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Die Krise nach der Krise

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Von: Susanne Ebner

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Soho, London: Die britischen Pubs sind für viele Gäste wie ein zweites Wohnzimmer.
Soho, London: Die britischen Pubs sind für viele Gäste wie ein zweites Wohnzimmer. © Imago

Die Menschen in Großbritannien lieben ihre Pubs. Doch dort geht immer öfter das Licht aus. Nach der schwierigen Corona-Zeit machen den Lokalen die steigenden Energiepreise schwer zu schaffen.

Mit ihrer typischen, meist schwarz gestrichenen Fassade und Namen wie „The Red Lion“ oder „The Crown“ sind Pubs nach wie vor die zweiten Wohnzimmer für viele Britinnen und Briten. Dort treffen sie sich nach der Arbeit oder am Wochenende, um gemeinsam ein Bier oder ein Cider zu trinken oder auch zum traditionellen Sonntagsbraten, dem „Sunday Roast“. In den Pubs reden sie über ihre Sorgen und Nöte, von denen sie momentan nicht wenige haben. Noch. Denn in einer Zeit, in der die Gastronomie auf der Insel innerhalb von eineinhalb Jahren drei Lockdowns überstanden hat, droht nun Tausenden Kneipen angesichts der explodierenden Kosten die Schließung.

Kosten bis 450 Prozent höher

„Es ist wirklich schrecklich, uns steht eine harte Zeit bevor. Das könnte für uns schlimmer werden als die Pandemie“, sagt Simon Cleary, Inhaber des Pubs „The Plough“ in Great Chesterford, einem Dorf nördlich von London. Seine Kosten für Gas und Elektrizität hätten sich innerhalb eines Jahres nahezu verdreifacht, auf umgerechnet mehr als 40 000 Euro im Jahr. Für ihn bedeute das, dass er pro Woche etwa 2000 Euro mehr einnehmen müsste, um genug zu verdienen. „Das ist nahezu unmöglich.“ Laut Chris Jowsey, Chef von „Admiral Taverns“, einer Kette mit rund 1600 Pubs im Land, würden viele darüber nachdenken, hinzuschmeißen. Die Energie-Rechnungen seien um bis zu 450 Prozent gestiegen. Das seien Kosten, die sie nicht an ihre Kundschaft weitergeben können und wollen.

Um britischen Pubs, einem Kulturgut des Landes, das Überleben zu ermöglichen, fordern nun sechs große Kneipen- und Brauereigruppen ein Eingreifen des britischen Staates, einschließlich eines Unterstützungspakets und einer Preisobergrenze für Energie. Tatsächlich profitieren Unternehmen in Großbritannien im Unterschied zu privaten Haushalten nicht von einer Deckelung der Preise für Gas und Strom. In einem Brief an die Regierung und die beiden Kandidat:innen für das Amt des Premierministers, Liz Truss und Rishi Sunak, warnte die „British Beer and Pub Association“ (BBPA), dass ein Massenabbau von Arbeitsplätzen unvermeidlich sei, wenn die Branche, die rund 940 000 Menschen beschäftigt, nicht finanziell unterstützt werde.

Tatsächlich begann das Pub-Sterben in Großbritannien schon vor der Pandemie. 2019 lag die Zahl der traditionellen Kneipen in England und Wales bei rund 47 000. 1990 waren es laut offiziellen Statistiken noch rund 64 000. Dafür gibt es viele Gründe, wie das Rauchverbot oder auch das geänderte Trinkverhalten. In London wurden kleine Kneipen durch sogenannte Gastro-Pubs mit gehobener Küche oder schicke Restaurants ersetzt. Während die Branche die Pandemie durch staatliche Hilfen in Form von Kurzarbeitergeld und Zuschüssen überlebt hat, wird die Erholung seither durch die hohe Inflation und nun durch die explodierenden Gas- und Energiepreise gestoppt. „Jetzt folgt sozusagen die Krise auf die Krise“, erklärte Ulrich Hoppe von der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London gestern gegenüber der FR.

Kerzen statt Lampen

Die Hilferufe der Gastronomiebetriebe verhallen aktuell jedoch. „Wir hören im Moment nichts von der Regierung“, sagt Simon Cleary, der Pub-Betreiber aus Great Chesterford. Tatsächlich macht Liz Truss, die aller Wahrscheinlichkeit Boris Johnson als Premierministerin nachfolgen wird und sich aktuell noch im Wahlkampf befindet, aktuell keine konkreten Zusagen, wie sie Unternehmen unterstützen will. Dabei wäre das laut Cleary dringend nötig: „Denn wir sind ja nicht die Einzigen, die Hilfe benötigen. Jedes kleine Unternehmen wird diesen Winter leiden.“

Ulrich Hoppe bezweifelt jedoch, dass die Regierung schnelle Hilfen aktivieren kann. Zum einen, weil sie sich erst einmal neu aufstellen müsse und zum anderen, weil ein erneutes umfassendes Hilfspaket aufgrund der hohen Staatsverschuldung kaum zu stemmen sei. „Schließlich liegt diese jetzt schon bei 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes.“ Indes überlegen britische Pub-Besitzerinnen und -Besitzer, wie sie sparen können. Gill Leigh-Ford vom „Ye Olde Admiral Rodney“ in Macclesfield südlich von Manchester will auf keinen Fall die Heizungen ausdrehen. Sie zieht stattdessen in Erwägung, Kerzen aufzustellen, statt das Licht einzuschalten. Das wäre wenigstens passend in einem Pub, das schon seit 1730 existiert.

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