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Das Ende des kostenlosen Versands

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Von: Johanna Apel

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Die Kundschaft kauft immer mehr per Handy ein.
Die Kundschaft kauft immer mehr per Handy ein. © imago images/Geisser

Weil sich das Kaufverhalten verändert hat, führt der Modehändler Zalando europaweit einen Mindestbestellwert ein. Andere Unternehmen der Branche machen es ähnlich.

Deutsche Kundinnen und Kunden von Europas größtem Mode-Versandhändler müssen sich auf eine Neuerung einstellen: Zalando führt den Mindestbestellwert ein. Konkret heißt das: Wer Ware unter einem Wert von 24,90 Euro kauft, muss dafür jetzt 4,90 Euro Versandgebühren zahlen. Bisher war die Zalando-Lieferung in Deutschland kostenlos – und zwar unabhängig von der Bestellmenge. Für Zalando-plus-Mitglieder gilt das auch weiterhin.

Die Retoure ist unter bestimmten Bedingungen hingegen weiterhin kostenlos. Lag der Kauf unter dem Mindestbestellwert von 24,90 Euro und wurde deshalb eine Liefergebühr bezahlt, wird diese erstattet, wenn die komplette Bestellung zurückgeht. Das teilt das Unternehmen auf seiner Internetseite mit.

Zalando begründet den Schritt mit dem veränderten Kaufverhalten: Kundinnen und Kunden würden immer häufiger über das Smartphone einkaufen, sagte eine Unternehmenssprecherin. „Das führt dazu, dass sie vermehrt kleinere, niedrigpreisige Einkäufe tätigen, statt Artikel in ihren Warenkörben zu sammeln und dann zu einem späteren Zeitpunkt zu bestellen.“ Um die Kosten pro Bestellung zu „optimieren“, wolle Zalando deshalb Anreize schaffen, den Einkauf zu bündeln und die Warenkörbe zu vergrößern.

Den Mindestbestellwert hatte Zalando zuvor bereits in Ländern wie Frankreich eingeführt. In den neun Märkten, in denen das Modell bisher schon griff, seien die Erfahrungen positiv gewesen, sagte die Zalando-Sprecherin. „Sowohl die durchschnittlichen Warenkorbgrößen als auch der Gewinnbeitrag sind gestiegen.“ Ein Mindestbestellwert für kostenlosen Versand gilt von jetzt an in allen 25 Ländern, in denen Zalando aktiv ist – und somit auch in Deutschland.

Weniger Kaufkraft

Der Einzelhandel rechnet in diesem Jahr mit schrumpfenden Umsätzen. „Die steigende Inflation schmälert die Kaufkraft der Kundinnen und Kunden massiv“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Dienstag in Berlin. Aufgrund der hohen Inflation würden die Umsätze des Einzelhandels zwar auch in diesem Jahr nominal um drei Prozent auf 607 Milliarden Euro steigen, prognostizierte der HDE. Real – also inflationsbereinigt – bedeute dies jedoch Umsatzeinbußen von zwei Prozent.

Auf den Onlinehandel dürfte der Löwenanteil des Wachstums entfallen. Seine Umsätze könnten laut HDE um 12,4 Prozent auf gut 97 Milliarden Euro steigen. Der stationäre Handel dürfte um 1,4 Prozent auf knapp 510 Milliarden Euro zulegen und damit Marktanteile an den Onlinehandel verlieren. dpa

„Der Kunde soll dafür sensibilisiert werden, möglichst nicht kleinteilig zu bestellen und Kaufvorhaben bestmöglich zu bündeln“, sagt ein Sprecher des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (BEVH) auf Anfrage zu dem Vorstoß. „Das reduziert Versandverkehre.“ Je nach Branche könnten die Vor- und Nachteile variieren, einen solchen Schritt zu gehen. „Am Ende liegt die Entscheidung einzig beim Unternehmen, ob sich ein Mindestbestellwert lohnt“, sagt er. Für den Kunden müsse das nicht zwangsläufig von Nachteil sein: „Händler kennen die durchschnittliche Warenkorbgröße und können genau abwägen, welche Mindestbestellhöhe ihre Kunden ohnehin erreichen.“

Das sieht Zalando offenbar genauso. Die „überwiegende Mehrheit“ der Kundinnen und Kunden sei von der neuen Regelung sowieso nicht betroffen, führt die Unternehmenssprecherin aus. Der Grund: Die Größe des Warenkorbs übersteige in der Regel den Grenzwert von 24,90 Euro.

Der Schritt dürfte auch ein Versuch des angeschlagenen Unternehmens sein, wieder an Fahrt zu gewinnen. Erst kürzlich hatte Zalando angesichts der abnehmenden Kauflust seine Jahresprognose anpassen müssen, die Zalando-Aktie rutschte ab.

Das Kaufverhalten hat sich verändert: Zum Wegfall von Corona-Beschränkungen kommen sommerliche Temperaturen, die die Menschen in die Innenstädte locken. Der Online-Handel kriegt wieder stärkere Konkurrenz aus der Fußgängerzone.

Dass Mode-Versandhändler einen Aufpreis für die Lieferung verlangen, ist allerdings kein Novum. Die Mehrheit der Branchengrößen erhebt bereits Gebühren. So verlangt die schwedische Modekette H&M Versandgebühren, die je nach Mitgliedschaft variieren. Auch Otto oder Bonprix verlangen dafür einen Aufschlag. Allerdings haben zuletzt auch andere Anbieter nachgezogen und Preismodelle eingeführt: Zara und das japanische Mode-Unternehmen Uniqlo erheben jetzt Gebühren für die Retoure. Kostenlos bleiben Versand und Retoure hingegen beim Otto-Tochterunternehmen About You.

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