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Der Tiefpunkt der politischen Kultur in Südkorea

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Von: Felix Lill

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Der konservative Kandidat Yoon Suk Yeol (Mitte) hat nun kein Wahlkampfteam mehr.
Der konservative Kandidat Yoon Suk Yeol (Mitte) hat nun kein Wahlkampfteam mehr. © Wallace/afp

In Südkorea überhäufen sich die beiden aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf gegenseitig mit Vorwürfen – dabei schien für einen eigentlich alles nach Plan zu verlaufen.

Wer diese Tage das Gesicht von Yoon Suk Yeol sieht, fühlt sich schnell an Armin Laschet erinnert. In den Wahlkampf von Südkorea ist der konservative Politiker mit guten Chancen gestartet, führte in den Umfragen, ohne viel Inhaltliches sagen zu müssen. Ähnlich wie Laschet, der im deutschen Wahlkampf im vergangenen Herbst anfangs noch von der Popularität der abtretenden Bundeskanzlerin Angela Merkel zu profitieren schien, hat auch Yoon Suk Yeol einen strategischen Vorteil: Er tritt in Opposition zum enttäuschenden Präsidenten Moon Jae In auf.

So schien für Yoon im Vorfeld der Wahl am neunten März alles nach Plan zu laufen. Schließlich hat der nach seiner fünfjährigen Amtszeit scheidende Präsident Moon Jae In kaum eines seiner Versprechen erfüllt. Als Moon 2017 mit der liberalen Demokratischen Partei die Wahl gewonnen hatte, wollte er den prekären Arbeitsmarkt reformieren, die Macht von Konzernen wie Samsung und Hyundai begrenzen und einen Friedensvertrag mit Nordkorea abschließen. Nichts davon ist so recht gelungen.

Das konservative Lager um die Volkspartei sah sich daher nach fünf Jahren Opposition endlich wieder an der Reihe. Und sofern die Wahlkampagne um den einstigen Staatsanwalt Yoon Suk Yeol keine großen Fehler begehen würde, sollte dies auch gelingen, war die Hoffnung.

Der demokratische Gegner Lee Jae Myung von der regierenden Demokratischen Partei genießt weder innerparteilich noch gesamtgesellschaftlich großen Rückhalt. Im Dezember führte der konservative Yoon die Umfragen an. 45 Prozent der Wahlberechtigten wollten ihm laut dem Demoskopieinstitut Realmeter ihre Stimme geben.

Doch dann mehrten sich Momente, die an den verkorksten Wahlkampf von Armin Laschet in Deutschland erinnern. Zwar ist Yoon nicht am Rande einer Flutkatastrophe in Gelächter ausgebrochen und hat auch nicht vergessen, seinen Mund-Nasenschutz aufzusetzen. Dafür ist sein gesamtes Team implodiert. Mitglieder des Wahlkampftruppe intrigieren gegeneinander, fühlen sich personell und inhaltlich ignoriert. Am Montag erklärte Kim Chong In, der Leiter der Wahlkampagne, gegenüber Medienvertreter:innen: „Wir müssen eine Umstrukturierung vornehmen, die die Rücktritte der Verantwortlichen beinhaltet.“

Anfang der Woche wurde sogar die gesamte Kampagne ausgesetzt. Denn der geschlossene Rücktritt seiner Wahlkampfmanager:innen ist nicht mehr das einzige Problem, mit dem der einstige Favorit auf das Präsidentenamt zu kämpfen hat. Mitte letzten Monats kam heraus, dass Kim Keon Hee, Yoons Ehefrau, Teile ihres Lebenslaufs gefälscht hatte. „Ich habe ständig Angst, dass ich ein Schandfleck werde, der die Wünsche meines Mannes für Südkorea stört“, sagte Kim daraufhin kurz vor dem Jahreswechsel mit trauriger Miene. Sie habe sich besser darstellen wollen als sie war, um mithalten zu können.

Kurz zuvor hatte eine weitere Frau für Probleme gesorgt, allerdings aus anderen Gründen. Shin Ji Ye, eine 31-jährige, feministisch orientierte Politikerin, hatte Yoons Wahlkampf in der Hoffnung unterstützt, für mehr Geschlechtergleichheit zu sorgen. Die Volkspartei wiederum hatte gehofft, durch Shins Unterstützung auch junge Wählerinnen anzusprechen. Nur zog sich die prominente Nachwuchspolitikerin aus Yoons Team zurück, nachdem sie in der konservativen Partei doch nicht die Sensibilität für Genderthemen vorfand, die sie erwartet hatte.

Zwei Monate vor der Wahl muss sich Yoon Suk Yeol, der einstige Favorit aufs Präsidentenamt, nun ein neues Team suchen. So erklärte er schon voller Reue: „Ich habe es versäumt, die Gedanken der 20- und 30-Jährigen zu lesen.“ Oder: „Von jetzt an werde ich anerkennen, was die ältere Generation nicht weiß und von einer Perspektive neuanfangen, die mit Sympathie auf die junge Generation blickt.“ Und: „Die Sorgen, die viele Menschen über diese Wahl haben, sind ausschließlich mein Fehler. Dafür bitte ich um Entschuldigung.“

Mittlerweile hat Yoon die Führung in den Umfragen verloren. Das Institut Realmeter kommt derzeit auf eineinhalb Prozente Vorsprung für Lee Jae Myung von der Demokratischen Partei, Daten von Research & Research sehen Lee sogar um 9,7 Prozentpunkte vorn.

Wobei auch schon mehr als die Hälfte der Wahlbevölkerung angegeben hat, für keinen der beiden Kandidaten besondere Sympathien zu hegen. Kim Hyung A, Professorin für koreanische Politik an der Australian National University, bezeichnete die Angelegenheit zuletzt als „Wahl für das Geringere zweier Übel.“ Der ganze Wahlkampf gilt als bisheriger Tiefpunkt der politischen Kultur im ostasiatischen Land. Gegenseitig haben sich Lee und Yoon schon Korruption und Veruntreuung vorgeworfen, haben sich praktisch angedroht, der jeweils andere würde bald ins Gefängnis wandern. Auf die Einigung hin, alle Vorwürfe neutral untersuchen zu lassen, sind bisher keine Taten gefolgt. Die Negativkampagnen sollen wohl auch darüber hinwegtäuschen, dass beide Kandidaten ein inhaltlich eher dünnes Programm haben.

Lee will an die noch unerfüllten Versprechen seines Parteikollegen Moon anknüpfen, Yoon tritt gegenüber Nordkorea mit weniger Verständnis auf und setzt mehr auf den Markt als sein Gegner. „Die Menschen in Südkorea, vor allem die jungen, wollen einen Anführer, der die soziale Durchlässigkeit verbessert und ihre finanziellen Schwierigkeiten beendet“, schrieb die Politologin Kim Hyung A vor kurzem in einem Gastbeitrag für Al Jazeera. „Sie wollen auch einen Anführer, der die Korruption bekämpft und Südkorea gerechter macht.“ Allerdings fehle es beiden Kandidaten hierfür sowohl an Konzepten als auch am Image.

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