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Englands tote Babys

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Von: Susanne Ebner

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Beim nationalen britischen Gesundheitssystems NHS gibt es laut  „Ockenden Report“ gravierende Mängel.
Beim nationalen britischen Gesundheitssystems NHS gibt es laut „Ockenden Report“ gravierende Mängel. © Dominic Lipinski/dpa (Symbolbild)

Studie offenbart Defizite bei der Geburtshilfe in Großbritannien.

Was Ruth und ihr Partner erlebten, gleicht einem Albtraum. Als die schwangere Deutsche schon auf der Geburtsstation einer Londoner Klinik lag, die Herztöne ihres Babys schlechter wurden und sie sich zunehmend Sorgen machte, hieß es noch, alles sei in Ordnung. Schließlich holte man ihren Sohn in der kommenden Nacht per Notfallkaiserschnitt auf die Welt. Er musste wiederbelebt werden und starb schließlich drei Tage nach der Geburt am 1. Oktober 2021. „Unser Baby hätte leben können, doch jetzt ist es tot“, sagt Ruth, die wegen des laufenden Verfahrens nur mit dem Vornamen genannt werden will, im Gespräch mit der FR.

Was Ruth widerfuhr ist kein Einzelfall. Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie eines unabhängigen Komitee, „Ockenden Report“ genannt, weist auf Probleme bei der Geburtshilfe des nationalen britischen Gesundheitssystems NHS hin. Einem Bericht aus der Region Shrewsbury and Telford bei Birmingham zufolge starben mehr als 200 Babys und neun Mütter infolge mangelnder Versorgung. Bei rund 100 weiteren Kindern traten Hirnschäden auf, die laut Fachleuten vermeidbar gewesen wären. Betrachtet wurden 1500 Familien zwischen 1998 und 2017.

2000 Hebammen fehlen

Wie konnte es so weit kommen? „Die schlechte Überwachung des Wachstums des Kindes im Mutterleib und eine Kultur der Zurückhaltung, Kaiserschnitte durchzuführen, führte dazu, dass viele Babys während der Geburt oder kurz danach gestorben sind“, sagte die Vorsitzende des Untersuchungskomitees Donna Ockenden. Risikoschwangerschaften seien zudem oft nicht erkannt und die Herzfrequenz des Kindes vor der Geburt nicht gut genug überwacht worden. Der 234-seitige Bericht bezieht sich zwar auf eine Region, Fachleute betonten jedoch, dass in ganz England Handlungsbedarf bestehe. Ein Boulevardblatt sprach von einem der „größten Skandale innerhalb des NHS“, dem steuerfinanzierten Gesundheitssystem Großbritanniens.

Ein Schicksal spielt eine besondere Rolle: Jenes der kleinen Kate Stanton-Davies. Das Baby war wenige Stunden alt, als es 2009 in den Armen des Vaters starb. Die Eltern wollten herausfinden, was schiefgelaufen ist. Ihre Entschlossenheit führte zu einer Untersuchung und der Veröffentlichung des jüngsten Berichts. Heute weiß Kates Mutter, dass auch in ihrem Fall „viel schiefgelaufen ist“ – während der Schwangerschaft, der Geburt und danach. Richard Davies betonte, dass so etwas in einem System wie dem NHS nicht passieren dürfe.

Um die Situation des NHS zu verbessern, macht der am Mittwoch veröffentlichte Report Vorschläge. Neben der Optimierung von Abläufen und Zuständigkeiten müsse vor allem die Personalausstattung verbessert werden, hieß es. Fachleute bezweifeln aber, dass dies schnell passiert, angesichts des Mangels von mehr als 2000 Hebammen. Die Gründe seien strukturell, das System seit Jahren unterfinanziert, betont die Denkfabrik „Kingsfund“. Hinzu kommen Auswirkungen des Brexit und der Pandemie – viele Europäer im Gesundheitssektor haben das Land verlassen.

Für Ruths verstorbenen Sohn kommen die Erkenntnisse zu spät. In ihrem Fall räumte die Klinik des NHS nach dem Vorfall ein, dass sie Schuld am Tod des Kindes hätten. Ein Bericht einer unabhängigen Kommission belegte, dass dem Krankenhaus mehrere Fehler unterlaufen sind. Die 41-Jährige hofft, dass ihr Schicksal zumindest einen kleinen Beitrag für eine Verbesserung leistet: „Der Tod unseres Sohnes soll nicht umsonst gewesen sein.“

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