Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Logo der Sberbank: Russische Geldinstitute gelten als technologisch weit fortgeschritten.
+
Logo der Sberbank: Russische Geldinstitute gelten als technologisch weit fortgeschritten.

Überwachungsstaat Russland

„Gib mir Deine Stimme“

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
    schließen

Der russische Staat sammelt in großem Stil biometrische Daten seiner Bürgerinnen und Bürger. Auch die Banken sollen für die Regierung Informationen sammeln

Es geht vor allem um die Gesichter und Stimmen der Russinnen und Russen. „Der Angestellte der Bank fotografiert Sie und nimmt Ihre Stimme auf“, heißt es auf dem staatlichen Service-Portal Gosuslugi. „Ihre biometrische Schablone gelangt binnen zehn Minuten in das Einheitliche Biometrische System“ (EBS). Das sei ganz ungefährlich, die Daten würden „entpersonalisiert und chiffriert“.

Russlands Behörden sind eifrig bemüht, an die biometrischen Merkmale ihrer Bürgerinnen und Bürger zu gelangen. Seit Jahren sammeln die staatliche Sberbank und 227 andere Geldinstitute die Gesichter und Stimmen ihrer Kund:innen. Und leiten sie automatisch an das staatliche EBS weiter. Das Staatsunternehmen Rostelekom, das die EBS-Basis managt, ist gesetzlich verpflichtet, diese Daten bei Bedarf auch der Polizei und dem Geheimdienst FSB zu übergeben.

Wirklich begeistert sind davon aber wohl weder die Banken noch ihre Kundschaft. Bis zum Februar dieses Jahres gingen bei EBS laut der Zeitung „Kommersant“ erst Bild- und Tonaufnahmen von 164 000 Bürgerinnen und Bürgern ein.

Russlands junge Banken gelten als technisch sehr fortschrittlich. Die Sberbank startete gerade ein Pilotprojekt mit 52 Supermärkten der Kette Perekrestok, wo man künftig per Gesichtskontrolle bezahlen kann. „Unsere Banken probieren sehr gern alle neuen und modernen Technologien aus“, sagt Alexander Issawnin, IT-Dozent der Freien Universität Moskau. „Aber auch dort verstehen viele, dass biometrische Daten mit der Zeit gefährlich werden.“ Und dass nicht nur, weil Kriminelle sich ihrer bemächtigen könnten.

Anfang April startete die Regierung ein neues Projekt, das „Digitale Bürgerprofil“. Die Staatsmacht, so der „Kommersant“, will umgerechnet über 72 Millionen Euro investieren, um die Zahl der biometrisch erfassten Russinnen und Russen bis 2030 auf 50 Millionen zu steigern.

Dementsprechend sollen noch dieses Jahr die Bürgerämter in zehn Regionen ausgerüstet werden. Und wie die Agentur „Rosbalt“ schreibt, hat das Ministerium für Digitale Entwicklung vorgeschlagen, eine Reihe staatlicher Online-Serviceangebote für alle Nutzerinnen und Nutzer zu schließen, die ihre Biometrik nicht von allein herausrücken wollen.

IT-Fachleute und Menschenrechtler:innen befürchten, die Obrigkeit interessiere sich keineswegs so für die biometrischen Daten ihrer Untertanen, um die eigenen Dienstleistungen für diese sicherer zu machen. „Der Staat hat vor, sie für seine totalitären Ziele zu verwenden“, sagt Issawnin. „Schon bei den Demonstrationen für Alexei Nawalny im Winter wurden zahlreiche Teilnehmer aufgrund von Kameraaufnahmen in der Metro und auf der Straße festgenommen.“

Nach einer Untersuchung der Agentur „Telecom Daily“ gibt es in Russland 13,5 Millionen Überwachungskameras, nur China und die USA besitzen mehr. Und der Digitalrechtler Arjom Kosljuk schließt gegenüber dem Nachrichtenportal „RBK“ nicht aus, dass die Überwachungsvideos ebenfalls ins EBS gelangen, wo sie gemeinsam mit den biometrischen Daten zur Erstellung von Bewegungsporträts einzelner Personen genutzt werden könnten. „Eine Basis für den großen Bruder“, so „Forbes Russland“.

Aber Issawnin verweist darauf, dass es nicht nur nach den Nawalny-Protesten viele irrtümliche Festnahmen gegeben hat, weil die Überwachungstechnik Personen verwechselte. Und die Bürger:innen selbst würden begreifen, dass man Pin-Codes und Eingangsparolen verändern könne, nicht aber Fingerabdrücke, Gesichtszüge oder die eigene Stimme. „Sie werden sich kaum darum reißen, ihre Biometrie dem Staat anzuvertrauen oder diese Technologien für irgendwelche anderen Zwecke zu verwenden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare