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Beliebtes Stangenbrot

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Von: Stefan Brändle

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Die Unesco erklärt das Baguette zum Weltkulturerbe.

1896 machte der englische Musikhistoriker Louis Charles Elson in Paris eine „seltsame“ Entdeckung, wie er notierte: Auf den Boulevards kreuzte er zur Essenszeit „Hausgehilfinnen, die mit langen Brotstangen unter dem Arm nach Hause eilten“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Am Mittwoch hat die Kultur- und Bildungsorganisation der UNO (Unesco) das 250 Gramm leichte Stangenbrot, ohne das Frankreich nicht Frankreich wäre, ins immaterielle Kulturerbe der Welt eingereiht, ebenbürtig der Chinesischen Mauer oder der Akropolis in Athen.

Der „französische Stolz ist gerettet“, kommentierte die Zeitung „Le Parisien“. Denn wer würde leugnen, dass Baguette längst nicht nur eine Frage des Appetites, sondern der Weltanschauung ist? Dass es glücklich macht, sich am Feierabend in die Baguette-Express-Schlange seiner Pariser Boulangerie zu stellen, einen Euro in den Holzteller zu werfen und seine Vorliebe zu nennen – etwa „bien cuite“ (durchgebacken) –, um dann zu Hause ein Stück der Stange abzubrechen und in die abendliche Suppe zu tunken?

Deshalb ehrt die Unesco nicht das 40 bis 50 Zentimeter lange Gebilde an sich, sondern die Kultur des Baguettes. Wie sie entstanden ist, vermochte das Welterbe-Komitee in Rabat (Marokko) nicht zu sagen. Die Hauptthese lautet, französische Bäcker:innen hätten dünneres Brot backen müssen, weil ihnen die Regierung untersagte, den Ofen vor vier Uhr in der Früh anzuheizen. Andere führen das leicht zu stapelnde Brot auf die Napoleon-Feldzüge zurück. Erlaubt sind vier Zutaten: Mehl, Wasser, Salz und Hefe.

Als 1978 der Baguette-Preis freigegeben wurde, schossen in Frankreich Baguette-Fabriken aus dem Boden. Die Zahl der Bäckereien sank von 54 000 auf 35 000. Heute stabilisiert sich die Zahl dank der Anstrengungen traditioneller Boulangerien. Zwölf Millionen Baguettes werden in Frankreich täglich verkauft; Tendenz: stabil.

Auf dem Land finden sich heute mangels Bäckereien vermehrt Baguette-Apparate. Viele rümpfen darüber die Nase, doch Anwohner:innen sagen nicht Nein, wenn sie am Morgen ein frisches, vom Bäcker geliefertes Baguette aus dem Schlitz ziehen. Das jetzt auch noch Weltkulturerbe ist!

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