Er hat auch nie gefragt, 40 Ehejahre lang, vielleicht war es für ihn zu abscheulich. Viele Überlebende klammern das Thema aus. Jeder hat seine eigene Geschichte, keiner will Wunden aufreißen.

Szepesi: Aus Deutschland flehte mein Mann mich an nachzukommen: Nur zwei Jahre! Unsere erste Tochter, Judith, war gerade zwei Jahre alt, also gab ich nach. Doch 1956 wurde der Volksaufstand in Ungarn blutig niedergeschlagen. Alle Angestellten der ungarischen Vertretung in Deutschland baten um Asyl. Wir auch. Wenn ich heute vor Schulklassen als Zeitzeugin spreche, sage ich immer: Es war wohl Schicksal. Wir mussten damals hierbleiben, damit ich heute in deutschen Schulen alles erzählen kann.

Cycowicz: Wir wollten nach dem Krieg auch nach Deutschland, aber nur, um in die USA auszuwandern. In Chust war unser Haus geplündert und verwüstet worden, wir wollten sofort wieder weg. Wir lebten dann drei Jahre an der deutsch-tschechischen Grenze in Flüchtlingsheimen. Da schlug uns sehr feindliche Stimmung entgegen. Inzwischen habe ich Deutschland ein paarmal besucht und einige gute Freunde da gefunden. Damals war ich froh, dass wir nach Amerika konnten. Wie war Deutschland denn für Sie?

Szepesi: Zuerst hatte ich Angst, war immer nervös. Wenn mir ein Mann in Stiefeln und mit Hund entgegenkam, wechselte ich die Straßenseite. Ich verschwieg, dass wir jüdisch waren – sogar meiner Tochter. Wir gaben sie in einen katholischen Kindergarten, bei der Einschulung nannten wir eine andere Konfession. Aus Angst, sie könnte gemobbt werden.

Cycowicz: Ich verstehe das, aber ich hätte es nicht gekonnt. Ich habe mich immer nur unter Juden sicher gefühlt. Nach dem Tod meines Manns, 1992, folgte ich meinen Kindern nach Israel. Meine Familie war immer religiös, auch in Auschwitz wusste ich, dass Gott über mich wacht. Eine deutsche Freundin fragte mich einmal, ob ich im KZ frommer geworden bin. Ich sagte: Nein, aber ich bin mehr zur Jüdin geworden.

Szepesi: Ich habe auch nächtelang gegrübelt. Eines Tages entschieden wir, es ihr zu erzählen. Aber keine Horrorgeschichten, nichts von meiner Geschichte. Sie war sieben, es war Pessach, also sagten wir ihr: Du bist jüdisch, und wir Juden essen in dieser Zeit acht Tage lang kein Brot, sondern Mazzes. Für das Kind war es keine große Sache: Gut, sagte sie, dann bin ich ein Mazzes-Kind.

Cycowicz: Sie haben auch nie etwas Antisemitisches erlebt?

Szepesi: Nicht am eigenen Leib. Meine zweite Tochter Anita haben wir dann jüdisch aufgezogen. Aber beide Töchter wussten, in mir schlummert etwas. Fünfzig Jahre lang sprach ich nicht von Auschwitz und sie haben mich nicht bedrängt. Erst 1995, als sie schon erwachsen waren und Steven Spielbergs Shoa Foundation mich zu Interviews nach Auschwitz einlud, sollte ich das unbedingt tun. Am Abend vor der Gedenkfeier bat mich eine Jugendgruppe, meine Geschichte zu erzählen. Das hatte ich noch nie. Aber als ich anfing, konnte ich gar nicht mehr aufhören. Danach lagen meine Töchter mir weinend in den Armen.

Cycowicz: Bei mir war es ganz ähnlich! Ich habe es auch verdrängt. Und das schien auch leicht zu sein: In den 44 Jahren, in denen wir in Amerika lebten, hat mich niemand jemals gefragt: Wo warst du im Krieg? Erst in Israel sagte ich es öffentlich: Ich bin eine Holocaustüberlebende und ich schäme mich nicht mehr dafür.

Szepesi: Ich habe erst bei meinem Besuch in Auschwitz verstanden, was mit mir nicht stimmt. Ich konnte vorher nicht richtig trauern. Erst bei einem späteren Besuch entdeckten wir dann meine Mutter und meinen Bruder auf den Namenslisten der Ermordeten. Das war sehr schmerzhaft. Aber heute fühle ich mich ihnen näher, wenn ich in Auschwitz bin. Es gibt ja keinen Friedhof für sie, also zünde ich dort eine Kerze für sie an. Ich denke wieder oft an sie.

Cycowicz: Das habe ich in den 28 Jahren gelernt, in denen ich als Psychotherapeutin Shoa-Überlebende betreut habe: Im Alter kommt alles zurück. Die Erinnerungen sind stärker, auch die Angst kommt zurück. Weil du schwächer wirst und wir in Auschwitz gelernt haben: Wer schwach ist, überlebt nicht.

Szepesi: Aber wir sind jetzt stark genug, um darüber zu sprechen. Das finde ich wichtig. Und ich finde schön, dass wir uns so kennengelernt haben.

Cycowicz: Ach, ich würde Sie am liebsten umarmen! Wir müssen uns unbedingt persönlich treffen, wenn das wieder geht.

Szepesi: Wir telefonieren bald, dann reden wir über schöne Sachen. Mein Enkel studiert auch Psychologie. In Berlin. Das freut mich so, gute Psychologen sind so wichtig! (Interview: Steven Geyer)

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