1. Startseite
  2. Hintergrund

Hauptsache Party

Erstellt:

Von: Susanne Ebner

Kommentare

Krönungszeremonie 1953: die Queen mit Prinz Philip.
Krönungszeremonie 1953: die Queen mit Prinz Philip. © Imago Images

Für den Rest der Woche wird in London gefeiert: Queen Elizabeth II. sitzt seit sieben Jahrzehnten auf dem Thron. Einerseits ist die Königin sehr beliebt, andererseits lehnen viele junge Menschen die Monarchie ab.

Es ist früher Nachmittag, als Louis und seine Freunde aus der Elizabeth-S-Bahn-Linie in die Kneipe „The Flying Horse“ im Londoner Zentrum stolpern. Ein typischer Pub, hinter dessen dunkler Holztheke verschiedene Biere ausgeschenkt werden. Die jungen Männer tragen Masken der Queen, lachen und bestellen sich Pints und stoßen auf die Eröffnung des neuen Zuges, der zu Ehren der Monarchin nach ihr benannt wurde, an. Ob sie das Platinjubliäum feiern? „Ja, sicher“, meint einer und deutet auf seinen Freund. Louis trägt eine Perücke, die an die ikonische Frisur der Monarchin erinnert, eine Krone sowie weiße Handschuhe. Er freue sich auf die Partys, sagt der 31-jährige Londoner. „Die Queen ist jedoch der Hauptgrund, warum wir feiern.“

Winken vom Balkon, Paraden und Public Viewing: die Feierlichkeiten anlässlich des 70. Thronjubiläums von Königin Elizabeth II. gipfeln in dieser Woche zwischen dem 2. und 5. Juni in einem verlängerten Wochenende voller Events zu Ehren Ihrer Majestät. Schließlich bricht sie einen Rekord. Keine britische Monarchin vor ihr regierte so lange, nicht einmal Königin Victoria. Umfragen des Tourismusverbandes „Visit England“ ergaben, dass 19 Millionen Menschen aus dem In- und Ausland an den Feierlichkeiten teilnehmen wollen. Für die Wirtschaft bedeute dies geschätzte Mehreinnahmen von umgerechnet rund 1,4 Milliarden Euro.

Zu den Höhepunkten der Festlichkeiten zählt unter anderem „Trooping the Colour“. Die Fahnenparade findet am Donnerstag statt. Dabei machen sich Pferde, Reiter und Militärmusiker auf den Weg zu „Horse Guards Parade“, dem größten offenen Platz im Zentrum Londons. Danach wird sich die Queen aller Wahrscheinlichkeit nach im Kreise von Charles, Camilla, William und Kate auf dem Balkon des Buckingham-Palastes zeigen und Zehntausenden zuwinken.

Das Interesse an den Jubiläumsfeierlichkeiten ist um „Horse Guards Parade“ schon vor dem Event spürbar. Touristinnen und Touristen aus dem Ausland schlendern neugierig umherblickend über den Platz. Ein Kiosk hat einen langen Extratisch aufgestellt, um der Nachfrage gerecht zu werden. Darauf liegen Löffel, Tassen, Tee-Selektionen und Teller, auf denen die Queen zu sehen ist.

Karen Lee, Betreiberin des Kiosks, wurde vom Ansturm der vergangenen Wochen überrascht, gibt sie zu. Aufgrund der Pandemie und wegen des Krieges in der Ukraine sei die Stimmung im Januar und Februar noch gedrückt gewesen. „Seit Mai sind jedoch deutlich mehr Leute unterwegs“, sagt sie. Die Menschen seien bereit zu reisen, die Vorfreude mittlerweile groß.

Eine Antwort auf die Frage, warum man die Queen so ausgiebig feiert, hat die Royalistin schnell parat: „Sie wird sehr respektiert, teilweise geliebt. Die Menschen sehen, dass sie sehr viel gegeben hat. Sie schätzen ihr Pflichtbewusstsein.“ Lee räumt aber auch ein, dass viele Britinnen und Briten vor allem feiern wollen. „Alle sind nach einer entbehrungsvollen Zeit endlich wieder unterwegs und draußen. Es geht auch um die Partyatmosphäre.“

Tatsächlich finden neben großen Events wie dem „Service of Thanksgiving“, einer Dankmesse zu ihren Ehren am Freitag in der St.-Paul-Kathedrale, viele Straßenfeste und Feiern statt. Unter anderem das „Big Jubilee Lunch“, bei dem sich Nachbar:innen und Bekannte am Sonntag in vielen Teilen des Landes zum gemeinsamen Mittagessen treffen.

Doch nicht alle Britinnen und Briten wollen die Queen feiern. Die 30-jährige Sandra, die sich mit ihrer Freundin unweit des Buckingham-Palastes zu einem Picknick verabredet hat, reagiert auf das Platinjubiläum angesprochen empört. „Wieso soll ich die Monarchie feiern, während Menschen hierzulande nicht einmal die Möglichkeit haben, sich genug zu essen zu kaufen“, sagt sie. Das Jubiläum ist für sie kein besonderer Tag. „Ich werde alles so machen wie immer.“

Vor allem junge Menschen stellen die Monarchie infrage. Die Kritik reicht von den Kosten, die das Königshaus verursacht, bis zum Umgang mit dem kolonialen Erbe und wird auf sozialen Plattformen wie Tik Tok geäußert, wie Omid Scobie, Royal-Experte und Autor des Buches „Finding Freedom“, betont. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov zufolge wünschten sich im vergangenen Jahr mehr als 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen ein gewähltes Staatsoberhaupt, nur knapp mehr als 30 Prozent sprachen sich für eine Fortführung der Monarchie aus.

Auch wenn vielen Brit:innen die Monarchie nur ein Achselzucken abringt und manche sie als überflüssig ablehnen, Königin Elizabeth II. ist so beliebt wie nie. „Vor allem in den letzten 20 Jahren ist ihre Popularität immer weiter gestiegen“, erklärt die Historikerin zur britischen Geschichte der Gegenwart, Almuth Ebke, die in London forscht, gegenüber der FR. Dabei sei die Queen zu einem nationalen Symbol geworden. „Das Geheimnis ihres Erfolges ist dabei, dass sie nicht viel von sich preisgibt“, sagt Ebke. Als ihrer Pflicht folgender Familienmensch, der sein Leben dem Amt gewidmet hat, stehe sie für Werte, auf die sich fast alle einigen können – auch über Großbritannien hinaus. Die Queen ist so zu einer Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Menschen geworden.

Wo zeigt sich die Queen?

Die Relevanz des Jubiläums würde laut Omid Scobie auch von einer Erkenntnis genährt, die in Großbritannien kaum jemand ausspricht: „Es wird wohl ihr letztes sein.“ Angesichts des Gesundheitszustandes und des Alters von Elizabeth II. fragen sich viele zudem, an welchen Veranstaltungen des Platinjubiläums sie tatsächlich teilnehmen kann. Royal-Experte Rob Jobson geht davon aus, dass sie nur bei den allerwichtigsten Events auftauchen wird, darunter dem Dankgottesdienst und zwei Auftritten auf dem Balkon. „Wie jede Person in diesem Alter hat sie eben mal gute und weniger gute Tage.“ Das sei aber nicht unbedingt Grund zur Sorge, betont er.

Im vergangenen Jahr musste die 96-Jährige, die als pflichtbewusster Workaholic gilt, viele Auftritte absagen, zuletzt hielt sie nicht einmal die „Queen’s Speech“, eine zeremonielle Rede zur Eröffnung des Parlaments – seit Jahrzehnten ein Pflichttermin. Sie wurde von ihrem Sohn Charles vertreten, der dann, bedrückt auf die Krone neben sich blickend, die Pläne der Regierung für das kommende Jahr im Namen seiner Mutter vorlas.

In Großbritannien debattierte man daraufhin darüber, dass es denkbar sei, dass die Queen grundsätzlich ihre Aufgaben an Charles überträgt, aber im Amt bleibt. Eine solche Regentschaft gab es zuletzt vor mehr als 200 Jahren: Damals übernahm Prinz George, später König George IV., die Geschäfte von seinem Vater George III. bis zu dessen Tod 1820. Der Grund: George III. litt an einer psychischen Krankheit, die ihm das Regieren unmöglich machte. Queen Elizabeth II. nimmt im Unterschied dazu weiter ihre Pflichten wahr und habe überdies auch immer wieder betont, dass sie nicht in Rente gehen wolle, wie Scobie betont. Daher stellt sich diese Frage aktuell nicht.

Klar ist jedoch, dass Charles eine immer zentralere Rolle einnehmen wird – auch im Rahmen des Platinjubiläums. Es ist ein Vorgeschmack auf seine Regentschaft als König, der nicht alle Menschen im Land positiv entgegenblicken. Das habe laut Ebke auch etwas damit zu tun, dass ihn viele Britinnen und Briten im Laufe der Jahrzehnte als Mensch mit politischen Ansichten und Schwächen kennengelernt hätten, im Unterschied beispielsweise zu seinem Sohn William, den sich viele Menschen in Großbritannien eher als König vorstellen können. Die Queen profitiert also davon, dass sie ihr Amt schon im Alter von 25 Jahren übernommen hat, zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht bereit dafür war, wie sie einst einräumte.

Neben der Frage nach ihrer Beliebtheit diskutiert man im Vereinigten Königreich auch darüber, wie man sich an sie erinnern wird. Während manche davon sprechen, dass die Queen insbesondere den Abstieg des britischen Empire verwaltet habe, schlägt Ebke eine andere Sichtweise vor. Das Land sei in den vergangenen Jahrzehnten demokratischer, die Gesellschaft multikultureller geworden. „Großbritannien hat sich extrem verändert, und die Queen hat diesen Wandel mitgetragen.“ Wer auch immer recht haben mag, in den kommenden Tagen wird erst einmal gefeiert.

31.05.2022, Großbritannien, London: Die goldene Staatskutsche auf der Mall während einer frühmorgendlichen Probe, als Mitglieder der Königlichen Marine, der Britischen Armee und der Königlichen Luftwaffe eine letzte Probe vor der Platin-Jubiläumsfeier am Sonntag (05.06.2022) durchführen. Foto: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
31.05.2022, Großbritannien, London: Die goldene Staatskutsche auf der Mall während einer frühmorgendlichen Probe, als Mitglieder der Königlichen Marine, der Britischen Armee und der Königlichen Luftwaffe eine letzte Probe vor der Platin-Jubiläumsfeier am Sonntag (05.06.2022) durchführen. Foto: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa
Das Londoner Zentrum ist bereits geschmückt.
Das Londoner Zentrum ist bereits geschmückt. © dpa

Auch interessant

Kommentare