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Die Notlösung

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Von: Adelheid Wölfl

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Auf internationalem Parkett gilt Alexander Schallenberg als versiert. Aber auch zu Hause? Darko Bandic/ap/dpa
Auf internationalem Parkett gilt Alexander Schallenberg als versiert. Aber auch zu Hause? Darko Bandic/ap/dpa © picture alliance / ASSOCIATED PR

Alexander Schallenberg als Ersatzkanzler

Mit Alexander Schallenberg wird einer zum österreichischen Kanzler, der nur den Lückenbüßer für Sebastian Kurz spielen wird. Was der sagt, das tut Schallenberg. Der einzige Unterschied zum Vorgänger? Selbst Schallenbergs private Kommunikation wird die gleiche Contenance und die Manieren aufweist wie seine öffentlichen Auftritte. Anders als Kurz, der bekanntermaßen seinen Vorgänger Reinhold Mitterlehner per WhatsApp einen „Arsch“ nannte. Schallenberg würde nie so pöbeln.

Der Mann, der noch neu in der ÖVP ist, aber lange schon zum engsten Kurz-Kreis gehört, ist ein Lückenbüßer – bis zu dem Tag, an dem Kurz zurückkehren will. Das passt auch sehr gut zu dem 52-Jährigen, der aufgrund seiner Sozialisation in einer Diplomatenfamilie gelernt hat, dass größtmögliche politische Loyalität die Basis allen Denkens und Handeln sein solle und dass es deshalb auch darum geht, die eigene Meinung von vornherein an die Regierungsmeinung anzupassen. Schallenberg wird Kurz so dienen, wie er es auch bislang tat. Und Kurz, der ÖVP-Chef bleibt und Klubobmann (Fraktionschef im österreichischen Parlament) wird, kann Schallenberg genau sagen, was der zu tun hat.

Im Internet wird deshalb nun ein Bild verbreitet, das Schallenberg als Marionette zeigt – und Kurz als den Spieler. Der Mann mit den pomadig nach hinten gelegten Locken stammt aus einem Adelsgeschlecht – das hört man ihm an seiner Tonalität und Wortwahl zuweilen an. Er ist einer, der keine Konflikte heraufbeschwören will. Also wird er schnellstens versuchen, das Vertrauen zwischen ÖVP und Grünen wieder einigermaßen herzustellen, damit die Regierungszusammenarbeit mit dem Vizekanzler Werner Kogler einigermaßen gelingt.

Das könnte ihm gelingen, ist er es doch gewohnt, Situationen – auch aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen im Wiener Außenamt – sofort zu analysieren und Strategien auszuarbeiten. Meistens ist er sehr zuvorkommend, manchmal ironisiert er, zuweilen kann er sehr aufgeregt sein, vor allem wenn es um Image-Fragen geht. Die „Message-Control“, die Oberhoheit über den medialen Widerhall, die die Kanzlerschaft von Kurz prägte, ist auch ihm ein großes Anliegen. Wie viele in Österreichs Politik fürchtet auch er die Boulevard-Presse. Und Mut ist sicher nicht sein Hauptmerkmal.

Ideologisch hat sich Schallenberg in den vergangenen Jahren ganz auf die rechtspopulistische Kurz-Linie gebracht, auch wenn die noch so hanebüchen scheint. So sprach er sich Mitte August, als die Taliban längst wieder am Zuge waren, dafür aus, weiter Menschen nach Afghanistan abzuschieben. Das erklärt sich wohl mit einem grundsätzlichen Politikverständnis: Es geht um die Umfragewerte und nicht um Werte an sich.

Alexander Schallenberg wuchs in Indien, Spanien und Frankreich auf. Er studierte in Wien, Paris und am renommierten College d’Europe in Brügge. 1997 trat er in den Dienst des Außenministeriums, er war bei der EU in Brüssel und wurde Pressesprecher im Außenamt. Als Kurz 2013 Außenminister wurde, ernannte er Schallenberg zum Leiter der Stabsstelle für strategische Planung. Unter der ersten Regierung Kurz leitete er die EU-Koordinationssektion im Kanzleramt.

Nun soll er die Regierung retten: eine Pflicht erfüllen, einen Job ausfüllen, den er kaum anstrebte, aber den er für Kurz – den er aufrichtig bewundert – offenbar gerne auf sich nimmt. Die peinlichen SMS der Kurz-Truppe, die nicht nur den Korruptionsverdacht auslösten, sondern auch die moralische Verkommenheit und Hybris dieser Leute offenbarte, muss Schallenberg in den nächsten Monaten „weichspülen“. Denn Opposition, Justiz, Presse und auch der Rest der Nation werden weiter Fragen stellen. Die Ermittlungen können Jahre dauern und auch falls Kurz davonkommt, muss Schallenberg, der die zweite Reihe liebt, wohl noch recht lange in der ersten bleiben.

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