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Gas oder Gewissen?

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Demonstration für das Embargo vom Brandenburger Tor.
Demonstration für das Embargo vom Brandenburger Tor. © dpa

Immer heftiger wird die Diskussion über einen Importstopp aus Russland. Das ist bedeutend leichter gesagt denn getan – und auszuhalten.

Wenn Fabian Schäfers die Bilder aus Ukraine sieht, bringt ihn das in Gewissensnöte. „Es ist schlimm, was dort passiert, und natürlich muss man alles tun, damit diese Gräueltaten aufhören“, sagt der 42-Jährige. Einerseits.

Andererseits weiß Schäfers sehr genau, dass „alles tun“ auch einen Boykott russischer Gaslieferungen einschließen würde. Und dass er, falls dieser verhängt würde, seine 220 Mitarbeiter sofort auf unbestimmte Zeit nach Hause schicken müsste.

Schäfers ist Geschäftsführer von Porcelaingres, einem Hersteller von Keramikfliesen in Vetschau im Spreewald. In seiner Fabrikhalle steht ein 100 Meter langer Ofen, der die Fliesen bei 1200 Grad brennt und dafür gewaltige Mengen an Gas verfeuert: 12,8 Millionen Kubikmeter im Jahr – so viel wie 800 000 Einfamilienhäuser verbrauchen.

Schäfers bezieht die Energie über einen lokalen Versorger, das meiste kommt direkt aus Russland. „Ich weiß, dass wir mit unseren Produkten indirekt den Krieg finanzieren“, sagt er. „Und gleichzeitig weiß ich, dass Hunderte Existenzen davon abhängen, dass wir weiter produzieren.“

Der Unternehmenschef aus Brandenburg steckt in einem Dilemma, und er ist nicht der Einzige. Millionen Menschen treibt derzeit diese Frage um: Sollte Deutschland jetzt russisches Gas verweigern und damit schwerwiegende Folgen für Wirtschaft und Wohlstand riskieren?

Von einem moralischen Standpunkt lässt sich die Frage nur mit „ja“ beantworten. Was sind ein paar fehlende Prozente beim Bruttoinlandsprodukt gegen vergewaltigte Frauen und getötete Kinder in Butscha, Irpin oder Mariupol? Doch Moral allein hilft in der Sache nur bedingt. Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Russlands Wladimir Putin das Morden im Falle eines Embargos tatsächlich beenden würde.

Könnte es nicht sogar sein, dass alles noch viel schlimmer würde, wenn Russland nichts mehr zu verlieren hätte? Und wäre es nicht geradezu töricht, wenn Deutschland sich dann selbst in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt hätte.

Es gibt keine Gewissheit in diesen Fragen, und deshalb führen sie zu Streit – in der Politik wie in der Wissenschaft.

Deutschlands Ökonomen tragen seit Wochen einen öffentlichen Streit aus, der bisweilen an eine Schlammschlacht erinnert. Die ein Embargo ablehnen, müssen sich Anlehnung an die britische Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland als „Beschwichtiger“ schelten lassen. Wer fürs Embargo ist, dem wird „Realitätsferne““ vorgeworfen.

In den sozialen Medien sind die Beschimpfungen zum Teil deutlich übler, so dass sich der Wirtschaftsweise Achim Truger genötigt sah, seine Zunft zu einem verbalen Waffenstillstand aufzurufen. Der bekannteste Embargo-Gegner ist Michael Hüther. „Viele Unternehmen wären in ihrer Existenz bedroht“, sagt der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Ein Boykott russischen Öls sei machbar, die Importe ließen sich bis Jahresende ersetzen. Beim Gas aber gehe das wegen der Pipelines nicht, „da hätten wir schlichtweg eine Versorgungslücke“, erklärt Hüther im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Sein Institut hat ausgerechnet, dass wichtige Wirtschaftszweige bis Ende 2022 kaum auf Gas verzichten können: Das Einsparpotenzial in der chemischen Industrie liege bei gerade mal vier Prozent, bei Glas- und Keramik bei 7,6 und beim Fahrzeugbau bei 8,9. Gesetzlich vorgeschrieben sei zugleich, dass Privathaushalte bevorzugt Gas erhalten, auch Gaskraftwerke müssten als Fernwärmelieferanten versorgt sein. „Es träfe also die Industrie und vor allem die Grundstoffproduktion“, so Hüther. Das hätte dann Folgen für ganze Wertschöpfungsketten, am Ende könnten überall die Bänder stillstehen. Hüther prophezeit Produktionsausfälle und Arbeitslosigkeit, Zahlen aber nennt er nicht, weil das aus seiner Sicht nicht seriös sei.

Das sieht Rüdiger Bachmann, der derzeit lauteste Embargo-Befürworter, völlig anders. Mit deutschen Kolleginnen und Kollegen hat der in den USA lehrende Ökonom bereits Anfang März durchgerechnet, was ein Lieferstopp kosten würde. Auf Grundlage aktueller Wirtschaftsmodelle kamen sie auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kritisiert wird daran, dass Bachmann und andere unterschätzten, wie schwierig es in manchen Branchen ohne Gas würde.

In der Fliesenproduktion von Fabian Schäfers etwa geht nichts ohne Gas. „Es gibt keine Alternative“, sagte er. „Mit Strom könnten wir die für den Brennvorgang nötigen Temperaturen nicht erreichen.“

Auf solche Fälle reagiert die Wissenschaft: Mittlerweile gehen Bachmann & Co. von einer Rezession in der Corona-Größenordnung aus, falls das Gas vom einen auf den anderen Tag weg wäre. – ein Einbruch der Wirtschaftsleistung um 4,9 Prozent und damit in etwa dem, was auch der Wirtschaftsweise Truger aus dem Lager der Skeptiker prognostiziert. Unterm Strich liegen die Rechnungen also nicht mehr weit auseinander: Es geht um rund 200 Milliarden Euro, die Deutschlands Wirtschaft 2022 fehlen könnten.

Die Schlussfolgerungen allerdings könnten unterschiedlicher kaum sein. Bachmann glaubt, dass ein Lieferstopp „funktionieren“ könne – eine „kluge Wirtschaftspolitik“ mit Einsparungen, Kurzarbeit, Unternehmenshilfen und Sozialleistungen vorausgesetzt. „Ich sehe keine andere Möglichkeit, als Russland so zu destabilisieren, dass es künftig die Finger von anderen Staaten in Europa lässt“, sagt der Ökonom.

Truger hingegen befürchtet eine Rezession, die den industriellen Kern der Wirtschaft trifft. „Es wäre dann eine Mammutaufgabe, Jobverluste, Firmenpleiten und negative Verteilungswirkungen effektiv abzufedern“, sagt er.

Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck halten die Argumente der Skeptischen für überzeugender. „Wir verfolgen ja eine Strategie, uns unabhängig von russischem Gas, von Kohle, vom Öl zu machen“, wiederholt Habeck immer wieder. „Nur eben nicht sofort.“

Bei Kohle ist der Entschluss für einen Importstopp am Donnerstag auf EU-Ebene gefallen, beim Öl könnte es in Kürze so weit sein, beim Gas aber dürfte es dauern. „Ohne russisches Gas kommen wir nicht durch den nächsten Winter“ – den Satz hört man derzeit häufig.

Wer mit Gas zu tun hat, beobachtet nun mit bangen Blicken die Preise für die europäische Referenz-Sorte Dutch TTF. Wie ein Seismograph zeigt die Preisentwicklung der Terminkontrakte an, wie es um den Krieg und den nächsten Winter bestellt ist. Vergangene Woche gingen die Notierungen nach unten, weil es wärmer wurde und starker Wind viel Ökostrom ins Netz wehte. Gaskraftwerke wurden gedrosselt. In normalen Jahren würde sich der Trend dann mit Ende der Heizperiode verstärken. „Widowmaker“ (Witwenmacher) nennen das die Händler, was derzeit noch makabrer klingt als sonst.

Am Freitagvormittag allerdings schossen die Notierungen rapide in die Höhe. Meldungen über Angriffe russischer Truppen auf eine Gas-Verdichterstation in der Region Luhansk waren die Ursache. Das zeigt, wie sensibel die Rohstoffbörsen derzeit sind. Und es spielt Putin in die Hände. Die Fachleute des Finanzdienstes Bloomberg gehen davon aus, dass Russland in diesem Jahr rund 320 Milliarden Dollar mit Energieexporten verdienen wird, rund ein Drittel mehr als 2021. Eine Megawattstunde Dutch TTF Gas kostete am Freitagmittag etwa 109 Euro. Vor einem Jahr waren es um die 16 Euro. Putin, das ist die bittere Wahrheit, profitiert von der Unsicherheit, die er verbreitet.

Der einzige Ausweg ist, die Abhängigkeit von russischer Energie zu reduzieren. Wie das funktionieren kann, hat die Brüsseler Denkfabrik Bruegel durchgespielt: Es müsse in den nächsten Monaten so viel Flüssiggas (LNG) wie irgend möglich nach Europa geschafft werden, um die Speicher vorm Winter zu füllen. Brennstoff und Kosten müssten fair aufgeteilt werden, außerdem müsse die EU verhindern, dass sich Mitglieder beim LNG-Kauf gegenseitig in die Höhe bieten.

Trotzdem wird es teuer. Zwölf Milliarden Euro hat das Auffüllen der Speicher in den vergangenen Jahren gekostet, 2022 könnten bis zu 70 Milliarden fällig werden. An massiven staatlichen Hilfen würde dann kein Weg vorbei führen.

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft warnt bereits vor „schweren Verwerfungen“ falls russisches Gas ausbleibt. „Die aktuellen Bestrebungen, die Abhängigkeit so schnell wie möglich zu reduzieren, ist mehr als verständlich – wir müssen jedoch aufpassen, die Wirtschaft bei diesem Ablösungsprozess nicht unter die Räder kommt“, sagte Bundesgeschäftsführer Markus Jerger. Die Bundesregierung müsse kleine und mittelständische Firmen im Blick behalten und alles versuchen, um die Bedeutung von Gas im Energiesystem zurückzudrängen. „Die deutsche Wirtschaft ist anpassungsfähig, sie braucht nur die richtigen Rahmenbedingungen und die entsprechende Unterstützung“, sagt Jerger.

Das sieht auch Fabian Schäfers so. Er bezahlt pro Monat mehr als eine Millionen Euro zusätzlich für Energie. „Selbst für gesunde Unternehmen wie uns ist das nicht auf Dauer abzufedern.“ Er wäre bereit, selbst mehr in Energieeffizienz zu investieren. Aufs Dach seiner Fabrik hat er die größte Solarstromanlage Brandenburgs installiert. „Auch wir wollen so schnell wie möglich weg von Lieferungen aus Russland“, sagt er – Betonung auf „wie möglich“.

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