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Die Mär von der historischen Nähe

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Von: Harald Stutte

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Bei einigen Menschen im Osten Deutschlands mag Russlands Krieg gut ankommen, aber für viele andere gilt das nicht: Solidaritätsaktion für die Ukraine im Oktober in Chemnitz.
Bei einigen Menschen im Osten Deutschlands mag Russlands Krieg gut ankommen, aber für viele andere gilt das nicht: Solidaritätsaktion für die Ukraine im Oktober in Chemnitz. © haertelpress/Imago

Kennen die Menschen in Ostdeutschland sich wegen ihrer Geschichte besonders gut mit Russland aus? Überhaupt nicht, glauben Fachleute.

Es löst bei einigen Menschen im Westen Deutschlands, aber auch vor allem bei manchen Jüngeren im Osten immer wieder Kopfschütteln aus: Menschen schwenken russische Fahnen auf Protestdemonstrationen gegen hohe Energiepreise, etwa an einem Montag vor wenigen Wochen in Chemnitz. Es scheint, echte oder vermeintliche Putin-Fans sind oder waren immer dabei – als 2016 gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung von Angela Merkel demonstriert wurde, als die Existenz des Coronavirus und die Berechtigung der Einschränkungen hinterfragt wurden, und auch wenn jetzt wegen Teuerung und Energieknappheit protestiert wird.

Zumeist finden sich dann auch ein paar Expertinnen und Experten, die das scheinbare Verständnis der Ostdeutschen für Russland mit ihrer besonders intensiven Expertise alles Russischen begründen. „Das macht ja auch das ostdeutsche Verhältnis zu Russland aus, dass viele von uns die Russen kennengelernt haben, über Brieffreundschaften etwa, Schüleraustausch und Reisen“, wurde die ebenfalls im Osten geborene Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, im MDR zitiert.

Laut einer Umfrage im Auftrag des MDR zum Tag der Deutschen Einheit unter mehr als 27 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus ganz Mitteldeutschland gaben 69 Prozent der Befragten an, durch ihre Erfahrungen in DDR und Ostdeutschland „besser für den politischen Blick auf Russland“ qualifiziert zu sein als Menschen aus dem Westen.

Der im brandenburgischen Perleberg geborene ehemalige Moskauer „Spiegel“-Korrespondent Christian Neef hält das für eine Mär. „Natürlich gab es viele Menschen aus der Sowjetunion in der ehemaligen DDR – Soldaten und ihre Angehörigen zum Beispiel. Doch diese lebten in einer von den Ostdeutschen gänzlich abgetrennten Welt. Die meisten DDR-Bürger hatten mit denen überhaupt keine Begegnungen. Zudem waren ‚die Russen‘, als welche man auch Ukrainer, Balten, Usbeken bezeichnete, in der ostdeutschen Bevölkerung nicht gerade beliebt“, sagt er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. (RND).

„Man hat sich befreundet, verliebt und gemeinsam gefeiert“, verklärt auch Silke Satjukow, Professorin am Historischen Institut der Universität Halle-Wittenberg, auf mdr.de eine Realität, die es tatsächlich in der DDR nur in absoluten Ausnahmen gab.

Der im sächsischen Burgstädt geborene Schriftsteller Marko Martin, Autor der viel diskutierten DDR-Analyse „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens“, spricht sogar von ausgeprägten Parallelwelten, was in der DDR lebende Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion und Ostdeutsche betraf. „In der ostdeutschen Wahrnehmung dominierte den ‚Russen‘ gegenüber ein kruder Mix, bestehend aus einem rassistischen Überlegenheitsgefühl und aus Angst. Vorurteile über ‚primitive‘, ‚grobe‘, ‚rückständige‘ Russen waren sehr verbreitet. Kaum jemand hatte die reale Chance, diese Menschen, die aus allen Teilen der Sowjetunion kamen, wirklich kennenlernen zu wollen“, sagt er dem RND.

„Geklebte“ statt gelebte Freundschaft, spottete man damals in Anspielung auf die Beitragsmarken im Mitgliedsbuch, auf die es ankam. Ein „besonders intensives“ Nebeneinander, basierend auf einem gegenseitigen Interesse, gar auf Begegnungen – das gab es nie oder nur in Einzelfällen, schränkt Christian Neef ein.

Selbst die russische Sprache, die in ostdeutschen Schulen von der 5. Klasse an gelehrt wurde, stieß auf eine breite Ablehnung. Die überwiegende Zahl der Ostdeutschen kam über das Stadium rudimentärer Russischkenntnisse nie hinaus, „weil es vor allem an dem fehlte, was für jede Sprachkompetenz unabdingbar ist: Gespräche, Sprachpraxis in Alltagssituationen. Russisch wurde in vielen Unterrichtsstunden gelehrt wie das Auswendiglernen chemischer Formeln. Jeder Ostdeutsche war dann ganz stolz, komplizierte Wortwürmer wie ‚Dostoprimetschatelnosti‘ ohne zu stocken dahersagen zu können, doch für eine erwärmende Unterhaltung mit einem russischen Mädchen reichte es zumeist nicht, weil Worte wie der eben erwähnte Begriff für Sehenswürdigkeiten einem im Leben nicht wirklich weiterhalfen“, erklärt Marko Martin.

Und auch das angebliche Interesse der Ostdeutschen an russischer Kultur bezweifelt Marko Martin grundsätzlich: „Zur Pflichtlektüre gehörten Bücher wie Michael Scholochows ‚Neuland unterm Pflug‘, welche die stalinistische Zwangskollektivierung mit ihren zahlreichen Todesopfern rechtfertigten. Das, was die lebendige russische Kultur und Vielfalt aber ausmachte, die Werke von Alexander Solschenizyn, von Osip Mandelstam, Michail Bulgakow oder Isaak Babel, interessierten aber niemanden, mal abgesehen von Intellektuellenkreisen.“ Das betraf auch russische Filme: Mal abgesehen von den wirklich schönen Märchenfilmen für Kinder standen ansonsten jede dänische Gaunerkomödie, jeder Italowestern, jeder Defa-Indianerfilm weit höher im Kurs als die vielen sowjetischen Heldenepen aus dem Krieg.

Für Marko Martin begann die Verklärung Russlands in der ostdeutschen Gesellschaft der frühen 90er Jahre. „Aus einem Minderwertigkeitsgefühl gepaart mit Komplexen entdeckten zu dieser Zeit viele Ostdeutsche die nunmehr abgezogenen Russen als heimliche Verbündete, der neue Feind war der arrogante, ignorante Wessi.“

Präsident Wladimir Putin und Russland insgesamt wurden vor allem im Osten zu einer Art Projektionsfläche für Unzufriedene, mit der sich die Ablehnung des westlichen Wertesystems, die Ablehnung Amerikas und der ganzen liberalen Ordnung am effektvollsten ausdrücken ließ, ist auch Neef überzeugt. „Es geht diesen Menschen gar nicht um Russland, sie wissen gar nicht, was dort passiert, zudem würde niemand von denen dort leben wollen“, so der in Hamburg lebende Journalist.

„Man benutzt Putin, weil da offensichtlich einer ist, der dem Westen und Amerika die Stirn bietet. Und es spielt auch eine Rolle, dass die ‚Meinungsführer‘ in Politik und Medien im Westen diesen Putin und Russland schon früh als Gefahr erkannt haben – und der Osten mit seiner angeblichen Russlandkompetenz mal wieder nicht gehört wurde“, so Neef.

Tatsächlich genoss Putin vor dem Krieg in der Ukraine im Osten hohes Ansehen – zu einem Zeitpunkt, als er völkerrechtswidrig Teile der Ukraine okkupiert hatte, als reihenweise russische Bürgerrechtler und Oppositionelle im In- und Ausland auf mysteriöse Weise starben, als er kriegerisch auch in Georgien, Syrien, Libyen aktiv war. Laut einer Umfrage vom Februar 2020 vertrauten damals etwa 25 Prozent der Ostdeutschen dem russischen Präsidenten – aber nicht einmal sechs Prozent der Westdeutschen.

Weiterer Bericht S. 27-29

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