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Ein Zug für die Queen

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Von: Susanne Ebner

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Die neue Linie soll pro Jahr 200 Millionen Menschen transportieren.
Die neue Linie soll pro Jahr 200 Millionen Menschen transportieren. © Susanne Ebner

Kommende Woche eröffnet die Elizabeth-Linie in London. Sie soll das Verkehrsnetz entlasten und auch Reisenden Vorteile bringen.

Wer die rund 100 Jahre alte U-Bahn-Station im Londoner Viertel Farringdon verlässt, blickt auf den 2021 fertig gestellten Farringdon-Crossrail-Bahnhof. Ein modern anmutendes, kastenartiges Gebäude, geprägt von Glas und Beton. Überirdisch nur durch eine Straße getrennt, liegen technisch und historisch Welten zwischen den beiden Bauwerken im Osten der Londoner City und ihrem jeweils zugehörigen Tunnelsystem. Hier viktorianische, teils stickige Enge; dort großzügige unterirdische Hallen. Hier Ziegel und honigfarbene Backsteine; dort gut isolierte, geschwungene Wände.

Gut 100 Kilometer Strecke

Erbaut wurde der Bahnhof in Farringdon als Teil der neuen Elizabeth-Linie, benannt nach Queen Elizabeth II. Die Zuglinie kann man sich als teils unterirdisch verlaufende S-Bahn vorstellen. Sie wird sich über mehr als 100 Kilometer vom Flughafen Heathrow im Westen durch einen 22-Kilometer-Tunnel im Zentrum Londons bis weit in den Südosten der Stadt erstrecken, mit 41 Haltestellen, zehn davon neu. Am Dienstag wird der erste Abschnitt der ans U-Bahn-System angeschlossen Linie für die Öffentlichkeit zugänglich.

Geplant war dieses Datum nicht, gibt Mark Wild, Leiter des Transportprojektes „Crossrail“, zu. Eigentlich sollte die Linie 2018 fertig sein. Doch es kam zu Verspätungen. Zum einen durch den Tunnelbau, vorbei an vorhandenen Linien im Untergrund, denen man „sich bis auf einen Meter“ genähert habe – zum anderen durch die Digitalisierung der Signaltechnik. Auch die Kosten kletterten in die Höhe: Statt umgerechnet 17,5 Milliarden Euro werden nun schätzungsweise fast 22,5 Milliarden fällig.

Nun scheint zumindest das Timing aus Sicht der Betreiber perfekt. Schließlich eröffne die Zugstrecke zu einem Zeitpunkt, zu dem „man die Pandemie hinter sich lässt“ und im Jahr des 70. Thronjubiläums der Queen. Jene ließ es sich diese Woche nicht nehmen, die neue Linie persönlich zu besichtigen und zu eröffnen. Die 96-Jährige begleitete ihren Sohn Prinz Edward zu dem Termin am Bahnhof Paddington, mit einem strahlenden Lächeln.

Einer, der beim Besuch der Monarchin dabei war, ist Mark Dewhirst. Der 36-jährige Ingenieur ist für die zentralen Bahnhöfe der Linie verantwortlich. Die Königin zu treffen, sei ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere gewesen. Auch bei der Beschreibung einer Fahrt mit der Bahn gerät er ins Schwärmen. Geschmeidig sei sie, leise und schnell.

Was sie von älteren U-Bahnen in London unterscheide? „Wenn man die ‚Circle Line‘ nimmt, hat man häufig das Gefühl, dass man zwar fährt, aber eigentlich nicht vorankommt. Das ist hier anders“, sagt er. Denn das Londoner U-Bahn-Netz ist zwar das größte und älteste Europas, aber nicht das beliebteste. Morgens und abends stehen Fahrgäste oft dicht gedrängt. Es ist heiß, die Luft schlecht.

Die neue S-Bahn soll jedes Jahr rund 200 Millionen Menschen transportieren. „Die Kapazität der Elizabeth-Linie entspricht der des gesamten öffentlichen Nahverkehrs in Berlin“, erklärt Wild. Der Vergleich mit Deutschland kommt nicht von ungefähr. Denn tatsächlich spielte Technik und das Wissen aus der Bundesrepublik eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei der Umsetzung der Signaltechnik.

Für die Tourismusexpertin Tracy Halliwell ist die S-Bahn, die doppelt so schnell wie eine U-Bahn durchs Zentrum rauscht, eine Attraktion an sich. Der östliche Teil des Zentrums würde dadurch beliebter, betonte auch Alexander Jan, Vorsitzender der Central District Alliance, einer Vereinigung von Unternehmen, Behörden und Verbänden. Menschen, die im Nordosten der Stadt wohnen, kommen damit schneller und günstiger ins Zentrum.

Bis Besucher:innen der Stadt für etwa 14 Euro vom Flughafen Heathrow aus ins U-Bahn-Netz der Stadt eintauchen können, wird es vermutlich noch bis Herbst dauern. Bislang führt die S-Bahn nur von Paddington nach Südosten. Auch eine Haltestelle im Zentrum ist noch nicht betriebsbereit, wegen Problemen mit dem Tunnelbau.

Alexander Jan sieht auch darin noch etwas Gutes. Gäste, die die Elizabeth-Linie nutzen, fühlten sich vielleicht eher motiviert, das bekannte Ausgehviertel West End links liegenzulassen und Höhepunkte im Osten des Zentrums zu erkunden, darunter das British Museum sowie Hatton Garden, das historische Zentrum des britischen Schmuckhandels. Davon ist auch die Architektur der neuen Farringdon-Crossrail-Station inspiriert. Die Gestaltung der Decken erinnert entfernt an einen für diesen Teil der Stadt wichtigen Edelstein: einen geschliffenen Diamanten.

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