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Eine Meile pro Stunde

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Von: Susanne Ebner

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Warten mit Blick aufs Wasser: Der Weg der Schlange, die inzwischen vier Kilometer lang ist, führt auch an der Themse entlang.
Warten mit Blick aufs Wasser: Der Weg der Schlange, die inzwischen vier Kilometer lang ist, führt auch an der Themse entlang. de SOUZA/AFP © Carl de Souza/afp

Um die Queen ein letztes Mal zu sehen, nehmen Hunderttausende einiges auf sich

Elizabeth II. hat im Laufe ihres Lebens viele Rekorde aufgestellt, nun kommt nach ihrem Ableben womöglich ein weiterer hinzu. Bislang galten die Schlangen, die sich jedes Jahr anlässlich des Wimbledon-Turniers bilden als die berühmtesten, als „The Queue“. Das könnte sich jetzt ändern. Denn die Menschenreihe, die sich aktuell durch das Zentrum Londons erstreckt, ist mehrere Kilometer lang. Menschen, die sich in Westminster Hall von der Queen verabschieden wollen, könnten bis zu 30 Stunden warten, hieß es. Und das, anders als in Wimbledon, ohne Zelt. Auf Twitter wurde das Phänomen gestern deshalb als „Triumph der ,Britishness‘“ gefeiert und als die „Mutter aller Schlangen“.

Nachdem der Sarg der Queen am Mittwoch von Buckingham-Palast in die Westminster Hall, dem ältesten Teil des britischen Parlamentsgebäudes, gebracht wurde, wird er dort noch bis Montagfrüh aufgebahrt. So lange ist er fast rund um die Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Es wird erwartet, dass rund zwei Millionen Menschen kommen werden, um der Monarchin den letzten Respekt zu erweisen. Hierzu muss man sich allerdings in die gigantische Warteschlange einreihen.

Gestern Nachmittag führte sie von der Tower Bridge am Südufer der Themse flussaufwärts bis nach Lambeth und über die gleichnamige Brücke bis ins Parlament – das sind beinahe vier Kilometer. Dabei waren die Wartezeiten zumindest zu diesem Zeitpunkt deutlich kürzer als ursprünglich befürchtet. Die Rede war von etwa sechs Stunden.

Dass es vorangeht, bestätigten auch die Wartenden in der Schlange nahe der London Bridge. „Hier läuft alles reibungslos“, sagte die 50-jährige Katie, die mit Freunden aus der Nähe von Cambridge in die Hauptstadt gekommen ist. Ihre Vorräte hatten sie in Stofftaschen über die Schulter gehängt dabei. „Ich schätze, dass wir ungefähr eine Meile pro Stunde zurücklegen.“ Sie hätten genug Proviant und überdies ihre Handys geladen, so wie es empfohlen wurde.

„Wir haben auch ein paar Marmeladenbrote mitgebracht“, scherzte die 57-jährige Charol, die aus Derby in den Midlands nach London gereist war. Dabei nahm sie auf ein Video Bezug, das im Zuge des 70. Thronjubiläums der Queen entstand und um die ganze Welt ging. Es zeigte Paddington den Bären, und die Monarchin, beide ausgestattet mit einem Notfall-Sandwich. Charol wartete ebenfalls mit Freundinnen in der Schlange. Als Britinnen fühlten sie sich gut auf das gemeinsame Warten vorbereitet. „Schließlich kennen wir die Regeln.“

Tatsächlich gibt es in Großbritannien im Zusammenhang mit Schlangen viele ungeschriebene Gesetze. Dazu gehört etwa der richtige Abstand: Ist man zu nahe dran, stört man den Vordermann, ist man zu weit weg oder versucht gar sich vorzudrängeln, wird man – typisch britisch – freundlich, aber mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass man sich einzureihen hat. Und so ließ sich gestern das eine oder andere Mitglied des Sicherheitspersonals mit der Frage vernehmen: „Are you in the queue“, also: „Stehen Sie an“?

Wer pöbelt, fliegt raus

Wer sich einreiht, muss zudem weitere eigens für diese Schlange eingeführte Regeln einhalten. So ist es nur erlaubt, eine kleine Tasche mitzunehmen, Zelte waren verboten. Der Palast rief die Menschen zudem dazu auf, sich angemessen zu kleiden. Wer randaliert oder sich betrinkt, werde aus der Warteschlange entfernt; wer zur Toilette muss, bekommt ein Armbändchen und darf die Schlange kurz verlassen. Überdies sollten die Menschen warme und wetterfeste Kleidung und ausreichend Getränke und Essen mitnehmen.

Auskunft über die aktuelle Länge der Schlange in London bietet ein eigens dafür eingerichteter Youtube-Kanal. Ein roter Punkt mit dem Hinweis „Live“ macht klar, dass die Angaben stetig aktualisiert werden. Hier wird seit Mittwochnachmittag der Verlauf auf einer Karte angegeben – mitsamt Kilometerzahl.

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