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Corona-Lockdown: Eine chinesische Stadt schreit um Hilfe

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Von: Fabian Kretschmer

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Yingtan, fast menschenleer – und das ist noch eine freundliche Ansicht des Stadtzentrums. Foto: imago images.
Yingtan, fast menschenleer – und das ist noch eine freundliche Ansicht des Stadtzentrums. Foto: imago images. © IMAGO/View Stock

Nach wie vor verfolgt die Volksrepublik China ihre harte „Null Covid“-Strategie: In Yingtan wird ein Lockdown zum Horror-Trip – das Misstrauen gegen die Behörden sitzt tief.

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die Nachrichten auf den chinesischen Online-Plattformen Wechat und Weibo, im Sekundentakt kamen erboste Kommentare. Sie stammen von Menschen aus Yingtan, einer südchinesischen Kleinstadt,in der vor rund zwei Wochen ein Lockdown verhängt wurde.

Auf einigen Bildern ist ein Mädchen zu sehen, das – offenbar ohne Begleitung der Eltern – auf dem Boden eines Rohbaus sitzt, der als Quarantänelager dient. Andere Fotos zeigen gebrechlich wirkende Alte ebenfalls auf dem Boden liegend, da alle Feldbetten schon belegt sind. Einer der Hilferufe via Weibo: „Unsere Stimmen werden unterdrückt! Bitte schenkt uns Beachtung!“

Nach wie vor verfolgt die Volksrepublik China ihre harte „Null Covid“-Strategie, bei der selbst kleinste Ausbrüche des Coronavirus mit Lockdowns, Massentests und Quarantäne eingedämmt werden. In den ersten zwei Jahren der Pandemie hat dies auch funktioniert, wobei die Opfer für die Einzelnen zumeist immens waren. Doch spätestens seit Omikron stoßen die chinesischen Vorkehrungen an ihre Grenze.

Denn wer dieser Tage auf die Landkarte der Volksrepublik blickt, sieht einen Flickenteppich aus Dutzenden Städten, in denen sich kleinere Infektionsstränge ausbreiten. Laut den Berichten der Staatsmedien und den Pressekonferenzen der nationalen Gesundheitskommission ist die Lage allerdings grundsätzlich unter Kontrolle. Von den Schattenseiten erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas. Doch wie verlässlich sind die offiziellen Angaben tatsächlich?

Wer den Bürger:innen aus Yingtan zuhört, bekommt zumindest Zweifel. „Die Schwere der Epidemie in Yingtan ist unvorstellbar und die tägliche Zahl neuer Fälle übersteigt die offiziellen Daten bei weitem“, schreibt etwa ein Nutzer: „In vielen Dörfern der Stadt mangelt es an Gütern des täglichen Bedarfs, Medikamenten und Personal.“

Tatsächlich ist es nahezu unmöglich, die Berichte aus den sozialen Medien unabhängig zu überprüfen – nicht zuletzt, weil die „Null Covid“-Strategie Inlandsreisen insbesondere in Risikogebiete de facto unmöglich macht. Doch der Fall Yingtan verdeutlicht, dass Chinas Staatsapparat Unmengen an Energien darauf verwendet, das wahre Ausmaß der Pandemie vor der eigenen Öffentlichkeit unter Verschluss zu halten. Denn in den traditionellen Medien wird die desolate Lage nicht aufgegriffen. Und im Internet sorgt der Algorithmus dafür, dass sich die kritischen Meldungen nicht zu prominent verbreiten. Notfalls setzt die Zensur mit dem digitalen Löschstift an.

„Ohne die Infektion meiner Verwandten hätte ich nie gewusst, dass die epidemische Lage so ernst ist“, schreibt ein Anwohner auf Weibo: „Jeden Tag trifft es mehr als eine Person, die ich kenne.“

Laut offizieller Statistik halten sich die Corona-Zahlen in Yingtan hingegen in Grenzen. Am Mittwoch waren es 26 Infizierte, Dienstags nur acht. Ob die Lokalregierung bewusst ihre Angaben manipuliert, lässt sich anhand anekdotischer Social-Media-Beiträge nicht belegen. Doch sie zeigen deutlich, wie tief das Misstrauen teilweise gegen die Behörden ist. Und dieses ist nicht unbegründet, schließlich gibt es außerhalb des eigenen Parteiapparats kaum mehr eine unabhängige Kontrollinstanz, die offizielle Angaben überprüfen kann.

„Nur ein oder zwei bestätigte Fälle werden pro Tag berichtet, aber was ist die Realität?“, fragt ein erboster Nutzer auf Weibo: „Jeden Tag fahren die Menschen in Bussen in Quarantäne!“

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