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Das Ich als Skulptur

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Von: Susanne Ebner

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„Ich lebe als Kunstwerk“, sagt Lismore. Fabio De Paola/PA Wire
„Ich lebe als Kunstwerk“, sagt Lismore. Fabio De Paola/PA Wire © Fabio De Paola

Der britische Designer Daniel Lismore zeigt in seiner Heimatstadt Coventry seine Kreationen. Und stellt auch sich selbst aus. Annäherung an einen, der verwirren und versöhnen will

Als Daniel Lismore an diesem sonnigen Vormittag im Herbert Art Gallery and Museum in Coventry in seiner fliederfarbenen Kreation durch die lichtdurchflutete Eingangshalle schreitet, tut der großgewachsene Künstler dies mit Anmut.

Mit dem einer Tracht ähnelnden Kleidungsstück will er auf die Situation von Frauen in Syrien aufmerksam machen, erzählt der Künstler später. Zunächst jedoch richtet er mit sanfter Stimme einige Worte an die Gäste, die an diesem Tag angereist sind, um seine Ausstellung von „Be Yourself, Everyone Else Is Already Taken“, („Sei Du selbst, alle anderen gibt es schon“) in seiner Heimatstadt zu sehen. Diese Schau, sagt Lismore, „ist eine Reflexion meines Lebens, der Dinge, die ich gesehen und erlebt“, der Kleidung, die er getragen habe. „Denn ich lebe als Kunstwerk.“

Nach Stationen unter anderem in Australien und den USA ist es für den mittlerweile in London lebenden Künstler seine erste Ausstellung in Großbritannien. Doch wer ist dieser Designer, der so viele Menschen fasziniert?

Wenn man gemeinsam mit Lismore durch seine Ausstellung geht, die von dem britischen Fernsehsender BBC schon vor der Eröffnung als ein Highlight des Jahres bezeichnet wurde, merkt man schnell, dass der 37-jährige Brite nicht nur Kunst macht, sondern selbst auch Kunst ist.

Denn die Schau zeigt Abbildungen von ihm, gescannt und in Kunststoff gegossen, stilisiert wie eine Schaufensterpuppe, meist mit schwarz geschminkten, geschlossenen Augen und knallrotem Mund. Die 50 lebensgroßen „Skulpturen“, wie er es beschreibt, tragen Kreationen der letzten Jahre, die faszinieren und fordern. Mal gleicht die Haute Couture, die die Lismores tragen, einer Explosion von Farben mit goldenen Ketten und Perlen, dann wieder ist die fantasievolle Kleidung mit Fangnetzen, Treibgut und Federn bestückt.

die schau

Die Ausstellung „Be Yourself, Everyone Else Is Already Taken“ im Herbert Art Gallery and Museum in Coventry ist noch bis 26. Juni 2022 zu sehen. Tickets können auf der Homepage des Museums gebucht werden. Der Eintritt ist frei.
www.theherbert.org

Darüber hinaus zeigt die Schau in einem eigens dafür eingerichteten Raum nie zuvor gezeigte Erinnerungsstücke aus dem privaten Archiv des Künstlers: Fotos mit Boy George oder Pamela Anderson, Mode-Magazine und Bücher, die Lismore in den letzten Jahren gelesen, Bilder und Kritzeleien, die er mit Freunden in einer durchzechten Nacht angefertigt hat. In dem Raum duftet es nach einer seiner Parfum-Kreationen. In einem Bücherregal ist ein Schild zu sehen. Darauf steht: „Be yourself“, („Sei du selbst“).

Aber wer ist dieser Mann, der den Menschen sagt: „Sei Du selbst“? Und was will er mit seiner Schau erreichen? Danach gefragt, greift der Künstler im Gespräch eben dieses Motto auf: „Ich will die Menschen dazu ermutigen, sie selbst zu sein“ – natürlich ohne jemandem dabei zu schaden. Wenn ihm das nur bei einer einzigen Person gelänge, betonte er, dann habe er schon viel erreicht.

Es ist kein Zufall, dass ihm dies so ein wichtiges Anliegen ist. Denn Lismore, so erzählte er einst einer Modezeitung, wurde vor allem in seiner Kindheit und Jugend gemobbt. Besonders schlimm sei es gewesen, als er in die Schule ging, berichtete er damals. Also habe er viel Zeit alleine verbracht, habe gemalt und Dinge aus Ton hergestellt. „Ich glaube, dass dies einen großen Einfluss auf meine Arbeit hatte.“

Danach war Kleidung für den heute 37-Jährigen immer auch ein Mittel, um sich für die Welt da draußen zu wappnen. Seine exzentrische Mode ermöglichte es ihm, er selbst zu sein, „viele selbst zu sein“. Aus dieser Strategie wurde schließlich eine Karriere: Lismore wurde vom Model zum Designer und reiste um die Welt. Als Creative Director des Luxuslabels Sorapol kleidete er unter anderem Stars wie Mariah Carey, Naomi Campbell und Boy George ein. Jetzt können seine Entwürfe – vielleicht gar als Zeichen der Versöhnung mit seiner schwierigen Zeit als Jugendlicher – auch in seiner Heimatstadt Coventry bewundert werden.

Doch es gibt noch eine weitere Facette des Künstlers, die ihn zu etwas Besonderem macht. Seine Kleidungsstücke vermitteln auch politische Botschaften. So zeigt die Ausstellung unter anderem ein extravagantes schwarz-rotes Kleidungsstück, das er während Protesten für den Aktivisten und Whistleblower Julian Assange getragen hat. Dem Wikileaks-Gründer droht die Auslieferung in die USA, wo er wegen Geheimnisverrats angeklagt werden soll. „Julian ist ein sehr guter Freund von mir“, sagte Lismore, „und ich will darauf aufmerksam machen, dass in diesem Fall die Pressefreiheit auf dem Spiel steht.“

Aber auch andere gegenwärtige Themen sind dem Künstler wichtig, Umwelt und Nachhaltigkeit zum Beispiel. Kürzlich zeigte er sich außerdem mit seinem neuesten Entwurf auf Instagram: ein blaues, locker fallendes Kostüm. Daneben steht: „Unsere Regierungen tun nicht genug, um der ukrainischen Armee und den Menschen vor Ort zu helfen. Schreiben Sie an Ihre Abgeordneten, machen Sie Lärm. Wenn Sie Russe sind, gehen Sie auf die Straße.“

Man selbst zu sein, so zeigt sich in diesen Tagen, bedeutet für Lismore demnach nicht nur, sich so zu zeigen, wie man ist, sondern auch, Verantwortung zu übernehmen.

Kreaturen in Kreationen: In der Galerie sind 50 lebensgroße Figuren zu sehen. Fabio De Paola/PA Wire
Kreaturen in Kreationen: In der Galerie sind 50 lebensgroße Figuren zu sehen. Fabio De Paola/PA Wire © Fabio De Paola
Pop-Art, Politik und Haute Couture wird Kunst. colin douglas gray
Pop-Art, Politik und Haute Couture wird Kunst. colin douglas gray © Colin Douglas Gray

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