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Die Ikone Diana verblasst

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Von: Susanne Ebner

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Prinzessin Diana vor der britischen Fahne. (Archiv)
Prinzessin Diana vor der britischen Fahne. (Archiv) © John Giles/dpa

Der Unfalltod von Prinzessin Diana jährt sich an diesem Mittwoch zum 25. Mal. Doch wie groß ist das Interesse in der britischen Öffentlichkeit noch? Eine Spurensuche in London.

Was wäre, wenn sie noch leben würde? Mit dieser Frage nähert sich die britische Schriftstellerin Rose Tremain in der Tageszeitung „The Telegraph“ dem 25. Todestag Dianas, jener Frau, die von der schüchternen Kindergärtnerin zur „Königin der Herzen“ aufstieg. Tremain stellt gleich zu Beginn ihrer fiktiven Reise in eine Gegenwart mit Diana klar: „Sie ist immer noch schön.“ Und: Sie verzeiht ihrem Sohn Harry, dass er mit Meghan in die USA ausgewandert ist. Schließlich, so beteuert die 61-jährige fiktive Diana, die ihre blonden Haare in der Geschichte immer noch kurz trägt, im erdachten Interview mit der Autorin, „verzeiht man seinen Kindern doch einfach alles, oder?“ Damit wird ein Bild Dianas gezeichnet, das heute das kollektive Gedächtnis dominiert. Das einer liebenden, verständnisvollen Mutter, warmherzig, perfekt – und natürlich auch zu schön, um wahr zu sein.

Bei einer Verfolgungsjagd mit der Presse kam es in einem Tunnel in der Pariser Innenstadt zum Autounfall. Die damals 36-Jährige erlag am 31. August 1997 im Krankenhaus ihren Verletzungen. Anlässlich des Todestages nehmen sich die britischen Medien ihres Lebens und ihres Sterbens erneut an – mal mehr, mal weniger geschmackvoll, vor allem aber, ohne etwas wirklich Neues zu erzählen. So berichtet der „Daily Star“ von einem australischen Jungen, der als Zweijähriger erzählt haben soll, dass er einst Prinzessin Diana gewesen sei, in einem Schloss namens Balmoral. Auch über einen Ersthelfer, der ihre letzten Worte gehört haben will, erscheinen Artikel, wieder einmal. Die britische Ausgabe der Zeitschrift „OK!“ widmet Diana eine 194-seitige Sonderausgabe mit vielen großformatigen Bildern aus dem Leben der einstigen Prinzessin. Es geht natürlich um ihre Hochzeit, ihre Ehe mit Charles, ihr soziales Engagement, ihre Kinder Harry und William. Der Titel: „Diana. Ihr Leben und ihr Erbe, 25 Jahre später.“

Das Interesse an Diana, ihrem Leben, ihrem Tod, ist in Großbritannien also immer noch vorhanden. Aber ist es über die Jahre verblasst? Mark, ein Buchhändler, der seine Brille auf dem Kopf trägt, bezweifelt dies. Der 50-Jährige arbeitet in einer Filiale der Buchhandelskette Waterstones im Londoner Zentrum. Auf die Frage, ob er denn eine Biografie Dianas im Laden vorrätig habe, gerät er ins Grübeln. In den großen Auslagen im oberen Stockwerk jedenfalls kann er nichts finden. „Hier befinden sich nur Bücher über die Queen und welche über die jüngeren Royals.“ Fündig wird er erst im Untergeschoss. Hier steht eine Biografie Dianas aus dem Jahr 2007, in pinkfarbenem Einband, eingeklemmt zwischen zwei Büchern über Charles, ihren Ex-Mann. „Bücher über Diana sind nicht mehr so gefragt“, resümiert Mark fast entschuldigend.

Juli 2021: William (l) und Harry enthüllen eine Statue zu Ehren ihrer Mutter.
Juli 2021: William (l) und Harry enthüllen eine Statue zu Ehren ihrer Mutter. © Lipinski/AFP

„Die Aufmerksamkeit ist tatsächlich etwas zurückgegangen“, bestätigt Pauline MacLaran, die sich an der Royal Holloway Universität in London mit dem Bild der königlichen Familie befasst. Vor allem junge Britinnen und Briten kennen Diana nur noch aus Erzählungen, aus der Netflix-Serie „The Crown“ oder aus dem im Jahr 2021 veröffentlichten Film „Spencer“, der ein Wochenende im Leben Dianas im Jahr 1991 beschreibt. Er gilt durch seine klaustrophobische Stimmung als eine Art royaler Horror-Film. „Für Kinder ist das alles längst Vergangenheit“, bestätigt auch Kathryn Thomas und deutet auf ihre Tochter und ihren Sohn, die rechts und links von ihr auf einer Holzbank sitzen. Die 42-Jährige, die an einem sonnigen Tag im August den „Diana, Princess of Wales Memorial Playground“, einen Spielplatz im Park Kensington Gardens besucht und als Fundraiserin für den „The Prince’s Trust“ arbeitet, glaubt jedoch, dass sie weiterhin einen „speziellen Platz in den Herzen der Menschen“ haben wird. „Man wird sie immer als eine Kraft für das Gute erinnern.“ Die Kontroversen in Bezug auf außereheliche Affären sowohl von Diana als auch von Charles seien längst passé.

Tatsächlich wandelte sich das Image Dianas in den britischen Medien nach ihrem Tod rasant. „Sie starb in den frühen Morgenstunden, als die Sonntagszeitungen bereits in den Druck gegangen waren“, sagt MacLaran. Der Versuch, einige Schlagzeilen noch abzuwenden, die angesichts ihres Todes plötzlich pietätlos schienen, scheiterte. Die britische Tageszeitung „News of the World“ titelte beispielsweise: „Der beunruhigte Prinz William wird heute von seiner Mutter Prinzessin Diana verlangen, dass sie ihren Playboy fallen lässt.“ Die Rede war von Dodi Al-Fayed, mit dem Diana zu diesem Zeitpunkt liiert war und der ebenfalls bei dem Unfall starb. Solche kritischen Schlagzeilen wollte man seit dieser verhängnisvollen Nacht im August nun nicht mehr lesen. Stattdessen wurde sie zu „Englands Rose“, die sich um Menschen gekümmert habe, für die sich sonst keiner interessiert: Bedürftige, Obdachlose, Aids-Kranke und Landminenopfer. Die Wissenschaftlerin MacLaran beschreibt dies in ihrem Buch „Royal Fever“ als einen Wandel zu einer Art Mutter Teresa. Wie im Fall von Marilyn Monroe oder auch James Dean wurde sie durch ihren frühzeitigen, tragischen Tod zu einer Ikone. Das Hoch für Diana war ein Tief für Queen Elizabeth II. Ihr warf man damals angesichts ihrer zögerlichen Reaktion auf den Tod Herzlosigkeit vor.

Nicht alle Britinnen und Briten haben heute Verständnis für diese Überhöhung Dianas. „Ich finde, dass keiner so viel Aufmerksamkeit erhalten sollte, nur weil man mal einen Prinzen geheiratet hat“, sagt die 58-jährige Jaqueline, während sie mit Freunden und Familie den Diana-Gedenkbrunnen im Hyde Park an der Grenze zu Kensington Gardens besucht. Der „Diana Memorial Fountain“, wie die verschlungenen Wasserspiele heißen, ist aus Sicht von Eltern und Kindern jedoch auf jeden Fall eine wunderbare und vor allem erfrischende Form der Erinnerung. Besichtigt wird er auch von der 73-jährigen Marlene. Sie ist aus Kanada angereist und hat einen Rundtrip durch England hinter sich. Bevor sie wieder in den Flieger steigt, will sie auch noch die Diana-Statue besuchen. Sie ist sich sicher: „Jeder liebt Diana“. Die Nachricht von ihrem Tod schockierte sie. „Ich erinnere mich noch genau, dass ich gerade dabei war Lebensmittel einzukaufen, als mir der Kassierer davon erzählte. „Sie war so jung. Es war eine Tragödie. Sehr traurig.“

Dass die Welt schockiert war, ist laut MacLaran sogar eine extreme Untertreibung. Die Nachricht von Dianas Tod verbreitete sich im August 1997 rasend. Es kam zu einer beispiellosen kollektiven Trauer in Großbritannien, versinnbildlicht durch ein immer größer werdendes Blumenmeer vor den Toren des Kensington Palace, in dem Diana bis zu ihrem Tod lebte. Über 32 Millionen Britinnen und Briten verfolgten ihre Beerdigung am 6. September im Fernsehen, weltweit waren es Schätzungen zufolge mehr als zwei Milliarden Menschen. Elton Johns Version von „Candle in the Wind“, welche er damals in der Westminster Abbey an einem schwarzen Flügel sitzend sang, ist bis heute eine der weltweit meistverkauften Singles. Rückblickend beschreiben viele Britinnen und Briten diese Zeit jedoch auch als kollektiven Wahnsinn, eine Art Massenhysterie.

Ein Vierteljahrhundert später wird es eingefleischte Fans geben, die anlässlich Dianas Todestages Blumen vor dem Kensington Palace niederlegen, ist sich MacLaran sicher. Insgesamt habe sich das Gedenken an die frühere Prinzessin jedoch verändert, weg von einer Kultur der Jahrestage hin zu einem täglichen Erinnern. So betonen ihre Söhne etwa regelmäßig, dass sie eine gute Großmutter gewesen wäre. Versinnbildlicht wird dies durch die Statue von Diana vor dem Kensington Palace, die William und Harry im vergangenen Jahr enthüllten. Sie zeigt eine gealterte Diana, umgeben von Kindern. Anlässlich ihres Todestages sind keine offiziellen Feierlichkeiten geplant, im Jahr des 70. Kronjubiläums von Queen Elizabeth II. soll der Fokus offenbar auf der Monarchin und auf den jungen Mitgliedern der königlichen Familie liegen. Spürbar wird dies bei einem Besuch eines Souvenirladens in der Nähe. Hier können Kunden eine Wackel-Queen erwerben oder einen Teller mit dem Antlitz von William und Catherine. Andenken an Diana sucht man jedoch vergeblich.

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