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Debatte über Fracking entbrannt

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Von: Harald Stutte

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Weltweit umstritten: Demonstration gegen das Fracking in Buenos Aires.
Weltweit umstritten: Demonstration gegen das Fracking in Buenos Aires. © AFP

Die umstrittene Technik könnte Deutschlands Erdgas-Versorgung deutlich verbessern. Umweltschützerinnen und Umweltschützer sehen aber große Risiken.

Es war der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der einer in Deutschland bereits tot geglaubten Methode zur Förderung von Erdgas neues Leben einhauchte: Der CSU-Politiker warb kürzlich dafür, die Gasförderung mittels Fracking auch bei uns zu prüfen. „Es geht darum, sich unabhängig zu machen von russischen fossilen Brennstoffen“, argumentierte er. Das bedeute, „alle Optionen zu ziehen, alle Karten auf den Tisch zu legen und Ideologie über Bord zu schmeißen“.

Auch der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, fordert nun eine ernsthafte Prüfung der umstrittenen Fracking-Technologie. „Grundsätzlich muss für einen schnellen Ausstieg aus russischem Gas jede Option geprüft und ernsthaft erwogen werden“, sagte er der „Rheinischen Post“. Das gelte „selbstverständlich“ auch für das Fracking und die Gasförderung in Deutschland.

Professor Mohammed Amro hat für diese Vorschläge großes Verständnis. Der Direktor des Instituts für Bohrtechnik und Fluidbergbau an der TU Bergakademie Freiberg ist überzeugt, Deutschland könne viel unabhängiger von Gasimporten sein, wenn es bereit wäre, die eigenen Vorkommen auszubeuten.

Hintergrund: Nur fünf Prozent seines heutigen Erdgasverbrauchs deckt Deutschland aus eigenen Gasvorkommen, insgesamt fünf Milliarden Kubikmeter. „Wir könnten diesen konventionellen Abbau auf eine Größenordnung von mehr als zehn Prozent erhöhen“, so Amro gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Zusätzlich dazu gibt es noch riesige Vorkommen von bis zu 2500 Milliarden Kubikmetern Erdgas in Schieferlagerstätten, die wegen ihrer geringen Durchlässigkeit einer besonderen Fördermethode bedürfen: dem Fracking. „Wir könnten so sogar 20 Prozent unseres Bedarfs an Erdgas decken“, sagt Amro. „Das würde allerdings fünf Jahre dauern, weil Genehmigungsverfahren und Bodenuntersuchungen nötig wären, zudem viele große Abbauunternehmen Deutschland in den letzten Jahren verlassen haben.“

Für die - nicht nur in Deutschland - verbreitete Skepsis dieser Abbaumethode gegenüber hat er nur bedingt Verständnis. „Fracking ist eine sehr sichere, vor allem über einen langen Zeitraum erprobte Technik. Von 1961 bis 2012 wurden in Deutschland etwa 500 Frackingmaßnahmen durchgeführt, es gab keinen einzigen Unfall“, sagt der Bergbauexperte. Seit 2017 ist in Deutschland unkonventionelles Fracking in Schiefer-, Mergel-, Ton- und Kohleflözgestein quasi verboten.

Umweltschützer:innen befürchten dagegen, beim Fracking verwendete Chemikalien könnten das Grundwasser verunreinigen. „Es kann sein, dass die Chemikalien erst in einigen Monaten oder Jahren ins Grundwasser dringen, wenn die Erdgasunternehmen schon längst weitergezogen sind“, sagte Sebastian Schönauer vom Arbeitskreis Wasser des BUND der „Geo“. Und in einem Gutachten des Bundesumweltamtes liest sich das so: „Nach aktuellem Erkenntnisstand kann die Möglichkeit großräumiger, dauerhafter und irreversibler nachteiliger Auswirkungen solcher Vorhaben auf die Trinkwasserversorgung und den Naturhaushalt nicht von der Hand gewiesen werden.“

Auch die Grünen-Chefin von Nordrhein-Westfalen, Mona Neubaur, sagte diese Woche der „Rheinischen Post“, es habe „gute Gründe, dass unkonventionelles Fracking seit 2017 in Deutschland bis auf wenige Probebohrungen verboten ist“. Die Risiken durch Verunreinigung des Grundwassers und der Umwelt sowie durch Erdrutsche seien zu groß.

Dabei nutzt Deutschland bereits heute gefracktes Gas – nur eben aus anderen Teilen der Welt. „Man sieht dem Gas nicht an, wie es gewonnen wurde, stets handelt es sich um die chemische Verbindung CH4. Aber ein Großteil des in den USA geförderten Gases wird durch die Frackingmethode gefördert, ähnlich sieht es bei Importen aus dem Mittleren Osten aus. Es gibt meines Wissens kein Land, das ,frackingfreies‘ Erdgas verkauft“, sagt Amro.

IW-Chef Hüther sagte am Mittwoch, es sei auch „moralisch geboten, hierzulande alles zu tun, bevor wir andere - wie die USA - zu verstärktem Fracking mit größerer Umweltwirkung und hohen Transportkosten verpflichten“.

Mehr als 20 000 Frackingmaßnahmen werden in den USA jährlich durchgeführt, teilweise in Tiefen von nur 600 Metern. „Ich wäre für eine Zulassung ab maximal 1000 Metern Tiefe, um jegliche Gefährdung des Grundwassers auszuschließen“, so Amro. mit dpa

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