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Drehkreuz der Zeitenwende

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Von: Steven Geyer

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Steven Geyer. RND
Steven Geyer. RND © bnew/Mike Froehling

Das Chaos an den Flughäfen zeigt, wie nötig der Wandel der Flugbranche ist

Noch ist nicht einmal ganz Deutschland in den Ferien, noch ist die Vor-Corona-Auslastung an den Flughäfen nicht erreicht – da sendet die Ferienflieger-Branche bereits Signale der Kapitulation: Stundenlange Wartezeiten an den Airports, Gepäck bleibt liegen, Passagiere werden zurückgelassen und Flüge fallen aus, weil Personal am Boden und in der Luft fehlt.

Schon steigen die Ticketpreise in luftige Höhen, weil die Airlines die Nachfrage senken wollen; und nicht nur die Lufthansa teilt ihren Passagieren mit, sie mögen sich „ab sofort eigenständig um eine Weiterreise mit der Bahn oder ein Hotel kümmern“.

Auch die Bundesregierung schaltet sich bereits ein, wenn etwa das Verbraucherschutzministerium den Fluglinien droht, sie sollten bei Flugstreichungen das Ticketgeld sofort zurückzahlen – „sonst wird man die Vorkasse-Praxis in ihrer jetzigen Form überprüfen“. Aber reicht das? Muss die Politik nicht viel mehr eingreifen, um Verbraucher:innen zu schützen, das Flugchaos zu beenden und wieder Normalität im Reiseverkehr herzustellen?

So berechtigt die Fragen derer sind, die sich nach zwei Jahren Pandemie auf den verdienten Urlaub gefreut hatten: Die Vorstellung, an den Flughäfen würde bald alles wieder wie früher, ist leider naiv. Vielmehr spricht vieles dafür, dass die derzeitigen Krisensymptome keine vorübergehenden Auswüchse sind – sondern der Beginn eines grundlegenden Wandels im Flugverkehr.

Für ein Ende der goldenen Jahre des Luft-Tourismus sprechen verschiedenste Faktoren, von denen wir gerade nur einige erleben: So ist der Personalmangel kurzfristig sicher eine Folge von Fehlplanung der Airlines und Flughafenbetreiber, die ihre Angestellten während der Pandemie vor allen Dingen billig loswerden wollten. Schwerwiegender ist aber, dass dahinter ein Geschäftsmodell steckt, das auf billigen Arbeitskräften in schlechten Jobbedingungen basiert: Dahin zieht es auch nach der Krise niemanden zurück.

Der Grund dafür ist der Preiskampf, der mit den Billigfliegern in den 1990er-Jahren Flugreisen neu definierte – und die Qualitäts-Airlines in die Krise stürzte. Für Normalverbraucher:innen hatte das den Vorteil, für Spottpreise reisen zu können. Die Schattenseiten dieser Überlastung von Klima, Reisezielen, Personal und Flughäfen waren aber absehbar – und können nun nicht länger ignoriert werden.

Es ist bezeichnend, wenn der Dumpingflug-Pionier und Chef des Billigfliegers Ryanair, Michael O’Leary, nun sagt, Fliegen sei zu billig für das, was dahinter steckt: Tatsächlich war die Illusion von Anfang an verfehlt, ein Flug sei im Aufwand vergleichbar mit einer Bahnreise und demnach zum selben Preis zu haben. Die Ticketpreise werden das künftig wieder abbilden – was kein Zeichen von Krise, sondern von Normalität ist. Mehr noch: Für den Klimaschutz muss die Politik sogar anstreben, dass der CO2-Ausstoß auch über eine Bepreisung gesenkt wird. Das Chaos an den Flughäfen wird also eines Tages wieder abnehmen – aber auch, weil die Zeit der Billigflüge enden und so die Nachfrage sinken wird.

Diejenigen im Politikbetrieb, die es nun als große Ungerechtigkeit empfinden, wenn Flugreisen wieder zum Luxus für Besserverdienende werden, haben mehrere Optionen: Sie können zugeben, dass es kein Grundrecht auf Wochenend-Trips per Flieger oder auf drei Auslandsurlaube pro Jahr gibt. Oder sie setzen sich dafür ein, die Kluft zu verkleinern zwischen denen, die sogar mit Privatjets die Welt unsicher machen, und denen, die nur einmal im Jahr auf ein paar Tage im Süden hoffen. Als Kompromiss werden bereits Modelle debattiert, die den jährlichen Urlaubsflug erschwinglich halten und dafür Luxus- und Inlandsreisen verteuern, die sich Geringverdienende ohnehin nicht leisten.

Wie immer wir mit der Tatsache umgehen, bestreiten können wir sie nicht: Auch die Flugbranche erlebt eine Zeitenwende. Und in ihrem Fall ist das auch gut so.

Von Steven Geyer

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