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„Die Lage ist sehr angespannt – auch ohne Embargo“

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Filip Thon, Chef von Eon Deutschland.
Filip Thon, Chef von Eon Deutschland. © Alex Schelbert

Eon ist einer der größten Energie-Versorger hierzulande. Im Interview bereitet Eon-Deutschland-Chef Filip Thon die Kunden auf massive Preiserhöhungen für Strom und Gas vor. Zudem fordert er, die staatlichen Unterstützungen zum Bezahlen der Energie-Rechnungen noch einmal aufzustocken.

Herr Thon, sehr turbulente Tage beim Thema Erdgas aus Russland liegen hinter uns. Ist der Markt noch berechenbar?

Wir beobachten, dass die Gaspreise an den Börsen – nach turbulenten und mitunter täglich starken Schwankungen – trotz aller Aufregungen in den vergangenen Wochen zuletzt relativ stabil geblieben sind. Die Akteure scheinen aktuell etwas gelassener zu sein. Das muss man zunächst einmal zur Kenntnis nehmen.

Aber wir befinden uns seit Wochen auf einem sehr hohen Niveau.

Das ist richtig. Die Preise liegen im Vergleich zum Frühjahr 2020 zum Teil um das 20fache höher. Das hat natürlich eine Signalwirkung im Markt. Wir sind als Eon ein Unternehmen, das weder Erdgas produziert noch importiert und auch keinen Strom in großem Umfang aus Kohle oder Gas erzeugt. Im deutschen Vertrieb kaufen wir im Großhandel für unsere Kunden möglichst vorausschauend auf den europäischen Märkten ein. Wir schauen uns die Entwicklungen sehr genau an.

Und was sind Ihre Schlussfolgerungen?

Wir sehen zwei Szenarien: Die Großhandelspreise sind sehr hoch, aber das Gas fließt weiter. Das zweite Szenario wäre: Aus Russland kommt kein Gas mehr in Europa an. Nach dem Aktivieren des Notfallplans-Gas erwarten wir nun von der Bundesnetzagentur Planungen, nach welchen Kriterien die Netzbetreiber in Deutschland Kunden von der Gasversorgung trennen müssten. Zuerst wären nach dem Notfallplan-Gas Industriekunden betroffen, mit drastischen Folgen für die deutsche Volkswirtschaft.

Aber wir befinden uns doch am Ende der Heizperiode. Die Gasnachfrage sinkt massiv. So schlimm kann es doch kurzfristig gar nicht kommen?

Wir befinden uns noch immer in der Heizperiode. Die entscheidende Frage ist aber: Was passiert im Sommer? Können wir in Deutschland genug Gas zu attraktiven Preisen kaufen, um die Gasspeicher zu füllen, die wir für die nächste Heizsaison brauchen werden? Derzeit sind die Speicher nur zwischen 25 und 27 Prozent gefüllt. Da ist ein sehr niedriges Niveau, entsprechend hoch wird die Nachfrage zum Füllen der Speicher sein. Und das treibt die Preise. Die Lage ist sehr angespannt – auch ohne Lieferstopp.

Wie groß werden die Tariferhöhungen ausfallen, die Sie ihren Kunden zumuten wollen?

Für uns ist die oberste Priorität zuverlässiger Energieversorger zu sein. Wir sind keine Zocker, die sich die benötigten Energiemengen nur kurzfristig besorgen. Wir kaufen möglichst viel vorausschauend und zum großen Teil in monatlichen Tranchen ein. Das bringt Preisstabilität. Wir haben beispielsweise die Tarife in der Strom Grundversorgung in mehr als zwei Jahren größtenteils gar nicht angepasst. Wir haben sogar teilweise gesenkt. Das wird in diesem Jahr nicht möglich sein, weil wir im Großhandel für Gas die 20fach, und für Strom die achtfach höheren Preise sehen. Wir müssen diese beispiellose Lage auf dem Markt in unserer Preisgestaltung auch anteilig abbilden, versuchen aber so viel wie möglich abzufedern.

Experten erwarten beim Gas eine Verdopplung oder sogar Verdreifachung der Tarife. Ist das realistisch?

Zur Person

Filip Thon startete nach dem Studium in Prag seine Karriere als Unternehmensberater. 2004 wechselte er zum Energieriesen RWE, war mit verschiedenen Management-Aufgaben für den Konzern in Tschechien und Polen aktiv. 2019 übernahm er eine Führungsposition für die Region Zentral- und Osteuropa bei Eon. Seit dem 1. April 2021 ist er der Vorsitzende der Geschäftsführung von Eon-Energie Deutschland. fw

Das können wir heute noch nicht seriös prognostizieren. Aber schauen Sie, was im Markt passiert. In der Stromgrundversorgung wurden bereits mehr als 1000 Erhöhungen angekündigt und zum Teil schon durchgeführt. Da geht es um Aufschläge von durchschnittlich 35 Prozent.

Hängt die weitere Entwicklung der Energiepreise vom Verlauf des Krieges in der Ukraine ab?

Alles hängt davon ab, ob weiterhin Gas nach Deutschland geliefert wird. Die Gefahr eines Lieferstopps bleibt. Natürlich verhalten sich die Märkte sehr oft irrational. Die politische Entwicklung beeinflusst die Preise im Großhandel ganz massiv.

Muss der Staat im Markt eingreifen?

Ich halte nichts von staatlichen Eingriffen. Alle Bemühungen in Richtung etwa einer staatlichen Preisobergrenze halte ich für falsch. Denn da besteht die Gefahr, dass der Markt zusammenbricht. Oder Unternehmen müssen vom Staat subventioniert werden, weil die Versorger die Energie teurer einkaufen müssen, als sie sie verkaufen dürfen. So etwas verzerrt den Wettbewerb und macht die Sache am Ende für die Bürger teuer, die ja letztlich für die Subventionen aufkommen müssten.

Und was halten Sie von der beschlossenen Senkung von Steuern und Abgaben auf Energie?

Die zum 1. Juli geplante Streichung der EEG-Umlage, die Stromkunden derzeit noch zahlen müssen, ist sicherlich ein guter Schritt. Wir müssen schauen, ob das reicht. Auf Strom und auch Gas liegen ja weitere Umlagen und Steuern, durch deren Senkung eine zusätzliche Entlastung möglich wäre. Zugleich müssen wir an der Energieeffizienz sowohl bei Wohnhäusern als auch in Unternehmen arbeiten.

Und wie sieht es mit den Erneuerbaren aus?

Wir sehen durch die Energiekrise ein Momentum bei unseren Kunden, die in ihrer Energieversorgung unabhängig werden wollen. Das ist einzigartig. Für uns ist es jetzt essentiell, dass wir uns darauf vorbereiten. Es geht um Gesamtpakete: Von der Installation von Photovoltaikanlagen über eine kontinuierliche Messung des Energieverbrauchs bis zur Strom-Speicherung und der Erneuerung der Heizung mit einer Wärmepumpe.

Kommt dieser Schwung nur wegen der gestiegenen Preise zustande?

Nein, zu den Kosten kommt die Sorge um die Sicherheit der Versorgung, die Verbraucher wollen unabhängiger von fossilen Energien werden. Dafür wollen wir unseren Beitrag leisten und alle unsere Strom-Haushaltskunden bis spätestens Ende 2024 nur noch zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energie beliefern.

Wie sieht es mit der eigenen Erzeugung von Erneuerbaren aus?

Momentan liegt unsere Stärke neben dezentralen Lösungen fürs Eigenheim oder den Betrieb in der Projektierung und Planung von Freiflächen-Solaranlagen. Wir prüfen derzeit, was wir noch zusätzlich tun können. Denn der Goldstandard bei grüner Energie ist der Strom, der direkt von regionalen Solaranlagen zu den Kunden kommt.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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