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Eine imperiale Tradition

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Von: Harald Stutte

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Russlands Generäle müssen sich nicht sorgen: Putin (M. links) schont offenbar ihre und seine Landsleute beim Kriegseinsatz in der Ukraine.
Russlands Generäle müssen sich nicht sorgen: Putin (M. links) schont offenbar ihre und seine Landsleute beim Kriegseinsatz in der Ukraine. © AFP

Soldaten aus den nicht-russischen Teilrepubliken von Putins Reich tragen anscheinend die Hauptlast der Kämpfe in der Ukraine. Der Widerstand dagegen wächst sogar in der Armee

Eine Organisation, die sich „Asiaten Russlands“ nennt, kritisiert die „katastrophale Statistik“ toter Soldaten in Wladimir Putins Reich. Der US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) hat das publik gemacht und stützt sich dafür auf Äußerungen von Wassili Matenow, dem Gründer der Organisation.

Matenow setzt sich innerhalb Russlands für „gefährdete und zahlenmäßig kleine Völker, die vom russischen Staat diskriminiert werden“, ein. Im Moment geht es ihm offenbar „in erster Linie darum, den Krieg, in den ausnahmslos alle Völker hineingezogen wurden, zu beenden“. Matenow erklärt sein persönliches Engagement mit der „erschreckenden „Statistik der zivilen Todesopfer in der Ukraine (...), ebenso wie die katastrophale Statistik der toten Soldaten, die nationalen Minderheiten entstammen“.

Auch „Mediazona“, eine unabhängige Medienagentur, gegründet von den „Pussy Riot“-Mitgliedern Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa, will herausgefunden haben, dass die meisten Gefallenen auf der russischen Seite aus den armen Regionen Dagestan und Burjatien stammen, wo der durchschnittliche Monatslohn um die 200 Euro liege. 80 Prozent der Kriegstoten aus der Region Astrachan gehörten der Minderheit der Kasachen an, berichtete „Radio Liberty“, dabei sei nur ein Sechstel der Bevölkerung dort kasachischer Herkunft.

Beim Sold scheint die ethnische Zuordnung ebenfalls entscheidend: Angehörigen von Minderheiten zahlt der russische Staat dem ISW zufolge nach 30 Tagen Training rund 3000 Euro. Kampfunerfahrene Russen erhalten dagegen bis zu 5000 Euro und auch eine entsprechend höhere Rente.

Laut dem ISW, das sich auf ukrainische Quellen stützt, sollen die russischen Behörden zudem im Todesfall die Hinterbliebenen von Soldaten ethnischer Minderheiten diskriminieren. So zahle man Familien aus Moskau dreimal so viel wie denen von Soldaten aus Burjatien.

Russland mit seiner Bevölkerung von 144 Millionen Menschen ist ein Vielvölkerstaat. Zwar gibt es mit 79,8 Prozent eine klare russische Mehrheit, doch leben noch fast 100 weitere Völker in dem Riesenreich, zu dem neben teilweise buddhistisch oder animistisch geprägten zentralasiatischen und fernöstlichen Republiken auch mehrheitlich muslimisch geprägte wie Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan gehören.

Insgesamt sind in Russland mehr als 160 Nationalitäten offiziell anerkannt – wobei das eigentliche Russland im Osten schon am Ural endet. Nach der russischen Gruppe sind die zahlenmäßig größten Völker oder Nationen muslimische Tataren (3,8 Prozent), Ukrainer (drei Prozent) und Weißrussen (1,2 Prozent), gefolgt Tschetschenen, Baschkiren und Armeniern. Zudem gibt es Tschuwaschen, Mescheten, aber auch Deutsche. Letztere sind in der Regel Nachkommen der einst unter Katharina der Großen zur Kolonisierung angeworbenen Bauern und Handwerker.

Wie schwer sich Russland vor allem mit seiner etwa zehn Prozent starken muslimischen Minderheit tut, wurde in der Teilrepublik Tatarstan deutlich, in deren Hauptstadt Kasan nur weniger als die Hälfte der 1,3 Millionen Einwohner:innen Russinnen und Russen sind. Lange schon betreibt Putin die Russifizierung seines Herrschaftsbereichs – nicht anders als russische Herrscher vor ihm. Im November 2017 wurde Tatarisch als Pflichtfach an den Schulen Tatarstans abgeschafft. In der Mittelstufe werden seitdem nur noch nur zwei optionale Stunden statt der früheren fünf Pflichtstunden angeboten. Dem vorausgegangen war eine Rede Putins im russischen Rat für interethnische Angelegenheiten, in der er betonte, dass in seinem Land Russisch als Sprache Vorzug genieße.

Daraufhin kam es in Tatarstan und dem benachbarten Baschkirien zu Demonstrationen. Der Unmut in der dank ihrer Ölindustrie wohlhabenden Republik war groß.

Der Überfall auf die Ukraine droht die ethnischen Differenzen innerhalb Russlands noch zu vertiefen. Früh schon berichtete die BBC über Putins zentrale Strategie, seine Invasionstruppen vor allem aus ethnischen Minderheiten zu rekrutieren, anstatt eine generelle Mobilmachung zu verkünden, weil das zu Unruhen innerhalb Russlands führen könnte. Dafür wird jetzt über Spannungen in den ethnischen Enklaven Russlands berichtet.

Das Institute for the Study of War verweist dafür auf einen Bericht des russischen Bloggers „Rybar“ vom 18. Juli, wonach sich in der autonomen Teilrepublik Tuwa in Sibirien eine Anti-Kriegs-Bewegung via Telegram-Internetdienst verabredet haben soll. Ihre Mitglieder sollen der Minderheit der Tuwaren angehören, gegen den Krieg agitieren und angeblich die Unzufriedenheit in Tuwa mit dem russischen Regime anheizen.

Zuvor hatte es bereits Berichte über eine Bewegung der Burjaten in Süd-Sibirien gegeben. Die teilte mit, 150 Soldaten aus ihren Reihen, die bereits in der Ukraine dienten, seien desertiert und wollten zurück nach Hause. Die Behörden hatten ihnen zuvor mit Strafverfolgung gedroht, sollten sie ihren Kriegsdienst vorzeitig quittieren.

Laut der ukrainischen „Kyiv Post“ sagte Alexandra Garmaschapowa, eine Anführerin der burjatischen Gruppe, dass die Desertierten „ihre eigenen Leben und die der anderen gerettet“ hätten. „Es ist es nicht wert, für Putins Ambitionen zu kämpfen. Während du stirbst, isst er gut, schläft er ruhig und baut sich einen neuen goldenen Palast.“

In einem der russisch besetzten Orte in der Oblast Cherson soll es sogar zu einem Gefecht zwischen zwei Einheiten der Invasionstruppe gekommen sein. Einen entsprechenden Bericht veröffentlichte das ukrainische Verteidigungsministerium. Unabhängig prüfen lassen sich die Angaben aus dem Kriegsgebiet bekanntlich nicht.

Bei den Kämpfen der beiden russischen Einheiten gegeneinander sollen etwa 50 Tschetschenen auf ebenso viele Burjaten geschossen haben. Nach Angaben der Ukraine soll es bei dem Streit unter anderem um eine Ungleichbehandlung der Einheiten durch ihre übergeordneten Stäbe und rückwärtigen Dienste gegangen sein.

Nach verschiedenen westlichen Erhebungen und Schätzungen müssten bislang im Ukraine-Krieg bislang mindestens 20 Kampfgruppen in Bataillonsstärke (zwischen 300 und 1200 Angehörige) im Einsatz gewesen sein, die sich aus ethnischen Minderheiten zusammensetzen. Vier davon stammen aus dem kleinen, nur 1,4 Millionen Menschen zählenden Tschetschenien im Kaukasus. Was vor allem daran liegt, dass dessen Präsident Ramzan Kadyrow ein besonders williger Helfer Putins ist.

Dass Putin andere Ethnien „als Kanonenfutter verheizt“ – wie es der britische Geheimdienstchef Richard Moore ausdrückt – sei Ausdruck eines „von tiefem Chauvinismus“ durchdrungenen Denkens, äußerte der Mainzer Slawist Rainer Goldt gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Damit setzt „eine der letzten Kolonialmächte“, als die Frankreichs Emmanuel Macron Russland Ende Juli bezeichnet hatte, eine hässliche Tradition früherer Imperien fort.

Asiatische Soldaten in Moskaus Diensten.
Asiatische Soldaten in Moskaus Diensten. © IMAGO/SNA

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