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Der Kreml-Propagandist im US-TV

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Von: Karl Doemens

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Tucker Carlson freut sich jeden Abend über ein großes Publikum.
Tucker Carlson freut sich jeden Abend über ein großes Publikum. © Getty Images via AFP

Jeden Abend scheint beim US-Sender Fox News Moskau die Regie zu übernehmen.

Das Gesicht von Joe Biden ist zur Fratze verzerrt. Auf der düsteren Fotomontage hinter ihm steigt eine Feuerwolke auf. Panzer rollen, Hubschrauber setzen Soldaten ab, eine Rakete steigt auf. „Die Regierung irgendeines Fleckens namens Ukraine fordert uns auf, an ihrer Stelle gegen die russische Armee zu kämpfen“, sagt der Moderator: „Das ist natürlich einfacher, als es selbst zu machen. Aber warum gehorchen wir?“

Die regelmäßigen Zuschauer:innen der Polit-Talkshow kennen die Antwort: Dahinter stecken die Neokonservativen in Washington, die Militärindustrie sowie „Hybris und Dummheit“ der amerikanischen Regierung. Und noch ein weiteres Motiv für die Unterstützung der Ukraine hat der Moderator ausgemacht: Die Ordnung in Russland ruhe auf dem Fundament des orthodoxen Christentums: „Vielleicht wollen wir genau das zerstören“.

Jeden Abend zur besten Sendezeit um 20 Uhr flimmert in den USA ein einstündiges TV-Magazin über die Bildschirme, das aus den Studios von Russia Today kommen könnte. Tatsächlich läuft es beim rechten Kabelsender Fox News. „Tucker Carlson Tonight“ ist nicht irgendeine Sendung, sondern mit täglich 3,2 Millionen Zuschauer:innen die meistgesehene Polit-Show in Amerika.

Während MSNBC und CNN wie fast alle Medien in den USA vor der russischen Kriegsgefahr warnen, gibt der ultrarechte Moderator Tucker Carlson den wohl wirkungsvollsten Kreml-Propagandisten in den USA.

Nicht alle Fragen, die der eloquente 52-Jährige mit dem fülligen Haar und dem schlanken Krawattenknoten stellt, sind unberechtigt. Nicht jeder seiner Hinweise auf Widersprüche in der US-Politik ist falsch. Doch wer Carlson zuschaut, wird schnell in ein übles Dickicht von minderheitenfeindlichen Vorurteilen, nationalistischen Positionen, demagogischen Verdrehungen und irren Verschwörungslügen gezogen, die bei der Anhängerschaft von Ex-Präsident Donald Trump gut ankommen.

„Nützlicher Zyniker“

Carlson sei kein russischer Agent oder nützlicher Idiot Putins, urteilt das linke Online-Magazin „Slate“. Er sei vielmehr „ein nützlicher Zyniker“, der zu Hause ein Marktsegment abgreife und damit gleichzeitig den Interessen des Kremls diene.

Tatsächlich hat Carlson vom Diplomatensohn und Absolventen einer Elite-Hochschule bis zum rechtsnationalistischen Lautsprecher eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Doch die Rolle des skrupellosen America-First-Scharfmachers gefällt ihm sichtlich. Nach seinen Worten macht Zuwanderung das Land „ärmer, dreckiger und gespaltener“.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung verunglimpft er als „nationale Schmach“. Er verglich Bidens Impfmandate mit den Menschenversuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und pries bei einem Besuch in Ungarn dessen rechtspopulistischen Premier Viktor Orban samt dessen „sauberen und ordentlichen“ Grenzzauns zu Serbien.

In der Ukraine-Krise macht Carlson aus seinen Sympathien für den russischen Präsidenten Wladimir Putin kein Geheimnis. Der wolle nur „seine westliche Grenze sichern“, behauptet er, als würden die Ukrainer in Russland einzufallen versuchen. Doch dem Moderator geht es um eine andere Analogie: „Die Ukraine ist nicht angegriffen worden. Aber wir sind es und haben verloren“, spielt er auf die Zuwanderung aus Lateinamerika über die Südgrenze der USA an. In diesem Vergleich sind die Russen Menschen, „die ein besseres Leben für sich und ihre Familien in der Ukraine suchen“. Die US-Demokraten aber wollen „die Ukraine rassisch sauber halten“, während sie das eigene Land an kriminelle Ausländer übergeben würden. „Das Pentagon sendet keine Truppen an unsere Grenzen, wohl aber an die Grenzen der Ukraine“, spitzt Carlson zu.

Mit seiner Propaganda trifft Carlson nicht nur die Überzeugungen von US-Rechtsextremen, die Russland als letzte verbliebene „weiße Macht“ sehen. Carlson bedient auch das in Amerikas nicht-akademischer Mittelschicht verbreitete Gefühl, zugunsten internationaler Interessen verraten worden zu sein. „Unsere politische Führung ist ignorant“, poltert er: „Sie fühlen sich gut, wenn sie mit harten Sanktionen drohen. Das ist einfacher, als das Leben der Menschen im eigenen Land zu verbessern.“

Die Unverletzlichkeit von Grenzen interessiert Carlson nicht, solange es nicht die USA betrifft. Die Nato dient für ihn nur dem Ziel, „Putin zu schikanieren“. Und die Ukraine ist „irgendein korruptes osteuropäisches Land“, das keinerlei strategische Bedeutung für Amerika hat. Ein Konflikt hilft nur der Macht, die Carlson für die eigentliche globale Gefahr hält: China.

So geht das Abend für Abend. Und obwohl 54 Prozent der Befragten in den USA eine harte Position gegenüber der russischen Drohkulisse befürworten, findet Carlson Zustimmung. So erhält der polnischstämmige Kongressabgeordnete Tom Malinowski inzwischen Anrufe von Wählern aus New Jersey, die die Fox-Sendung schauen: „Sie sind aufgebracht, dass wir uns nicht auf Moskaus Seite schlagen und fordern, dass ich die „vernünftigen“ russischen Positionen unterstütze“, berichtet der Demokrat.

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