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„Eine absolute Tragödie“

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Von: Susanne Ebner

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Am 23. August wurde in dem Haus im Knotty Ash Viertel in Liverpool die 9-jährige Olivia erschossen. Die Polizei ermittelt.
Am 23. August wurde in dem Haus im Knotty Ash Viertel in Liverpool die 9-jährige Olivia erschossen. Die Polizei ermittelt. © Paul Ellis/afp

Entsetzen in Liverpool nach dem Tod der neunjährigen Olivia.

Cheryl Korbel öffnet nur kurz die Haustür ihres Reihenhauses in Liverpooler Osten, um zu sehen, was den Lärm auf der Straße verursacht. Da passiert das Unfassbare: Ein ihr unbekannter Mann, wohl auf der Flucht, stürmt in ihr Haus. Sein maskierter Verfolger schießt auf die 46-jährige Britin und trifft dabei ihre neunjährige Tochter Olivia, die hinter ihr steht.

Olivia ist tot. Nun wird nach dem Täter gefahndet. Genau 15 Jahre, nachdem bei einer tödlichen Schießerei in Liverpool der 11-jährige Rhys Jones in das Kreuzfeuer zweier krimineller Banden geraten war, wurde die nordenglische Hafenstadt am Montagabend von einem ähnlichen Verbrechen erschüttert. Olivia wurde vermutlich von einem Mitglied einer Gang erschossen. Ein Zufallsopfer.

Das Bild des lächelnden Mädchens, gekleidet in einem hellrosa Latzkleid, prägte am Mittwoch die Titelseiten der britischen Zeitungen. Der „Daily Mirror“ bezeichnete das Verbrechen als „unerträglich“, der „Guardian“ sprach von einem „verpfuschtem Gangsterangriff“, bei dem ein Mädchen sterben musste.

Nachbarn von Olivia brachten am Tag nach dem Verbrechen ihre Verzweiflung zum Ausdruck. Paul Davies, der drei Kinder im gleichen Alter hat, zeigte sich schockiert von mehreren Vorfällen mit Schusswaffen in nur einer Woche in und um Liverpool. „Es ist absolut verrückt und muss aufhören“, sagte er zu Journalist:innen. Tatsächlich war es das dritte Mal innerhalb einer Woche, dass ein Mensch in der Region erschossen wurde. Am Sonntag starb eine 28-Jährige, nachdem ein Unbekannter in ihrem Haus auf sie gefeuert hatte. Am 16. Augusts wurde ein 22-Jähriger durch mehrere Kugeln getötet.

Wohl Banden verantwortlich

Angesichts der Welle der Gewalt fragen sich viele Menschen in Liverpool, ob sie ihre Häuser überhaupt noch verlassen können. Ein Mann, der in der Nähe des getöteten Mädchens wohnt und die Schüsse gehört hatte, sagte, „es ist, als hätte jeder eine Waffe. Ich fühle mich nirgendwo sicher.“

Polizeichefin Serena Kennedy beschrieb den Angriff am Dienstag auf einer Pressekonferenz als „absolute Tragödie“, die alle Grenzen überschreite. Es gingen erste Hinweise zur Identität des Täters ein. Der Verfolgte liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Er soll als Zeuge befragt werden. Wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen nahm ihn die Polizei fest.

Diese geht davon aus, dass organisierte kriminellen Banden für das Verbrechen verantwortlich sind. Zwar wurde die Industrie- und Hafenstadt seit den 80er-Jahren durch staatliche Maßnahmen neu gestaltet, die gentrifizierte Innenstadt entwickelte sich von Liverpool zu „Livercool“, sie gilt jedoch nach wie vor als Hochburg für organisierte Kriminalität.

Laut der britischen Kriminalpolizei „National Crime Agency“ (NCA) böte die Stadt durch ihre Geschichte – Liverpool galt schon im 19. Jahrhundert als kriminelle Hochburg – die geografische Lage und Altersstruktur den perfekten Nährboden für illegalen Drogen- und Waffenhandel. „Der Beweis ist, dass die nordwestlichen Gruppen den Rest der (kriminellen) Banden im Vereinigten Königreich dominieren“, sagte Matt Perfect von der NCA.

Warum sich die Verbrechen nun häufen, darauf hat die NCA auf Nachfrage dieser Zeitung auch keine Antwort. Der Polizeibeamte Mark Kameen sagte, dass in Merseyside 13 Monate ohne tödliche Schüsse vergangen seien, bevor innerhalb einer Woche drei Morde stattfanden.

Die Bewohnerinnen und Bewohner fordern nun, dass mehr passiert, um die Stadt sicherer zu machen. Emily Spurrell, Polizei- und Kriminalkommissarin von Merseyside forderte mehr Ressourcen von London. „Uns fehlen immer noch 456 Beamte“, sagte sie. „Wir könnten sie einsetzen, um einige dieser Probleme anzugehen.“ Für die neunjährige Olivia kommen solche Maßnahmen in jedem Fall zu spät.

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