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Ein Demonstrant in Khartum schwenkt die alte Unabhängigkeitsfahne von 1956. Ein klares Zeichen gegen das mächtige Militär.
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Ein Demonstrant in Khartum schwenkt die alte Unabhängigkeitsfahne von 1956. Ein klares Zeichen gegen das mächtige Militär.

Afrika

Die zerbröselnde Revolution

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Der Neuanfang im Sudan nach Jahrzehnten der Diktatur droht an den alten Mächten des Landes zu scheitern. Und die Mordbanden aus Darfur mischen dabei mit. Eine Analyse.

Was sollen angesichts der weltweiten Klagen über das „Schreckensjahr 2020“ die Menschen im Sudan sagen? Auch ihr Staat wurde von den beiden Geißeln dieses Jahres, Covid und Trump, in Mitleidenschaft gezogen. Doch darüber hinaus hat das Land in Nordostafrika, das sich vor anderthalb Jahren mit einer glorreichen Revolution seines Diktators Omar al-Baschir entledigte, auch noch mit den Folgen einer Jahrhundertüberschwemmung, eines Bürgerkriegs beim Nachbarn Äthiopien, einer akuten Wirtschaftskrise sowie eines explosiven Machtkampfs zwischen Zivilregierung und den hartnäckigen Militärs zu tun. „Der Sudan trudelt in eine vielfältige Krise, die im allgemeinen Chaos dieses Jahres viel zu wenig Beachtung findet“, urteilt Zachary Donnenfeld vom Institut für Sicherheitsstudien (ISS) im südafrikanischen Pretoria.

Premierminister Abdalla Hamdok steht das Wasser bis zum Hals. Kürzlich drängte ihn der Noch-US-Präsident Donald Trump zu einer radikalen Neuausrichtung seiner Außenpolitik: Nur wenn er mit Israel Frieden schließt, werde die USA die einstige Islamische Republik von ihrer Terrorliste streichen. Nicht die einzige Bedingung für einen längst fälligen Schritt: Die sudanesische Regierung musste sich außerdem zur Zahlung von 335 Millionen Dollar Entschädigung für die Terroranschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salam 1995 bereiterklären. Zehn Millionen für jeden Menschen aus den USA, jeweils 800 000 für Fremde.

Hamdok musste dem Druck aus Washington nachgeben: Nur dann konnte er mit einem Hilfspaket in Höhe von 80 Millionen Dollar rechnen. Nach den schlimmsten Überflutungen im Land seit mehr als 30 Jahren ist Khartum dringend auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen: Mehr als 100 Menschen ertranken, mehr als 500 000 verloren ihr Zuhause, die Ernte von über einer Million Tonnen Weizen und Sorghum wurde zerstört. Ein großer Teil der Menschen im Sudan muss derzeit mit einer Mahlzeit am Tag auskommen: Das UN-Hilfswerk Ocha konnte sich von den 1,6 Milliarden Dollar, die es für die Unterstützung des Sudan braucht, bislang nicht einmal die Hälfte sichern.

In der Folge der Überschwemmungen überfallen Darmerkrankungen und Malaria die Menschen: Mit weit über einer Million Fällen pro Monat hat das Sumpffieber in 15 der 18 Provinzen des Landes epidemische Ausmaße erreicht. Auch die Corona-Pandemie droht außer Kontrolle zu geraten; die gemeldeten Fälle erhöhten sich in den vergangenen Wochen von zehn auf 50 pro Tag. Das Gesundheitssystem ist so gut wie zusammengebrochen: Entbindungsstationen wurden geschlossen, mehr als 100 000 Kinder können nicht mit den nötigen Impfungen versorgt werden. Im Osten des Landes bahnt sich die nächste Katastrophe an: Dort sind rund 50 000 hungrige Flüchtlinge aus der äthiopischen Tigray-Provinz dringend auf Hilfe angewiesen.

Von Katastrophen und politischer Instabilität geschwächt verlor das sudanesische Pfund in den vergangenen zwei Jahren mehr als zwei Drittel seines Wertes. Der Preis von Nahrungsmitteln verdreifachte sich im vergangenen Jahr, eine Durchschnittsfamilie muss inzwischen 75 Prozent ihres Einkommens für Essen ausgeben.

Wenn jemand von der Notlage profitiert, dann ist es das Militär, das sich als Garant der Stabilität präsentiert: Die Verantwortung für die prekäre humanitäre Lage wird der Zivilregierung zugeschoben. Noch ist nicht klar, wie der Machtkampf zwischen der Armee und der Zivilgesellschaft als Mutter der Revolution ausgehen wird. Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemedti), der steinreiche Befehlshaber der Miliz „Rapid Support Forces“, gilt als Kandidat für einen erneuten Militär-Putsch. Hemedti raffte sich seinen Reichtum in den inoffiziellen Goldminen seiner Heimat, den Darfur-Provinzen, zusammen und leiht seine Kämpfer für gutes Geld an arabische Freunde wie das saudische Königshaus oder die Vereinigten Emirate aus. Seine Milizionäre kämpfen im Jemen und in Libyen und sollen selbst von der EU für die Kontrolle des Flüchtlingsstroms vom Horn von Afrika ans Mittelmeer Geld bekommen. Ein Mann mit dunkler Vergangenheit und gefährlich glänzender Zukunft.

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