Im Gegensatz zu früher kommen jetzt mehr Menschen aus Marokko auf Gran Canaria an.
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Im Gegensatz zu früher kommen jetzt mehr Menschen aus Marokko auf Gran Canaria an.

Kanaren

Die Rückkehr der Boote

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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14 Jahre lang landeten auf den Kanarischen Inseln kaum Geflüchtete – jetzt kommen wieder Tausende. Warum riskieren die Menschen ihr Leben auf der gefährlichsten aller Routen in die EU?

Wir geben unser letztes“, sagt ein Polizist, der sich Emilio nennen lässt. „Aber wir können nicht mehr.“ Im Hafen von Arguineguín im Südwesten Gran Canarias, ein paar Autominuten vom Ferienort Maspalomas entfernt, kommen Tag für Tag Boote mit Migrant:innen an. Die Seenotretter, das Rote Kreuz und die Polizeibeamten kümmern sich um täglich Hunderte Neuankommende. Am vorvergangenen Wochenende landeten 49 Boote mit mehr als 2000 Menschen an Bord auf den Kanaren. Niemand soll sehen, was mit ihnen geschieht. Der Pier im Hafen von Arguineguín, auf dem Hunderte, manchmal Tausende Männer und Frauen behelfsmäßig untergebracht sind, ist weiträumig abgesperrt.

Es ist eine beinahe unsichtbare Krise, die sich gerade im Atlantik abspielt. Spanien steht wie der Rest Europas im Bann der Covid-Pandemie, was andere Nachrichten an den Rand drängt. Die Regierung ist mit dieser wie jener Krise überfordert. Die verschiedenen zuständigen Ministerien werden sich nicht einig, was auf den Kanaren zu tun sei.

Spanien erlebt ein Déjà-vu. Vor 14 Jahren, im Laufe des Jahres 2006, landeten knapp 32 000 Geflüchtete mit Booten auf den Kanaren, so viele wie nie zuvor oder danach. Die damalige Zapatero-Regierung reagierte beherzt, sie suchte den Kontakt mit den Herkunftsländern und bot ihnen Unterstützung an: vor allem Senegal und Mauretanien, von wo aus sich die Cayucos – große Boote – auf den weiten Weg in Richtung der nKanarische Inseln machten. Seitdem übernehmen die westafrikanischen Länder, mit Hilfe der spanischen Guardia Civil, an ihren Küsten die Rolle des Gendarmen Europas, mit großem Erfolg – wenn man als Erfolg den deutlichen Rückgang der Zahl der Bootsflüchtlinge definiert. Lange Zeit waren es jährlich nur ein paar Hundert, vor zwei Jahren zum ersten Mal wieder über 1000, im vergangenen Jahr fast 2700. Jetzt explodieren die Zahlen. Allein im Laufe dieses Oktobers erreichten 5328 Menschen in Cayucos oder Pateras (kleineren Holzbooten) die kanarischen Küsten.

Bemerkenswert beim Blick auf die Fluchtrouten Richtung Spanien ist die Entwicklung aller irregulären Grenzübertritte, sei es über die Zäune von Ceuta und Melilla oder per Boot übers Mittelmeer oder den Atlantik: Die Summe ist in den ersten zehn Monaten 2020 gegenüber dem Vorjahr nahezu gleich geblieben, jeweils gut 27 000. Das heißt: Die migrationswilligen Afrikaner:innen suchen sich neue Wege, weniger übers Mittelmeer oder die beiden spanischen Nordafrika-Exklaven, dafür mehr über den Atlantik Richtung Kanaren. Das ist der deutlich gefährlichere Weg.

Es ist ein bekanntes Phänomen: Migration lässt sich nicht stoppen, nur umleiten. Migrationsgründe gibt es genug, dieses Jahr kommt zu allen anderen noch der Einbruch des Tourismus wegen der Coronakrise hinzu. Das trifft vor allem Marokko. Von dort stammen zurzeit – nach inoffiziellen, aber glaubwürdigen Zahlen – mehr als die Hälfte der Migrantinnen und Migrante, die auf den Kanaren landen. Das war vor 14 Jahren anders. Damals kamen fast ausschließlich Menschen aus Schwarzafrika auf den Inseln an.

Die, die aus Marokko kommen, brechen nach spanischen Zeitungsberichten von der Hafenstadt Dakhla in der marokkanisch besetzten Westsahara auf, ein gutes Stück südlich der Kanarischen Inseln. Während Marokko seine Nordküste und die Grenzen zu Ceuta und Melilla aufmerksam bewacht, hat es offenbar beschlossen, in Dakhla ein Ventil für die vornehmlich jungen Männer zu öffnen, die in Marokko keine Arbeit finden und von einer besseren Zukunft in Europa träumen. Hinter solch plötzlichen strategischen Schwenks stehen gewöhnlich politische Absichten: Migration ist ein gern genutztes Druckmittel, um Zugeständnisse von Spanien oder der Europäischen Union auf anderen Gebieten zu erlangen. Ob Marokko in diesem Fall konkrete Interessen verfolgt, und welche, ist offen.

Anders als im Jahr 2006, als Journalisten problemlos Zugang zu den Häfen erhielten, zu denen die Migrantenboote von der spanischen Seenotrettung geleitet wurden, sind auf den Kanaren dieses Mal keine Reportagen über den Empfang der Menschen aus Afrika erwünscht. Das hat der ARD-Korrespondent Marc Dugge bestätigt, der bis zu diesem Freitag auf Gran Canaria war. Rund um den Pier von Arguineguín achteten Polizisten sehr genau darauf, dass sich keine Reporter den Zelten im Hafen näherten. Vor einer Woche erhielt die stellvertretende Europa-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Judith Sunderland, für dreieinhalb Tage Zutritt zum provisorischen Empfangslager (siehe nebenstehendes Interview). Sie sagte, dass für die Ankömmlinge dort „keine würdige Behandlung möglich“ sei.

Am Freitag versprach die spanische Regierung zum wiederholten Male, demnächst ein neues Empfangszentrum in der Nähe von Las Palmas de Gran Canaria zu errichten. „Am besten suchen sie Platz für mindestens 3000 Leute“, sagte der Polizist, der sich Emilio nennen lässt, zur Lokalzeitung Canarias7. „Bei diesem Rhythmus wird schnell alles voll sein.“

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