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In der Union heißt es, Laschet habe sich im Kanzleramt gesehen, aber nicht im Wahlkampf.
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In der Union heißt es, Laschet habe sich im Kanzleramt gesehen, aber nicht im Wahlkampf.

Bundestagswahl

Armin Laschet: Nicht konzentriert genug

  • VonKristina Dunz
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Der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, hat den Bundestagswahlkampf auf die leichte Schulter genommen. Stürzt die Union deshalb nach der Wahl in die Opposition, wird es in der Partei ein Erdbeben geben. Eine Analyse.

Nein, der Regen ist nicht lila, der Himmel nicht purpurfarben. Und der Wolkenbruch bei diesem ersten von nur zwei gemeinsamen Wahlkampfauftritten, die Armin Laschet der Kanzlerin abgetrotzt hat, erzeugt auch keine Weltuntergangsstimmung wie der Welthit „Purple Rain“. Es ist einfach nur nass und grau in Stralsund. Jedenfalls wird der kostbare Termin mit Angela Merkel für den Unionskanzlerkandidaten ein Reinfall. Der Regen prasselt, es wird gepfiffen und gepöbelt.

Es sind nur wenige CDU-Fans am Dienstagabend zum Alten Markt der Hansestadt gekommen. Die Störer sind lauter als sie. Man hört „Hau ab!“ und „Merkel muss weg“. Wahrscheinlich brüllen sie das noch, wenn Merkel nicht mehr im Kanzleramt ist. Die freiwillig scheidende Regierungschefin lässt das von sich abtropfen wie Regen. Sie hat Vulgäreres erlebt im Wahlkampf 2017 nach dem Flüchtlingssommer, als NPD und AfD sie niederschrien. Vor allem aber ist es jetzt nicht mehr sie, die für die Union die Wahl gewinnen muss. Dafür ist ja Laschet gekommen. Ganz aus dem Westen, wie er sagt.

Der 60-Jährige atmet mehr die Tradition von Helmut Kohl, der katholischen Kirche, des alten Männerklüngels der CDU, die 67-jährige Protestantin Merkel aus der DDR. Er sagt, er sei froh, in Stralsund zu sein. Man kann es ihm nicht glauben. Er wirkt unglücklich hier, seine Ansprache fahrig. Er verliert sich in Raum und Zeit. Bevor er sagt, dass Stralsund an der Ostsee liegt, schaut er auf seinen Zettel. Statt Samstag nennt er Dienstag als Zeitpunkt für den Mord an dem jungen Verkäufer in einer Tankstelle in IdarOberstein, der sterben musste, weil er den Täter auf die Corona-Maskenpflicht hingewiesen hatte.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident hat sich die Kanzlerkandidatur offenbar leichter vorgestellt. Jedenfalls hat er sein „fünfe grade sein lassen“ nicht abgelegt. Er konzentriert sich schlecht, er fokussiert sich nicht auf das gerade Wichtigste. Wenn man ins Kanzleramt will, ist aber jede Minute das aktuell Wichtigste.

Deswegen kann man auch nicht beim Schlendern durch die Altstadt von Osnabrück nebenbei ein Interview geben. Im August nennt Laschet dabei einer „Focus-Online“-Reporterin die Digitalisierung und den Ausbau Deutschlands zum klimaneutralen Industrieland als wichtigste Vorhaben. Sie fragt, ob es noch etwas Drittes gebe. Laschet fragt sich selbst: „Joah, was machen wir noch?“ Aber ihm fällt so schnell nichts ein. Stellt sich die Frage, wer das Wahlprogramm der Union geschrieben hat. Laschet kann sein sogenanntes Entfesselungspaket, sein „Modernisierungsjahrzehnt“, sein Nein zu Steuererhöhungen aus dem Wahlprogramm spontan nicht abrufen. Ein Bundestagswahlkampf ist eben kein Spaziergang. Der Rheinländer habe sich im Kanzleramt gesehen, aber nicht im Wahlkampf, heißt es in den Weiten der Union.

Dann ist da noch sein Lachen im Flutgebiet im Juli in einem scheinbar unbeobachteten Moment während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Opfer spricht. Nicht realisierend, dass alle Kameras immer auch auf den gerichtet sind, der das wichtigste politische Amt im Land einnehmen will. Wenn ihm etwas die Chancen auf die Kanzlerschaft so richtig versaut haben wird, dann dieses eine Lachen.

Dabei war die schreckliche Flut die größte Chance, sich als Krisenmanager, Kümmerer, Landesvater zu beweisen. Die SPD hat nach Überflutungen im Osten einst eine Landtags- und eine Bundestagswahl gewonnen. Es weiß nicht jeder, dass Laschet ein mitfühlender, warmherziger Mensch ist, der Opfer nie verhöhnen oder sich über sie lustig machen würde. Er muss es zeigen.

Eigentlich wollte Merkel sich ganz aus dem Wahlkampf heraushalten, aber je schlechter die Umfragewerte für die Union wurden, desto mehr stieg der parteiinterne Druck, dass sie für Laschet etwas tun müsse. Und so liest sie Anfang September in ihrer letzten Rede als Bundestagsabgeordnete ein paar Zeilen vom Blatt ab, warum die Deutschen den Mann zum Kanzler wählen sollten. Nämlich, weil es sonst ganz schlecht aussehe. Oder so ähnlich. Hängen bleibt nicht, was sie sagt, sondern dass sie etwas sagt. Man weiß nicht, was Laschet mehr schadet: Keine Unterstützung von Merkel oder diese. Aber in Stralsund, in ihrem Wahlkreis, legt sie sich richtig für ihn ins Zeug.

Er wiederum lobt Merkel. Aber er verhaut sich in Ton und Fakten. Wer habe sich das vor 30 Jahren ausgemalt, als sie hier zum ersten Mal angetreten sei – aus der Bürgerbewegung kommend, Sprecherin des ersten Ministerpräsidenten „der freigewählten DDR“?, fragt er. Bundesministerin sei sie geworden und habe am Ende aus „Pommern, Vorpommern hinaus“ 16 Jahre Deutschland regiert. „Das ist eine grandiose Leistung. Seien sie stolz auf diese Bundeskanzlerin, auf diese Abgeordnete.“ Was jetzt? Weil sie aus Pommern kommt und als Ostdeutsche trotzdem das Land regieren kann? Merkel wurde übrigens in Hamburg geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Nur ihr Wahlkreis liegt in Mecklenburg-Vorpommern. Und es war die erste frei gewählte Volkskammer der DDR und nicht die frei gewählte DDR. Es sind kleine Ungenauigkeiten, aber sie lenken vom Eigentlichen ab und tragen ihm Spott ein.

Wie beim Auftakt zum Schlussspurt des Wahlkampfs Ende August in Berlin. Statt von der Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 in Mogadischu durch die Elitetruppe GSG9 spricht er davon, dass diese „Deutsche aus der entführten Lufthansa-Maschine in Landshut befreit“ habe. Man weiß, was er meint. Aber gesagt hat er es anders. Nicht konzentriert, nicht fokussiert.

Wie hart der Christdemokrat sein kann, welche Steherqualitäten er hat, ist im Wahlkampf untergegangen. Bisher hat er davon profitiert, dass er unterschätzt wurde. 2017 gewann er überraschend die Wahl im SPD-Stammland NRW und wurde Ministerpräsident. Unionsanhänger:innen schauen deshalb bei der neuen Forsa-Umfrage nicht auf den großen Vorsprung von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in den Persönlichkeitswerten. Sie schauen darauf, dass die Union bei 22 und die SPD bei 25 Prozent taxiert wird. Zuletzt lagen die Fachleute für Demoskopie vor Wahlen oft daneben.

Im Januar 2021 setzte sich Laschet im Ringen um den CDU-Vorsitz mit einer überraschend guten Rede gegen Friedrich Merz durch, und im April zog der nette Rheinländer eiskalt alle Register, um CSU-Chef Söder im Machtkampf um die Kanzlerkandidatur auszustechen. In alter CDU-Männermanier paktierte er mit den Haudegen Wolfgang Schäuble und Volker Bouffier und ließ sich von ihnen stützen – und unter Druck setzen. Er werde den CDU-Vorsitz schnell wieder los sein, wenn er nicht Kanzlerkandidat werde, soll Schäuble gedroht haben. Gewinnt Laschet, wird Deutschland mit dem Rheinländer nach der preußischen Merkel wohl ein paar Lockerungsübungen machen müssen. Die Frage ist, was mit ihm passiert, wenn die Union die Wahl verliert. Dann nämlich dürfte sein Parteivorsitz tatsächlich wanken.

Es würde ein Erdbeben geben, ein Hauen und Stechen um den Fraktionsvorsitz im Bundestag, kein Stein auf dem anderen bleiben, heißt es. Die CSU würde der CDU die Schuld geben, Söder triumphieren, die Laschet-Leute in die Wüste geschickt. Der rechte Flügel der Partei würde nach vorn drängen, der konservative Part Ansprüche erheben. Ihn hat der liberale Laschet durch seine Einbindung von Friedrich Merz selbst gestärkt. Laschet hat es genauso wenig wie seine Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer vermocht, vor allem auf das eigene Lager zuzugehen und die Talente dort zu fördern.

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