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Bau vor schweren Zeiten

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Von: Johanna Apel

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Aushubarbeiten für ein Neubaugebiet: Das gleiche Geld reicht jetzt für weniger Gebäude, Brücken und Straßen.
Aushubarbeiten für ein Neubaugebiet: Das gleiche Geld reicht jetzt für weniger Gebäude, Brücken und Straßen. © imago

Der Hauptverband der Branche senkt erneut massiv die Jahresprognose. Auch die Gewerkschaft schlägt Alarm und warnt die Unternehmen vor dem „Gastronomie-Effekt“.

Auf Deutschlands Baustellen wird die Lage zunehmend ernster. Zwar sind die Auftragsbücher weiterhin gefüllt, aber die Branche ächzt unter steigenden Energiekosten, hohen Inflationsraten und Materialknappheit. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie korrigiert nun seine Jahresprognose kräftig nach unten. „Wir halten einen realen Umsatzrückgang von fünf Prozent für realistisch“, sagte Präsident Peter Hübner dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Dabei war der Verband noch optimistisch ins neue Jahr gestartet. Für 2022 rechnete man damals mit einem Plus von 1,5 Prozent. Wenige Monate später – Russland war mittlerweile in der Ukraine einmarschiert – folgte die Korrektur: Die Prognose wurde auf minus zwei Prozent gesenkt.

Und nun geht es um ein Minus von fünf Prozent. Wohlgemerkt ist der reale Umsatz gemeint, die Inflation ist also eingerechnet. Ein Blick auf den nominalen Umsatz, der Preissteigerungen noch nicht einkalkuliert, zeichnet zunächst ein positiveres Bild: Von Januar bis Juli kletterte er um 11,6 Prozent nach oben.

Das liegt laut dem Verband allerdings daran, dass die Baufirmen ihre Werte nicht preisbereinigen. „Das gleiche Geld reicht jetzt für weniger Gebäude, Straßen und Brücken“, erklärt Hübner. Das Besondere sei derzeit, dass es einen solch großen Unterschied zwischen dem realen und dem nominalen Umsatz gebe. Denn gebaut werde weiterhin, allerdings explodieren die Kosten.

„Im Augenblick geht es dem Bau noch gut“, sagt Hübner deshalb. „Aber wir befürchten, dass den Bauherren das Geld ausgeht.“ Besonders im Auftragsbestand seien die gestiegenen Kosten ein Problem. Denn dort gebe es viele Festverträge, in denen die hohen Kosten noch nicht berücksichtigt seien. Erst bei Neuaufträgen könnten diese an die Bauherren weitergereicht werden. „Die Lage ist sehr unübersichtlich“, fasst Hübner das Stimmungsbild zusammen.

Am Dienstag will der Verband seine jüngsten Zahlen aus dem August vorlegen. Eine Trendwende ist dabei nicht zu erwarten. Zu düster das Bild, das die Bauwirtschaft aktuell abgibt. Und die Indikatoren, dass sich die Branche auf harte Zeiten einstellen muss, mehren sich. Erst kürzlich ergaben Umfragen des Ifo-Instituts eine regelrechte Stornierungswelle im Wohnungsbau.

Meldeten im August noch 11,6 Prozent der Bauunternehmen stornierte Aufträge, waren es demnach im September bereits 16,7 Prozent. „Aufgrund der explodierenden Material- und Energiepreise sowie der steigenden Finanzierungszinsen ist die Planungssicherheit dahin. Die Baukosten steigen immer weiter. Für einige Bauherren ist das alles nicht mehr darstellbar, sie stellen Projekte zurück oder ziehen ganz die Reißleine“, sagte Ifo-Forscher Felix Leiss dazu.

Die Gewerkschaft IG Bau beobachtet die Entwicklung ebenfalls mit Sorge. „Natürlich sind das keine guten Nachrichten“, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende Harald Schaum über die korrigierte Prognose der Bauindustrie. „Das heißt aber noch nicht, dass es jetzt der Bauwirtschaft plötzlich komplett schlecht geht“, so Schaum weiter. In den vergangenen Jahren sei dort unter mehr als Vollauslastung gearbeitet worden. „Das Baugewerbe wird nach wie vor gebraucht, ob im Wohnungsbau oder bei der Erneuerung der Infrastruktur“, sagt er.

Und er sieht noch ein ganz anderes Problem: „Ein Grund für Behinderungen in der Bautätigkeit ist hausgemacht, das ist der Fachkräftemangel“, kritisiert der Gewerkschaftler. Berufe in der Baubranche müssten attraktiver gestaltet werden und die Bauwirtschaft aufpassen, dass nicht der „Gastronomie-Effekt“ eintritt – also dass Leute abwandern und nicht mehr wiederkommen. Arbeitgeber und Politik müssten die entsprechenden Stellschrauben drehen, um gut durch die Krise zu kommen.

Auch Peter Hübner sieht die Politik in der Pflicht. Angesichts der anstehenden Haushaltsverhandlungen müsse sie mehr Mittel für die Bauwirtschaft in die Hand nehmen, auch wegen des Wohnraummangels: Schließlich hält die Bundesregierung weiter an dem Ziel fest, jährlich 400 000 Wohnungen zu schaffen – auch wenn sich die Stimmen mehren, dass das zunehmend unmöglich werde. Auch Hübner hat seine Zweifel. „Die 400 000 Wohnungen sind für dieses Jahr sowieso, aber auch für das nächste Jahr unrealistisch“, sagt er.

Allerdings sei gut, dass sich Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) dieses Ziel überhaupt gesetzt habe und daran festhalte. Der Bedarf sei schließlich da, so Hübner.

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