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Astronaut Maurer: „Wir konnten den Krieg in der Ukraine mit eigenen Augen sehen“

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Von: Laura Beigel

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„Man lebt auf der ISS mit etwa fünf Prozent von dem, was man auf der Erde hat“, sagt Matthias Maurer. NASA/ESA-M.Maurer/dpa
„Man lebt auf der ISS mit etwa fünf Prozent von dem, was man auf der Erde hat“, sagt Matthias Maurer. NASA/ESA-M.Maurer/dpa © dpa

Esa-Astronaut Matthias Maurer über Raumfahrt in Krisenzeiten, Momente, in denen er sich ins All zurücksehnt und darüber, wie der Blick auf die Erde seine Weltsicht verändert hat.

Herr Maurer, wie ist es für Sie, wieder zurück auf der Erde zu sein?

Es ist schön. Vor allem für den Körper ist es wesentlich angenehmer, wieder der Schwerkraft ausgesetzt zu sein. Man verspürt nicht mehr diesen Druck im Kopf, weil sich die Flüssigkeiten verlagern. Und das Essen bleibt endlich wieder auf dem Teller liegen und schwebt nicht davon. Ich kann wieder frisches Obst und Gemüse essen, Angebratenes und Überbackenes – das gab es im Weltall alles nicht. Man lebt auf der ISS mit etwa fünf Prozent von dem, was man auf der Erde hat, und dann kommt man zurück und ist einfach überwältigt. Von den Gerüchen, den Farben, den Geschmäckern – alles ist wieder deutlich intensiver. Also es ist schon besser, auf der Erde zu sein. Trotzdem möchte ich meinen Aufenthalt im All nicht missen. Das war schließlich ein spektakuläres Abenteuer.

Gab es schon Momente, in denen Sie dachten: Ach, Mensch, jetzt wäre ich gerne wieder im All?

Eigentlich jedes Mal, wenn ich mich bewege und merke, wie viel mein Körper wiegt. In der Schwerelosigkeit zu schweben, war deutlich angenehmer. Im All war ich topfit. Und hier fühlen sich die Bewegungsabläufe an, als ob ich um einige Jahre gealtert bin. Ich habe mir aber sagen lassen, dass das ganz normal ist. Es dauert wohl drei bis sechs Monate, bis ich mich wieder hundertprozentig fit fühlen werde.

Was überwiegt am Ende: die Freude, wieder auf der Erde zu sein, oder die Wehmut, dass Ihre sechsmonatige Mission so schnell vorbeigegangen ist?

Es ist ein bisschen von beidem. Es war eine tolle Mission, auf die ich 13 Jahre hingearbeitet habe. Und im Endeffekt gingen die sechs Monate tatsächlich wie im Flug an mir vorbei. Ich brauche, glaube ich, jetzt ein bisschen Zeit, um zur Ruhe zu kommen, zurückzudenken und zu reflektieren, was eigentlich alles passiert ist.

Wir hatten vor Ihrem Aufbruch ins All miteinander gesprochen und da bezeichneten Sie Ihre Mission als „Traumreise“. War die Zeit auf der ISS tatsächlich so traumhaft – oder einfach nur sehr anstrengend?

Ich würde sagen, es war eine ganz große Traumreise. Es war alles dabei – angefangen mit Spannung, weil Weltraumschrott auf die ISS zugesteuert ist; dann viel wissenschaftliche Forschungsarbeit, die zum Glück gut gelaufen ist; und zum Schluss noch die Möglichkeit, einen Weltraumspaziergang machen zu können. Auch die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus Russland und den USA hat gut funktioniert. Wir waren ein sehr harmonisches Team. Dann habe ich noch die erste private Crew von Axiom Space an Bord der ISS begrüßen dürfen – und vor meinem Rückflug noch meine Esa-Kollegin Samantha Cristoforetti, die jetzt die Forschungsarbeit fortsetzen wird. Also es wird extrem schwer sein, diese Mission zu toppen.

Sechs Monate im All

Matthias Maurer , 52, war 177 Tage auf der Internationalen Raumstation ISS. Der Astronaut der europäischen Raumfahrtagentur Esa kehrte am 6. Mai auf die Erde zurück, von der er am 11. November 2021 ins All gestartet war.

Für die Mission namens Cosmic Kiss war der Saarländer in den rund sechs Monaten im All an mehr als 100 Experimenten beteiligt. Dabei ging es laut Deutschem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) darum, „irdische Probleme unter anderem in der Biologie, Medizin und Material-wissenschaft noch besser verstehen zu können“. Maurer absolvierte auch einen Außeneinsatz. Er war der zwölfte Deutsche im Weltall. sha

Sie sprachen eben Ihren Weltraumspaziergang an, der fast sieben Stunden gedauert hat. Wie haben Sie diesen Außeneinsatz an der ISS erlebt?

So ein Weltraumspaziergang ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mentale Herausforderung. Man trainiert vorher alles, man weiß, wie die Arbeitsabläufe sind, wie die Technik funktioniert – und trotzdem hinterfragt man sich. Ist man genug vorbereitet? Weiß man wirklich, was zu tun ist? Das sind alles Fragen, die einem in diesem Moment in den Kopf kommen. Wichtig sind dann vor allem die ersten 15 Minuten. Da geht es darum zu realisieren, dass man tatsächlich draußen im All ist. Der Kopf sagt einem beim Ausstieg: „Oh, ich falle.“ Denn man sieht nur noch die Erde unter den Füßen und hat das Bedürfnis, sich irgendwo festzuhalten. Das Problem ist, wenn man sich zu stark mit den Händen festklammert, verbraucht man zu viel Energie und die Arme werden müde. Das musste ich also vermeiden. Und da hatte ich vor meinem Weltraumspaziergang dieses Kopfkino: Wie gelingt mir das am besten?

Und wie ist es Ihnen schließlich gelungen?

Ich hatte mir vorgenommen, mich erst mal nur auf Raja (Raja Chari, Nasa-Astronaut, der mit Maurer zur ISS flog, Anm. d. Red.) zu konzentrieren und gar nicht nach unten zur Erde zu schauen. Aber dann ist schon direkt am Anfang etwas schief gelaufen: Der Rettungsrucksack von Raja, der ihn im Ernstfall wieder zur ISS zurückbringen sollte, hat ausgelöst. Da dachte ich: „Na toll. Das geht ja gut los.“ Ich habe Raja dann geholfen, bin danach kurz zurück in die ISS, um eine Tasche zu holen und habe mich schließlich so in einem Seil verheddert, dass die Kamera und die Beleuchtung von meinem Helm abgegangen sind. Auch das sollte eigentlich nicht passieren. Also wir haben dann schon eine knappe Stunde verloren, nur um diese kleinen Probleme zu lösen. Das Gute daran war: Es hat geholfen, das Kopfkino auszublenden.

Ein weiterer Schockmoment wartete nach dem Außeneinsatz auf Sie, als geringe Mengen Wasser in Ihrem Helm gefunden wurden. Wie schafft man es, da einen kühlen Kopf zu bewahren?

Da bestand eigentlich keine Gefahr. Ich habe nach dem Einsatz einen kleinen Wassertropfen in meinem Helm bemerkt, war mir aber gar nicht sicher, woher er kam. Als sich ein paar Minuten später dann mehr Wasser in meinem Helm sammelte, habe ich es angesprochen. Und dann wurde mir der Helm auch schon wieder abgenommen. Also das war für mich nichts Kritisches.

Bei Ihrem Weltraumspaziergang und auch sonst auf der ISS hatten Sie einen einzigartigen Blick auf die Erde. Sie haben diese Aussicht als „Gefühl mit ganz viel Gänsehaut“ beschrieben. Macht einen dieser Perspektivwechsel zu einem anderen Menschen?

Absolut. Wenn man in die Cupola (dem Beobachtungsturm der ISS, Anm. d. Red.) schwebt und um sich herum nur Weltraum und Erde sieht, merkt man erst, wie klein doch alles von dort oben ist. Und man denkt: Alles, was auf der Erde passiert, muss miteinander zusammenhängen. Das sieht man, das fühlt man, das spürt man, das sagt einem das Herz im ersten Augenblick. Und wenn man dann etwa über den Urwald in Brasilien fliegt und dicke schwarze Rauchwolken aufsteigen sieht, weil dort Brandrodungen betrieben werden, macht einen das wiederum sehr traurig. Man erkennt, wie die Lunge des Planeten förmlich abbrennt. Auch den Krieg in der Ukraine haben wir aus 400 Kilometern Höhe gesehen. Als wir nachts über das Land geflogen sind, sah man immer wieder weiße Blitze. Das war kein Feuerwerk, sondern Raketen, die dort eingeschlagen sind. Wir konnten den Krieg in der Ukraine mit eigenen Augen sehen. Ich war zwar weit weg von der Erde, in vielen Momenten aber sogar dichter dran als die Menschen am Boden.

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