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„Dass Atomkraft künftigen Generationen keine Lasten aufbürdet, ist gleich mehrfach falsch“

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Von: Steven Geyer

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Ein Satellitenfoto zeigt das Atomkraftwerk Fukushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.März 2011.
Ein Satellitenfoto zeigt das Atomkraftwerk Fukushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.März 2011. © DigitalGlobe/dpa

Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, bewertet die Atomkraft kritisch.

Frau Paulini, bis zu diesem Freitag mussten die EU-Mitgliedsstaaten ihre Stellungnahmen zu den Plänen der EU-Kommission einreichen, die Erdgas und Atomkraft als nachhaltig einstufen will. Die wissenschaftliche Grundlage kam von der Forschungsstelle der EU, die Kernenergie als klimaneutral und überwiegend harmlos bezeichnet. Die Bundesregierung lehnt das ausdrücklich ab. Rein wissenschaftlich betrachtet: Wer hat recht?

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat bereits im vorigen Jahr im Auftrag des Bundesumweltministeriums an einem Gutachten mitgearbeitet, das die Bewertung der EU-Forschungsstelle intensiv geprüft hat. Unser Ergebnis ist eindeutig: Die EU-Forscher haben mit einem verkürzten Nachhaltigkeitsbegriff gearbeitet und zugleich das Risiko der Technologie nicht umfassend betrachtet, ebenso wenig die Langzeitfolgen.

Kohlekraftwerke stoßen deutlich mehr CO2 aus als Atomkraftwerke. Wieso soll das verkürzt sein?

Nachhaltigkeitskriterien betreffen ja nicht nur den Klimaschutz, sondern auch andere Umweltschäden: In Bezug auf die Nutzung der Kernenergie beginnt das beim Uranabbau und endet bei der offenen Endlagerfrage. Aber vor allem hat die EU-Forschungsstelle die größte Gefahr nicht ausreichend betrachtet: das Unfallrisiko. Die Technik ist nicht sicher, das haben die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima leider bewiesen – und damit müssen wir auch in Zukunft rechnen.

Inge Paulini, Toxikologin, ist seit dem Jahr 2017 Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Inge Paulini, Toxikologin, ist seit dem Jahr 2017 Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz. © Holger Kohl / BILDKRAFTWERK

Die EU sieht Klimaschutz als Frage der Generationengerechtigkeit – und Atomkraft wegen ihrer CO2-Bilanz im Vorteil.

Dass Atomkraft künftigen Generationen keine Lasten aufbürdet, ist gleich mehrfach falsch. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit existiert kein stabiles, sicheres Endlager für den Atommüll. Gerade Fukushima hat zudem gezeigt, dass psychosoziale, gesellschaftliche und ökonomische Folgen nach einer schweren nuklearen Katastrophe die Strahlenfolgen bei weitem übersteigen können. Nach einem Super-GAU müssen die Menschen ganz plötzlich ihre Heimat verlassen und können zum Teil nie wieder heimkehren, Familien und Gemeinschaften werden zerrissen, Menschen verlieren ihre Arbeit. Das hat erhebliche Auswirkungen, die großen Schmerz und hohe Kosten verursachen.

In Ihrer gemeinsamen Stellungnahme mit dem „Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“ bemängeln Sie, das EU-Gutachten berücksichtige „die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zum Teil nicht korrekt“. Wie kann es bei einer EU-Forschungsstelle zu solchen Mängeln kommen?

Die EU-Kommission selbst schreibt in ihrem Taxonomie-Entwurf, es sei beispielsweise nicht der Auftrag an die Forscher gewesen, auch das Risiko nuklearer Unfälle zu erfassen. Aus der Studie kann nicht abgeleitet werden, was im Auftrag gar nicht enthalten war.

Interview: Steven Geyer

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