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„Die Sozialdemokratie hat in Teilen dazu gelernt“

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Von: Christoph Höland

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Für Arbeiterinnen und Arbeiter waren bei der Bundestagswahl nicht nur soziale Themen entscheidend.
Für Arbeiterinnen und Arbeiter waren bei der Bundestagswahl nicht nur soziale Themen entscheidend. © dpa

Die Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter wählt SPD – direkt dahinter folgt die AfD als zweitstärkste Kraft.

Die eine Arbeiter:innenpartei gibt es in Deutschland nicht mehr. Das hat sich bei der Bundestagswahl gezeigt: 26 Prozent Zustimmung unter Arbeiterinnen und Arbeitern konnte die SPD laut Infratest Dimap für sich verbuchen. Doch ausgerechnet die AfD kam auf 21 Prozent und wurde zweitstärkste Partei unter denen, die in Deutschlands Betrieben und Fabriken schuften. Dabei hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor der Wahl noch erklärt, dass die immer weiter nach rechts rückende Partei „keine Alternative für Arbeitnehmer*innen“ sei.

Der Forschungsgruppe Wahlen zufolge verlor die AfD unter Gewerkschafter:innen nun 3,7 Prozentpunkte im Vergleich zur Bundestagswahl 2017. Doch insgesamt machten 12,2 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder ihr Kreuz bei der AfD – überdurchschnittlich viele angesichts eines AfD-Gesamtergebnisses von 10,3 Prozent.

Während man das beim DGB nicht kommentieren möchte, fallen andere Umfrageergebnisse noch eindrücklicher aus: Infratest Dimap verzeichnete bei Angestellten, Selbstständigen, Rentnerinnen und Rentnern sowie Arbeitslosen Einbußen für die AfD. Lediglich Arbeiterinnen und Arbeiter wählten die AfD genau so häufig wie 2017. „Man sieht, dass die Bäume für die AfD in den Betrieben nicht in den Himmel wachsen“, sagt Klaus Dörre trotzdem. Der Jenaer Arbeitssoziologe erforscht seit 30 Jahren die Arbeiterschaft in Deutschland, hat auch Untersuchungen zu den Erfolgen der AfD verfasst. Dörre betont, dass Arbeiterinnen und Arbeiter keineswegs homogen wählen – davon zeugen auch 20 Prozent von ihnen, die die Union gewählt haben. Aber zuversichtlich macht ihn vor allem, dass „erstmals seit Jahrzehnten“ der Anteil von Arbeiter:innen unter Wählerinnen und Wählern der SPD gestiegen ist – laut Infratest Dimap von 20 auf 26 Prozent.

„Abwertung des Normalen“

„Die Sozialdemokratie hat in Teilen dazu gelernt“, sagt Dörre deshalb. Die Forderung nach einem höheren Mindestlohn sowie das Rententhema hätten das soziale Profil deutlich geschärft. „Aber in erster Linie muss man sehen, dass sich die SPD still und leise von Hartz IV verabschiedet hat. Und dass die sozialdemokratischen Minister Arbeit geleistet haben, die bis tief in den Gewerkschaftsapparat hinein als solide empfunden wurde.“

„Auch der Erfolg der SPD steht auf brüchigem Fundament“, warnt Dörre allerdings. „Respekt“ sei zwar eine wichtige Formel, bestehende Ungleichheiten würden der AfD aber weiter genug „Problemrohstoff“ liefern. „Ich habe gerade wieder mit einem Betriebsrat gesprochen. Der meinte, schlussendlich blieben vielen Familien 1000 Euro zum Leben – und dann kostet schon eine Karte fürs Fußballstadion 100 Euro.“ Dass die AfD dafür Lösungen bietet, glaubt Dörre nicht. „Fundamental widersprüchlich“ seien die sozialpolitischen Ideen der Rechtsaußenpartei.

Zugleich warnt Dörre davor, die Arbeiterschaft abzuwerten – etwas, was dieser nicht nur auf materieller Ebene widerfahre: Bei Arbeiterinnen und Arbeitern gebe es zum Beispiel oft konventionelle Lebensentwürfe, einschließlich einer bei der Mittelschicht verpönten geschlechterspezifischen Arbeitsteilung. „In Interviews sagten Arbeiter: Was wollt ihr eigentlich, natürlich kann auch meine Frau Hauptverdienerin sein, aber jetzt machen wir es anders, weil mein Lohn eben höher ist“, schildert der Soziologe. „Die Abwertung des in ihren Augen Normalen ist ein zentrales kulturelles Problem. Das hat die AfD direkt zur Parole gemacht.“

Indes betont Dörre auch, dass längst nicht alle Arbeiterinnen und Arbeiter solche Themen für zentral halten. Die Grünen legten bei ihnen laut Infratest Dimap um drei Prozentpunkte auf acht Prozent Zustimmung zu. „Ganz einfach weil auch im Arbeiter- und Gewerkschaftsbereich das Transformationsthema angekommen ist“, so Dörre. Ganz anders sieht er die Lage der Linkspartei: „Die hat einen reinen Sozialwahlkampf geführt – und da sind die Unterschiede zur SPD verschwommen“, urteilt Dörre.

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