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Auf glühenden Kohlen

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Von: Susanne Ebner

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Becker gestern am Southwark Crown Court in London. dpa
Becker gestern am Southwark Crown Court in London. dpa © dpa

Der Prozess gegen Boris Becker neigt sich dem Ende zu – wie er ausgeht, ist weiterhin offen

Boris Becker hat als Tennisspieler immer bis zuletzt gekämpft. Mit Leidenschaft. Authentisch. Emotional. Dafür liebten ihn die Deutschen, viele tun es noch – oder interessieren sich zumindest für ihn. Dies spiegelt sich auch gestern in dem großen Interesse an der Gerichtsverhandlung und überdies in dem Verhältnis der Medienvertreter vor Ort. Denn auf eine oder einen britischen kamen etwa zwei deutsche Journalistinnen und Journalisten, von denen einige keinen Tag des Prozesses im Southwark Crown Court im Zentrum Londons verpasst haben. Diese Woche wird es besonders spannend. Denn die Verhandlung neigt sich dem Ende zu.

Dass Becker dieses mediale Interesse gefällt ist unwahrscheinlich. Schließlich geht es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um seine Freiheit, seine Zukunft. Dem 54-Jährigen wird vorgeworfen, während eines Insolvenzverfahrens gegen ihn, welches im Juni 2017 seinen Anfang nahm, Vermögenswerte nicht ordnungsgemäß angegeben haben, darunter unter anderem Davis-Cup-Medaillen aus den Jahren 1988 und 1989 und seine olympische Goldmedaille aus dem Jahr 1992, eine Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea sowie zwei Wohnungen in Deutschland. Becker weist die Vorwürfe zurück. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft.

„Ich bin ein Mensch, der niemals aufgibt“, sagte er im Vorfeld des Prozesses in einem Interview. Und weckte mit diesem Satz womöglich nicht zufällig Erinnerungen an bessere Zeiten. Doch vor Gericht entstehen andere Bilder. Becker sitzt während der Verhandlung in einem fensterlosen Gerichtssaal in einer Art Glaskasten oder, im Rahmen der Befragung, auf einem Dreh-Bürostuhl. Der Teppich ist fleckig, ebenso die Tapete. Glanzvoll ist das nicht.

Doch welche Strategie verfolgten sein Verteidiger Jonathan Laidlaw und die Staatsanwältin Rebecca Chalkley, während sie Becker in den letzten zwei Wochen zu Themen befragten, über die keiner reden will – erst recht nicht öffentlich? Und wie ging die Tennis-Legende damit um?

Mitunter aggressiv befragt

Verteidiger Laidlaw, ein Mann, der seine Fragen stets betont höflich stellt, versuchte den Eindruck erwecken, dass Becker seit seiner Jugend keinen Überblick über seine Finanzen gehabt und sich überdies auf seine Berater verlassen habe. „Ist das etwas, das sie bis zuletzt so gehandhabt haben?“, wollte er einmal von Becker wissen. „Leider ja“, antwortete dieser. In der Folge sei der einstige Tennis-Star dann vom Insolvenzverfahren überrascht worden.

Die Staatsanwaltschaft pochte im Gegensatz dazu vehement darauf, Becker müsse gewusst haben, dass sich Probleme anbahnten. Dabei zitierte Chalkley immer wieder Schreiben, die an Becker persönlich adressiert waren und von der Behörde stammen, die seine Bankrotterklärung verwaltete. Sie behauptete, dass er diese Briefe selbst geöffnet habe. Becker bestritt dies.

Darüber hinaus soll Becker laut Staatsanwaltschaft im Laufe der Jahre mehr Zeit gehabt haben, um sich um seine Finanzen zu kümmern und außerdem selbst Verträge ausgehandelt haben. Einmal sagte Chalkley, die im Verlauf des Prozesses zunehmend offensiv, mitunter aggressiv auftrat: „In diesem Formular bezeichnen Sie sich als Geschäftsmann.“ Becker erwiderte: „Ich würde mich nie als Geschäftsmann bezeichnen.“ Darauf Chalkley: „Sie waren vielleicht nicht der Mann, der den Stift gehalten hat. Aber sie hätten es korrigieren können.“

Interessant wurde es gestern als die Staatsanwältin ihn dazu befragte, ob er kurz nach der Benachrichtigung über die Insolvenz eigene Recherchen zu den Regeln einer Bankrotterklärung getätigt habe. Becker erklärte, dass er darüber ausschließlich mit seinen Beratern besprochen habe. Chalkley behauptete daraufhin, dass das nicht stimmt, da er kurz nach der Eröffnung des Verfahrens und vor der Rücksprache mit seinen Beratern von einem Amt als Direktor eines Unternehmens zurückgetreten sei. Ein Schritt, der ihrer Auslegung nach nur dann Sinn ergibt, wenn er eigene Erkundigungen zu den Regeln einer Insolvenz unternommen habe. Becker wies auch diese Anschuldigungen zurück.

Becker wirkte während dieser Befragungen häufig gestresst, verlor aber bislang nie die Fassung. Er blieb seiner Argumentation treu. Er habe nicht gelogen und nichts verschleiert. Doch reicht das für eine Bewährungsstrafe oder gar einen Freispruch? Heute erfolgen wohl die Plädoyers durch Verteidigung und Staatsanwaltschaft und am Mittwoch die Zusammenfassung des Falles durch die Richterin. Dann entscheidet die Jury darüber, in welchen Punkten Becker schuldig gesprochen wird. Wenn die Befragung von Becker durch die Staatsanwaltschaft abgeschlossen ist, kann er nicht mehr kämpfen. Nur noch warten.

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