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Eine „Bild“-Karriere

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Von: Felix Huesmann

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Julian Reichelt, bis vor kurzem Chefredakteur der „Bild“.
Julian Reichelt, bis vor kurzem Chefredakteur der „Bild“. © dpa

Aufstieg und Fall des Journalisten Julian Reichelt. Nach Medienberichten entband Springer den „Bild“-Chefredakteur am Montag von seinen Aufgaben.

Wer mit der „Bild“ im Aufzug nach oben fahre, der fahre auch mit ihr wieder runter. Mit diesem Satz beschrieb der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, einmal die Macht von Deutschlands größter Boulevardzeitung. Jetzt gilt der Satz – wenn auch anders, als von Döpfner intendiert – auch für Julian Reichelt (41).

Nach erneuten Medienrecherchen über sexuelle Beziehungen Reichelts zu jungen Kolleginnen und damit in Zusammenhang stehenden möglichen Machtmissbrauch entband Springer den „Bild“-Chefredakteur am Montag von seinen Aufgaben.

Es ist ein abrupter Abbruch einer fast 20-jährigen „Bild“-Karriere: Ab 2002 besuchte Reichelt die Axel-Springer-Akademie, die Journalistenschule des Medienkonzerns. Anschließend berichtete er unter anderem als Kriegsberichterstatter aus Krisenregionen rund um die Welt. 2007 wurde Reichelt „Bild“-Chefreporter, dann Online-Chef und 2017 schließlich Vorsitzender der Chefredaktionen. Die „Bild“ prägte Reichelt, und Reichelt prägte die „Bild“.

Nun musste er seinen Posten an der „Bild“-Spitze räumen. „Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen“, teilte Springer mit. Der Vorstand habe erfahren, „dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat“.

Im März musste sich Reichelt unter anderem wegen sexuellen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen einer Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei unterziehen. Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen – die Reichelt bestreitet – waren laut geworden. Für knapp zwei Wochen wurde Reichelt von seiner Arbeit freigestellt, kehrte dann aber zurück.

Neue Veröffentlichungen der „New York Times“, des „Spiegel“ und von einer Veröffentlichung bislang offiziell zurückgehaltene Recherchen des Investigativ-Teams des Ippen-Verlags bringen Reichelt nun dennoch zu Fall. Der „Spiegel“ berichtete unter anderem von einer weiteren sexuellen Beziehung Reichelts mit einer ihm unterstellten Mitarbeiterin.

Die Berichte zeichnen das Bild eines Chefredakteurs, der sich jungen Kolleginnen annähert und sie mit verantwortungsvollen Aufgaben bedenkt. Die Bevorzugung sei jedoch mit einem sexuellen Verhältnis zu den jungen Frauen verbunden gewesen. Um Vorwürfe nicht einvernehmlicher Beziehungen geht es dabei nicht, aber um die des Machtmissbrauchs. Besonders die Veröffentlichung in der „New York Times“ dürfte zur Absetzung Reichelts beigetragen haben. Seit 2020 gehört der Springer-Konzern der US-amerikanischen Investmentfirma KKR. Erst im August kaufte Springer das US-Medium „Politico“ für mehr als eine Milliarde Dollar. Verhältnisse, wie sie laut den Recherchen in der „Bild“-Redaktion herrschten, aber auch sexuelle Beziehungen am Arbeitsplatz insgesamt, werden in der US-amerikanischen Unternehmenskultur kritischer gesehen als in Deutschland.

Auch Döpfner unter Druck

Neben Reichelt gerät auch Mathias Döpfner unter Druck, der Springer-Vorstandsvorsitzende und Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Die „New York Times“ und der „Spiegel“ berichteten über eine Nachricht, die Döpfner während des Compliance-Verfahrens an den bis dahin mit ihm befreundeten Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre geschickt haben soll. Julian Reichelt sei „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt“, schrieb Döpfner den Berichten zufolge darin. Die meisten anderen Journalisten seien zu „Propaganda-Assistenten“ geworden.

Ein Sprecher des Springer-Konzerns bestätigte RND die Echtheit der Nachricht. Er sagte, Döpfner halte die Bundesrepublik selbstverständlich nicht für vergleichbar mit der DDR. „Das wäre komplett absurd und sollte für jeden offenkundig sein, der den publizistischen Äußerungen von Döpfner folgt“, so der Sprecher. In privaten Dialogen gebe es „Mittel der Ironie und bewussten Übertreibung“, und die Nachricht müsse im Kontext gesehen werden.

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