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„Die AfD hat sich im Flügel aufgelöst“

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Von: Jan Sternberg

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Da wollte wer seinen Kopf nicht mehr hinhalten.
Da wollte wer seinen Kopf nicht mehr hinhalten. © Swen Pförtner/dpa

Zwei Aussteiger kritisieren die Radikalisierung der Partei und haben zusammen mit einem Investigativjournalisten ein Enthüllungsbuch geschrieben.

Es ist erst drei Jahre her, da wähnten sich Nicolai Boudaghi und Alexander Leschik am Beginn einer steilen Karriere. Dafür paktierten die Nachwuchskräfte der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA) auch mit extrem rechten Parteifreunden aus dem Osten. Sie wurden 2018 in den JA-Bundesvorstand gewählt und merkten erst spät, wer die Strippen zog: der Neonazi Andreas Kalbitz und sein Netzwerk. Heute sagt Boudaghi: „Wir dachten damals, wir könnten die JA und AfD retten, auf den richtigen Weg bringen. Das war naiv.“

Beide haben die JA und die Partei verlassen und mit dem Investigativjournalisten Wigbert Löer ein Enthüllungsbuch geschrieben. „Im Bann der AfD“ ist im Europa-Verlag erschienen. Seitenlang zitieren sie aus internen Chatgruppen der JA und der Gesamtpartei. Es ist ein Blick in rassistische Abgründe und wachsende Verzweiflung auf der Seite der sogenannten „Bürgerlichen“, zu denen sich die beiden Männer aus dem Münsterland zählen.

„Heil Höcke, Kameraden“, begrüßt ein Göttinger JA-ler Mitlesende im Chat „Junge Garde“. Sie zitieren auch einen „Mark“ aus dem Sauerland, der ständig Gewaltfantasien und Rassismus postet: „Besser Bürgerkrieg und Depopulation, anstatt 2050 nur noch bärtige Braune hier zu haben.“ Manchmal geben die beiden Kontra in diesen Gruppen, oft lassen sie das Grundrauschen des Hasses an sich vorbeiziehen. Es wird normal für sie. Und manchmal schlagen sie in die gleiche Kerbe.

Als 17-Jähriger teilte Alexander Leschik bei Facebook über einem Bild von einem AfD-Infostand die NS-Parole „Deutschland erwache“. Boudaghi, der persische Wurzeln hat, veröffentlicht zum Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan ein Bild von einer Schweinshaxe. Heute distanzieren sich beide davon. „Wir waren schon durch die AfD verbrannt. Wir konnten uns nicht mehr aus dem Staub machen, denn wir hatten diese Stigmata schon“, sagt Boudaghi.

Der Machtkampf in der AfD sei entschieden, Vertreter der extremen Rechten hätten gewonnen, sagen die Aussteiger. „Wenn Jörg Meuthen im Herbst noch einmal als Bundessprecher antritt, wird er sehr wahrscheinlich nicht wiedergewählt werden“, sagt Leschik. „Nicht der Flügel hat sich in der Gesamtpartei aufgelöst, die Partei hat sich im Flügel aufgelöst.“

Zitate aus internen Chats

Sie zitieren aus internen Chats, in denen prominente Vertreter der „Bürgerlichen“ wie der Berliner Georg Pazderski und Uwe Junge aus Rheinland-Pfalz immer verzweifelter gegen den Einfluss der Radikalen ankämpfen. Ihr Hauptgegner ist der Thüringer Landeschef Björn Höcke, mit ihm verbunden die Bundestags-Fraktionschefs Alexander Gauland und Alice Weidel und Parteichef Tino Chrupalla. „Höcke muss man austrocknen“, schreibt Uwe Junge eines Morgens im Chat. „Ihm muss die Basis entzogen werden. Es geht nicht juristisch, aber mit permanentem moralischen Druck! Fragen stellen: – Ist Gauland zu alt? – Ist Weidel kriminell (Spenden)? – Ist Chrupalla zu doof?“

Bereits mit 15 Jahren stieß Alexander Leschik zur JA, mit 21 arbeitete er bei der AfD-internen „Arbeitsgruppe Verfassungsschutz“ mit, die entlastende Argumente gegen eine Beobachtung der Partei finden soll. Doch der Fall sei eindeutig, berichtet Leschik, der Hunderte Aussagen von Bundes-, Landes- und Lokalfunktionären durchgesehen hat. „In der Arbeitsgruppe Verfassungsschutz habe ich gesehen, dass nicht nur die Wortführer radikal sind, sondern wie stark diese Sprache und dieses Gedankengut mittlerweile an der Basis der Partei verwurzelt sind“, berichtet er. „In vielen Fällen sind diese Äußerungen derart eindeutig verfassungsfeindlich, dass sie durch nichts mehr zu relativieren sind.“ Der Verfassungsschutz müsse die Partei beobachten.

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