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Alleine die unmittelbaren Schäden des 11. September 2001 beliefen sich auf 60 Milliarden Euro.
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Alleine die unmittelbaren Schäden des 11. September 2001 beliefen sich auf 60 Milliarden Euro.

9/11: Wirtschaft

Extremus - der Spezialist für Terrorschäden

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    VonThomas Magenheim-Hörmann
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Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde mit staatlicher Hilfe ein Versicherer für Terrorrisiken gegründet. Er könnte nun Vorbild für einen Pandemie-Versicherer werden.

Es ist ein Jahrestag des Schreckens. Am elften September jährt sich zum zwanzigsten Mal der Terrorangriff auf das World Trade Center in New York dem fast 3000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Thomas Leicht kennt auch die finanziellen Lasten. „Etwa 60 Milliarden Dollar betrugen die unmittelbaren Schäden, wovon 40 Milliarden Dollar versichert waren“, sagt der Chef des Kölner Terrorversicherers Extremus. Der wurde 2002 mit staatlicher Hilfe gegründet, weil nach den Anschlägen in den USA der Markt für Terrorpolicen kollabiert war. Versicherer scheuten das Risiko – jedenfalls ohne Staatshilfe. Das war die Geburtsstunde von Extremus. Leicht erklärt die aktuellen Spielregeln.

„Die ersten 2,52 Milliarden Euro tragen wir, weitere 6,48 Milliarden Euro die Bundesrepublik.“ Hinter dem Spezialversicherer stehen vor allem deutsche Assekuranzkonzerne. „Wegen eines Terrorschadens bei Extremus zahlen musste zumindest der Staat seit 2002 noch nie“, sagt Leicht. Beim Anschlag 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin wäre es theoretisch so weit gewesen. Finanziell habe der Schaden von rund 20 000 Euro aber den Selbstbehalt des Versicherten von 50 000 Euro nicht übertroffen. Extremus musste also nicht zahlen.

Anders war das nach dem Attentat auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund 2017. Das folgende Fußballspiel gegen den AS Monaco wurde aus Angst vor einer Bombe im Stadion abgesagt. „Ein mittlerer sechsstelliger Betrag ist fällig geworden“, sagt Leicht. Betroffen war aber nur eine rein privatwirtschaftliche Extremus-Zusatzpolice ohne staatliche Beteiligung, die einen Bedrohungsbaustein enthält, erklärt Leicht den Fall.

Ein zweites Mal wurde der Terrorversicherer nach einer Bombendrohung für ein Essener Einkaufszentrum zur Kasse gebeten. Ein kleiner fünfstelliger Schaden musste dort beglichen werden.

Beide Fälle waren damit finanziell in überschaubarer Dimension verglichen mit Risikoszenarien der Extremus-Expert:innen. „Die teuerste Kumulzone mit einem Umkreis von 200 Metern ist die Frankfurter Innenstadt mit knapp über drei Milliarden Euro“, sagt Leicht zur größten Wertekonzentration in den Extremus-Verträgen. Eine einzige Terrorbombe an der richtigen Stelle könnte solchen Schaden auslösen.

Heikle Policen

Privatwirtschaftlich werden Terrorrisiken international unter anderem von Lloyd’s in London und anderen angelsächsischen Anbietern wie Chubb versichert. Die können sich aber - im Gegensatz zu Extremus - die Rosinen herauspicken. Großrisiken wie Hochhäuser auf engen Innenstadträumen oder Flughäfen meiden sie. Deshalb ist Extremus wichtig, sagt die deutsche Wirtschaft. Auch der Terrorversicherer limitiert aber seine Haftung. Pro Jahr und Einzelkunde sind Leistungen auf 1,5 Milliarden Euro begrenzt.

Gegründet wurde Extremus 2002 von gut einem Dutzend Erst- und Rückversicherern wie Allianz und Munich Re im Schulterschluss mit der Bundesrepublik Deutschland. Versichert werden Gebäude, deren Einrichtungen und Vorräte sowie Betriebsunterbrechungen. Die Einnahmen summierten sich 2020 auf 44,5 Millionen Euro. Für dieses Jahr werden 46 Millionen Euro angepeilt. Zwei Drittel davon erhalten die an Extremus beteiligten Versicherer. Auch der Bund streicht für seine Garantie eine jährliche Gebühr ein. Solange kein Schaden eintritt ist das ein gutes Geschäft. tmh

Rund 13 500 Gebäude von Flughäfen über Kirchen und Synagogen bis zu Hochhäusern und Fabriken hat Extremus versichert. „Deren kumulierte Versicherungssumme beträgt über 750 Milliarden Euro“, so der Extremus-Chef.

Trotz dieses Drohpotentials stand es 2019 Spitz auf Knopf für den Spezialversicherer. Denn die Staatsgarantie für die Kölner muss regelmäßig erneuert werden, was vor zwei Jahren wieder einmal anstand. Der Bund meinte anfangs, die Assekuranz könne Terror mittlerweile auch ohne Staatshilfe versichern, musste sich dann aber von Versicherern und deren Kunden in der Wirtschaft vom Gegenteil überzeugen lassen. „Es gibt nicht genug rein privatwirtschaftliche Versicherungskapazität für Terrorrisiken am Markt“, erläutert Leicht.

Kurz nach dieser Grundsatzdiskussion über Extremus brach die Corona-Pandemie aus. Unter anderem Gaststätten und Hotels wurden flächendeckend für Monate geschlossen. Viele von ihnen glaubten sich mit einer Betriebsschließungspolice (BSV) abgesichert. Aber viele Versicherer stellen sich auf den Standpunkt, dass eine Pandemie nicht abgedeckt sei, was immer noch Gerichte beschäftigt und Existenzen bedroht.

Damit schreien Pandemiepolicen heute nach einer Lösung wie seinerzeit Terrorrisiken. Versicherer wie Allianz und Munich Re plädieren explizit für einen Schulterschluss der Branche mit dem Staat mit Extremus als Vorbild. Der Name Pandemus als Versicherer gegen Pandemierisiken begann durch die Lande zu geistern. Schließlich wurde vom Bundesfinanzministerium in Berlin ein Gutachten zur künftigen Versicherung sowohl von Terror- als auch Pandemierisiken in Auftrag gegeben. Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet.

Für Extremus dürfte das entscheidend sein, weil der Bund Ende 2022 wieder seine Staatsgarantie für den Terrorversicherer verlängern muss oder eben nicht. Entweder wachsen dann die Aufgaben, indem Pandemierisiken zusätzlich unter das Dach der Kölner wandern. Oder eine separate Pandemus wird gegründet. Die Politik könnte auch noch auf die Idee kommen, dass es den Terrorversicherer nicht mehr braucht. Schon Ende 2019 hat der Bund seine Garantie von einmal 7,5 auf 6,48 Milliarden Euro reduziert.

„Ohne staatliche Garantien gibt es kein Extremus“, hält Leicht dem entgegen. Pandemierisiken sichere man zudem besser unter dem Dach einer separaten Gesellschaft ab. „Pandemie ist schlimmer als Terror“, sagt er mit Blick auf potentielle finanzielle Auswirkungen. Eine Pandemie könne auf einen Schlag auch alle Rückstellungen für Terrorrisiken auffressen, würde beides unter ein Versicherungsdach kommen. „Aber am Ende entscheiden das Gutachten und die Politik“, weiß der Extremus-Chef.

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