1. Startseite
  2. Hintergrund

Auf der Suche nach neuen Freunden

Erstellt:

Von: Andreas Niesmann

Kommentare

Bittsteller: Wirtschaftsminister Robert Habeck (2.v.l.) und Saad Scharida al-Kaabi (2.v.r.), Energieminister von Katar, treffen sich zusammen mit Claudius Fischbach (l.), Botschafter Deutschlands in Katar, im Hotel Sheraton zu einem Gespräch.
Bittsteller: Wirtschaftsminister Robert Habeck (2.v.l.) und Saad Scharida al-Kaabi (2.v.r.), Energieminister von Katar, treffen sich zusammen mit Claudius Fischbach (l.), Botschafter Deutschlands in Katar, im Hotel Sheraton zu einem Gespräch. © dpa

Deutschland benötigt Alternativen zu russischem Gas. Wirtschaftsminister Robert Habeck besucht deswegen das Emirat Katar - und kann unerwartete Erfolge verkünden.

Am Sonntagmittag wirkt Robert Habeck regelrecht erleichtert. Der Tag habe „eine starke Dynamik“ bekommen, sagt der Bundeswirtschaftsminister. „Großartigerweise“ hätten Deutschland und Katar eine langfristige Energiepartnerschaft „fest“ vereinbart. Diese sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg, unabhängiger von russischem Gas zu werden.

Es ist heiß an diesem Tag in Doha. Nicht für katarische Verhältnisse, wohl aber für deutsche. Gegen Mittag klettert das Quecksilber auf 31 Grad. Im Garten eines Luxushotels nahe dem Meer hat Habeck Schutz unter ein paar Palmen gesucht und berichtet von seinem Gespräch mit Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, dem Staatsoberhaupt des öl- und gasreichen Wüstenstaats.

„Über die Maßen stark“ sei die Unterstützung des Emirs gewesen, berichtet Habeck. „Stärker als erwartet.“ Journalist:innen waren bei dem Gespräch nicht zugelassen, auf Fotos, die das Bundeswirtschaftsministerium im Anschluss verbreitet, wirkt der Monarch zugewandt. Freundlich lächelt er den deutschen Vizekanzler an.

Die betonte Herzlichkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Katar für Deutschland kein einfacher Partner ist. Die Al-Thani-Familie herrscht autokratisch, es gibt keine Opposition, keine Gewaltenteilung, keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.

Kritik entzündet sich auch immer wieder am Umgang Katars mit den Arbeitsmigrant:innen aus Indien, Bangladesch oder Pakistan, die etwa 90 Prozent der rund drei Millionen Einwohner:innen ausmachen und auf den zahllosen Baustellen Dohas in glühender Hitze schuften. Vertreter:innen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berichten von leichten Verbesserungen in den vergangenen Jahren, trotzdem ist die Lage vieler Arbeiterinnen und Arbeiter nach wie vor schlecht.

Das gilt auch für das Image Katars in Deutschland. Wenn der Zwergstaat in den deutschen Medien eine Rolle spielt, dann meist im Zusammenhang mit der Ende des Jahres stattfindenden Fußballweltmeisterschaft – und den Todesfällen auf den WM-Baustellen. Dass Katar über die drittgrößten und angeblich auch reinsten Erdgasreserven der Welt verfügt, dürften die meisten Deutschen noch nie gehört haben.

Warum auch? Sibirisches Pipeline-Gas war bislang billiger als katarisches Flüssiggas (LNG), außerdem verfügt Deutschland bis heute über keine Infrastruktur, um die großen Gastanker zu entladen. Entsprechend gering war das Interesse deutscher Energieversorger, sich am Golf einzudecken oder langfristige Lieferkontrakte einzugehen.

Auch die deutsche Politik hielt sich zurück. Der letzte Besuch eines deutschen Wirtschaftsministers war vor fünf Jahren, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste wegen der Corona-Pandemie einen geplante Visite gleich zwei Mal absagen. „Not amused“ soll die Königsfamilie darüber gewesen sein. Doch all das war vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. LNG aus Katar ist plötzlich auch in Deutschland ein begehrtes Gut.

Als deutsche Einkäufer in Doha anklopften, reagierte die katarische Seite zunächst reserviert. Man könne über alles reden, erfuhren die Vertreter von RWE und Co., allerdings benötigten derlei Geschäfte eine politischen Flankierung. Mit anderen Worten: Ein hochrangiger Regierungsvertreter musste an den Golf.

Das ist der Grund dafür, dass Habecks Leute in aller Eile eine Reiseroute planten, ein Programm erarbeiteten und eine Wirtschaftsdelegation zusammenstellten. Normalerweise dauert die Vorbereitung einer solchen Reise Wochen, dieses Mal mussten wenige Tage ausreichen.

Erdgas spielt in der deutschen Energiestrategie eine zentrale Rolle. Wenn Atom- und Kohlestrom nicht mehr produziert werden, soll der flüchtige Energieträger noch bis in die 2030er-Jahre die Grundlastfähigkeit garantieren. Die übergroße Abhängigkeit von Russland stellt die deutsche Strategie in Frage, weshalb Habeck derzeit nichts unversucht lässt, die Lieferstruktur zu diversifizieren.

Könnte Katar Russland als wichtigstes Lieferland ersetzen? Kurzfristig glaubt das niemand, dafür fehlen dem Land trotz gigantischer Reserven die Förderkapazitäten. 77 Millionen Tonnen jährlich pumpt Katar aus Meeres- und Wüstenboden, gut 80 Prozent werden als Flüssiggas nach Asien verschifft – zumeist auf Basis langfristiger Lieferverträge. In Europa sind vor allem Italien mit sechs Prozent und Großbritannien mit fünf Prozent Abnehmerländer. Wollte Deutschland einen Teil vom Kuchen abhaben, ginge das nur zulasten anderer Empfänger. Allerdings verfolgen die Katarer:innen ehrgeizige Ziele. Binnen fünf Jahren wollen sie die Förderung auf 126 Millionen Tonnen im Jahr erhöhen – eine Steigerung um gut 60 Prozent.

Die katarischen Expansionsabsichten ergänzen sich eigentlich perfekt mit den deutschen Plänen, zwei Flüssiggasterminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven zu bauen. Trotzdem hatte sich Habeck im Vorfeld der Reise bemüht, die Erwartungen zu dämpfen. Mit konkreten Ergebnissen sei nicht zu rechnen, eher mit atmosphärischen Verbesserungen. In erster Linie wolle er sich als „Türöffner“ betätigen, erklärte er.

Ob echte Skepsis oder bewusste Tiefstapelei – im Ergebnis hat der Minister mehr erreicht als gedacht. Ihm zufolge soll die nun vereinbarte Partnerschaft mit Katar nicht nur LNG-Lieferungen, von Katar nach Deutschland umfassen, sondern auch Aufträge für deutsche Unternehmen beim Ausbau erneuerbarer Energien in dem Emirat.

Und auch die Rechte der Arbeiter:innen habe er bei seinen Gesprächspartnern „vollumfänglich“ thematisiert, betont der Grünen-Politiker. Deren Reaktion? „Sie haben nicht den Raum verlassen, sondern sich meine Position aufmerksam angehört.“

Kommentar Seite 11

Auch interessant

Kommentare