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Auf dem Weg in die Endemie?

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Von: Laura Beigel

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Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen derzeit wieder rapide.
Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen derzeit wieder rapide. © dpa

Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen derzeit wieder rapide. Das birgt große Risiken – gibt aber auch Grund zur Hoffnung, dass eine breite Immunität in der Bevölkerung entstehen könnte.

Ich gehe davon aus, dass Omikron die Sars-CoV-2-Variante sein wird, die uns in die endemische Phase begleiten wird“, sagte der Virologe Christian Drosten im Dezember der „Süddeutschen Zeitung“. Er bezeichnete die Virusvariante als „das erste postpandemische Virus“. Bringt Omikron also die „Exit-Welle“? Zumindest mehren sich zuletzt die Hinweise, dass Drosten mit seiner Einschätzung richtig liegen könnte.

Während sich bei einer Pandemie, wie wir sie derzeit erleben, das Virus über Länder und Kontinente hinweg ausbreitet, würde es bei einer Endemie nur noch in einer bestimmten Region oder Population dauerhaft auftreten. Es wäre nicht verschwunden, sondern würde noch jahrelang in Teilen der Weltbevölkerung grassieren – im Sommer womöglich etwas schwächer, im Winter wieder etwas stärker.

„Mit Omikron ist das Erreichen der endemischen Lage wahrscheinlicher als bisher, weil die Virusvariante so extrem effizient in der Ausbreitung ist, dass sie jeden mit unzureichender Immunität treffen wird“, sagt auch Ralf Bartenschlager, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Virologie, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die erstmals Ende November in Südafrika nachgewiesene Mutante ist ansteckender als alle bisherigen Versionen des Coronavirus und verdrängt die in Deutschland dominierende Delta-Variante. Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft in seinem aktuellen Wochenbericht das Risiko, dass sich Ungeimpfte mit Omikron infizieren, als „sehr hoch“ ein.

Aber auch Genesene und doppelt Geimpfte haben aus Sicht des RKI ein hohes Infektionsrisiko. Denn Omikron kann die durch die Impfung beziehungsweise Erkrankung aufgebauten Immunantworten teilweise umgehen, wie mehrere internationale Studien gezeigt haben.

In den nächsten Wochen könnten somit neben Ungeimpften vermehrt auch Genesene und Geimpfte in Kontakt mit der Virusvariante kommen. „Früher oder später wird sich jeder mit Omikron infizieren“, ist Virologe Bartenschlager überzeugt.

Auf jede Infektion mit dem Coronavirus reagiert das menschliche Immunsystem mit der Bildung von Antikörpern, die sich an den Erreger binden und so verhindern, dass dieser in die Zellen eindringt. Gleichzeitig wird die Produktion von Gedächtniszellen angeregt, die sich das Virus merken, bei einer erneuten Infektion die Immunantworten beschleunigen und so einen anhaltenden Schutz aufbauen. Kommt es nun zu einer raschen Ausbreitung von Omikron und folglich zu einer hohen Zahl an Infizierten, könnte eine weitreichende Immunität in der Bevölkerung entstehen, die das Virus in Schach halten, wohl aber nicht eliminieren wird.

Nicht ohne Grund spricht Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Uni Genf, deshalb von einer kommenden „Exit-Welle“. Omikron könne „das ‚Ticket‘ in die endemische Situation“ werden, glaubt sie. Doch der Weg aus der Pandemie hin zur Endemie könnte noch sehr hart werden. Zumal es einige Unsicherheiten gibt. So ist nicht klar, ob Omikron wirklich die letzte besorgniserregende Variante sein wird, oder ob nicht doch noch ein ansteckenderer und gefährlicherer Nachfolger auftaucht. Für dieses Szenario spielt auch die Immunität in anderen Ländern eine Rolle. Denn in Staaten, wo noch viele Menschen dem Coronavirus schutzlos gegenüberstehen, ist das Risiko höher, dass sich neue Virusvarianten entwickeln. Diese könnten dann nach Deutschland eingeschleppt werden.

Aber selbst eine Durchseuchung mit Omikron birgt Risiken: „Wenn die Omikron-Welle ungebremst durch die Bevölkerungsschichten in Deutschland geht, wird eine endemische Phase relativ schnell erreicht“, sagt Bartenschlager, „das hätte aber einen zu hohen Preis.“ Denn eine Durchseuchung mit einer solch ansteckenden Virusvariante würde zu einer hohen Zahl an Infizierten führen, die sich wie ihre Kontaktpersonen in Quarantäne begeben müssten. Das könnte die kritische Infrastruktur unter Druck setzen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und seine Kolleg:innen der Länder plädieren daher dafür, die Quarantäne- und Isolierungszeit für Personal in wichtigen Versorgungsbereichen zu verkürzen, wenn ein negativer PCR-Test vorliegt.

Bei einer Durchseuchung mit Omikron besteht außerdem die Gefahr, dass Ungeimpfte oder Menschen mit Vorerkrankungen schwer erkranken können, was das Gesundheitssystem bei sehr hohen Infektionszahlen überlasten würde. Die Folge wären überfüllte Kliniken und steigende Sterbezahlen.

Zwar deuten Studien aus Großbritannien und Südafrika darauf hin, dass Omikron seltener zu schweren Krankheitsverläufen führt, auch bei Ungeimpften; aber das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung ist nicht auf null gesunken.

„Das Coronavirus wird sich hoffentlich so entwickeln, dass es nur noch selten schwere Verläufe verursacht“, hofft Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie der Uniklinik Essen, mit Blick auf die endemische Phase. Ein Gedanke, der keineswegs unrealistisch ist. Gibt es doch bereits vier Coronaviren, die zu den saisonalen, harmlosen Erkältungsviren gehören: HCoV-229E, HCoV-NL63, HCoV-HKU1 und HCoV-OC43. Sie können zwar mitunter schwere Lungenentzündungen hervorrufen, aber vorwiegend verursachen sie milde Symptome.

Genau so ein Erreger könnte auch Sars-CoV-2 werden. Erst wenn das Virus kaum noch schwere Krankheitsverläufe hervorruft, könne zudem auf Masken und das Abstandhalten verzichtet werden, meint Dittmer. Seine Hoffnungen gehen sogar noch ein Stück weiter: „Ich hoffe, dass sich das Coronavirus weiter abschwächt und noch harmloser wird als die Influenzaviren.“

Gegen die Grippe gibt es einen Impfstoff, der jährlich an die zirkulierenden Varianten der Influenzaviren angepasst werden muss. Ob eine regelmäßige Auffrischung auch bei Covid-19 notwendig sein wird, ist unklar. „Das ist jetzt der Fall, aber in welchem Rhythmus sich die Menschen auf Dauer nachimpfen lassen müssen, ist nicht vorherzusehen“, sagt der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek.

Bleibt die Frage, wann es zum Übergang von der Pandemie zur Endemie kommt. „Ich denke letztlich hängt es von dem Wechselspiel zwischen der jeweiligen vorherrschenden Virusvariante und der Immunität in der Bevölkerung ab, wann wir die endemische Phase erreichen werden“, erklärte Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Es wird keinen festen Punkt geben, an dem man sagt: Jetzt ist die Pandemie vorbei, und es beginnt die Endemie.“

Ähnlich schätzt es auch Virologe Dittmer ein. Die genetische Veränderung des Virus, die mit einer geringeren Krankheitsschwere einhergeht und eine breite Immunität seien entscheidend für den Übergang von der Pandemie zur Endemie. „Erst dann haben wir einen Punkt erreicht, wo wir das Virus einfach akzeptieren können, genauso wie wir andere Viren im Winter auch akzeptieren.“

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