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„Bin im Tunnel, kein Empfang“

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Außerhab großer Städte wie Berlin ist das Netz in Zügen oft schwach.
Außerhab großer Städte wie Berlin ist das Netz in Zügen oft schwach. © imago images/photothek

Die Deutsche Bahn und Vodafone wollen gemeinsam für besseres Internet im Zug sorgen.

Eigentlich eine Win-win-win-Situation. Auf der Dienstreise ganz bequem im ICE die Nachrichten im Mail-Eingang bearbeiten. Während draußen die Landschaft vorbeirauscht. Hier ein Tweet, da ein Video-Call mit Kollegen. Und zur Entspannung danach vielleicht noch eine Folge der Lieblings-Netflix-Serie anschauen.

Der Zug als Büro, Konferenzraum und Entspannungsort – als mobiler Lebensraum der gesteigerten Kategorie. So hat es Bahn-Chef Richard Lutz schon mehrfach beschworen. Doch das ist bislang eher graue Theorie. Bahnfahrer:innen erleben auf vielen Strecken noch immer die typischen Symptome des Ich-hab-kein-Netz-Zeitalters.

Doch bald soll es besser werden. Nutzer:innen, Bahn und Mobilfunker (Win-win-win) sollen von lückenlosen Funkverbindungen profitieren. Der Digitalkonzern Vodafone und die Deutsche Bahn haben am Freitagmorgen eine „Infrastrukturpartnerschaft“ bekannt gegeben. Zum Zwecke des Aufbaus eines lückenlosen Netzes für mobiles Internet entlang der Schienenstränge mit vielen Fahrgästen.

Auf den 7800 Kilometer langen Hauptstrecken, dort fahren der Intercity Express und der Intercity, soll es bis Mitte 2025 Übertragungsgeschwindigkeiten von mindestens 225 Megabit pro Sekunde geben – das ist schneller als derzeit bei den meisten hiesigen Festnetzanschlüssen. Die höchste Ausbaustufe der 5G-Mobilfunktechnik (5G+) soll zum Einsatz kommen. Das bringt nicht nur hohe Bandbreiten, sondern auch enorm kurze Reaktionszeiten. „Videokonferenzen funktionieren dann noch ruckelfreier“, heißt es. Läuft alles nach Plan, können Bahnfahrer:innen dann auch Onlinespiele in virtuellen Realitäten spielen.

Neun von zehn Bahnreisenden nutzen laut Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter unterwegs das mobile Internet. Sie ärgerten sich noch immer viel zu häufig über nervige Funklöcher. Jetzt werde endgültig Abhilfe geschaffen und eines der größten Ärgernisse für viele Millionen Pendler:innen und Reisende behoben. Dafür soll die Funktechnik mit mehr als 1000 Einzelprojekten entlang der Haupt- und Nebenstrecken aufgerüstet werden, bis 2024 soll es eine „nahezu durchgängige“ Mobilfunkversorgung in den Zügen geben. „Wir legen mit den zusätzlichen Ausbaumaßnahmen an den Gleisen direkt los, so dass Bahnreisende schon deutlich früher als 2025 deutliche Verbesserungen bemerken werden“, sagte Ametsreiter dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Enthusiastisch zeigte sich Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP): Heute sei ein guter Tag für den Digitalstandort Deutschland, sagte er bei der Vorstellung der Pläne: „Eine Steigerung der Attraktivität der Deutschen Bahn ist immer auch ein Beitrag, um unsere CO2-Reduktionsziele zu erreichen.“

Der Grund für die bislang dürftige Qualität des Mobilfunks im Zug: „Der Netzausbau an den Zugstrecken ist extrem herausfordernd, vor allem in Tunneln oder Naturschutzgebieten“, erläutert Ametsreiter, der zugleich den Weg zum Besseren weist: „Gemeinsam mit der Deutschen Bahn beschleunigen wir nun Genehmigungsprozesse und die Anbindung neuer Stationen, um schnelles Netz noch schneller an die Gleise zu bringen.“ Konkret bedeutet dies, dass die Bahn unter anderem entlang der Schienen Glasfaserleitungen verlegt, an die die Funkmasten von Vodafone angeschlossen werden. Es braucht starke Signale, denn die Personenwaggons sind im Grunde Mobilfunkabwehrfahrzeuge. Vor allem die speziellen Scheiben lassen kaum die digitalen Impulse durch.

Hinzu kommt, dass die hohen Geschwindigkeiten – insbesondere beim ICE – das Funken erschweren. Das macht unter anderem den Einsatz von Verstärkern, sogenannten Repeatern, am Zug nötig. Der sehr hohe Aufwand und die entsprechenden Kosten für hohe Qualität hatten die Mobilfunker dazu gebracht, die Masten entlang des Schienenstrangs mit spitzen Fingern anzufassen.

Wobei die Bundesregierung in Berlin schon vor Jahren die Zügel angezogen hatte – zumindest ein bisschen. Anfang 2020 mussten die Netzbetreiber einigermaßen schnelle Internetverbindungen für alle hiesigen Hauptverkehrswege nachweisen. Das ist ihnen gelungen, hat aber nur beschränkte Aussagekraft. Denn gemessen wurden Download-Geschwindigkeiten direkt an den Masten, nicht in den Zügen. Tests des Fachmagazins „Connect“ ergaben hingegen im vorigen Herbst, dass sich die Erfolgsquote beim Abrufen von Youtube-Videos im fahrenden Zug bei allen drei Netzbetreibern (Vodafone, Deutsche Telekom, Telefonica/O2) sogar verschlechtert hat.

Ein maßgeblicher Grund dafür waren die zahlreichen Baustellen der Bahn: Mehr Züge mussten auf weniger befahrene Nebenstrecken umgeleitet werden, wo es mit der Konnektivität besonders finster aussieht.

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